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Heinrich Steinfest: Gewitter über Pluto.

Roman.
München: Piper, 2009.
400 S.; geb.; Euro 20,-.
ISBN 3492053106.

Link zur Leseprobe

Dabei fängt es an wie ein ganz normaler Krimi, ein wenig zumindest: Protagonist Lorenz Mohn, Pornodarsteller in der Blüte seiner Jahre, erkennt plötzlich, dass ihn sein Beruf nicht mehr erfüllt. Um seinen neuen Traum, den vom eigenen Wollgeschäft, zu verwirklichen, muss er sich allerdings mit Claire Montbard, der Grande Dame der Unterwelt, einlassen. Der Aufbau des Ladens ist schnell in vollem Gange, bald lernt Lorenz auch seine bezaubernde Nachbarin Sera kennen, die sofort zur Frau seines Lebens erkoren wird. Die Idylle wird nur von ihrer feindseligen, übellaunigen Schwester Lou getrübt. Und von der Leiche, die Lorenz eines Morgens unter seinem Bett entdeckt.

Wer Heinrich Steinfest kennt, wird von diesem ein wenig seltsamen Plot nicht erwarten, dass er einen einigermaßen kohärenten Verlauf nimmt. Schon mit seinem einarmigen Detektiv Cheng, dem mittlerweile vier Romane gewidmet wurden, hat der Autor bewiesen, dass das Normale sein Fach nicht sein will. Auf den Seiten von "Gewitter über Pluto" stößt der Leser nicht nur auf Polizisten, Zuhälter und Schießereien, sondern auch auf überaus kultivierte Außerirdische, paläontologische Verschwörungen und rabiate Zwerge. Ja, Zwerge.

Dass diese Handlung alleine nicht das tragende Moment sein kann und will, liegt auf der Hand. Stattdessen ist es das Ornament, das bei Steinfest den Kern darstellt: In bester Max Goldt'scher Manier springt der Erzähler von einem schwindelerregenden Exkurs zum nächsten; das ganze Erzähluniversum scheint nur Anlassgeber für die nächste und wieder die nächste haarsträubende Abschweifung zu sein, ja sich geradezu aus diesen Abschweifungen zu konstituieren – und tatsächlich greifen, gerade gegen Ende, diese Exkurse ganz gehörig in die Handlung ein. Innerhalb dieser Ausführungen wirft der Erzähler mit den zugleich abgründigsten und possierlichsten Ressentiments um sich. Steinfests Erzähluniversum ist eine Welt uneingeschränkter Wertungen, skurriler Fußnoten und phantastischer Kurzschlüsse. So lernt man als Leser, wie viele Anwälte ein Dinosaurier verschlingen müsste, um satt zu werden, was Japanerinnen und Lederhosen gemeinsam haben, was das Schöne an Schubert ist, dass Sport böse macht, dass die Wahrheit manchmal wie eine zerquetschte Fliege ist, was surrealistische Zufallslyrik und Wirtshausschießereien verbindet und unendlich vieles mehr.

Und dabei verwendet Steinfest eine Sprache, die auf der nächst niedrigeren Ebene wiederholt, was im Großen schon entzückt. Man stößt auf absurde und dennoch ungemein erhellende Vergleiche; so spricht der Protagonist in einer schweren Stunde, "als würde er an jeden Buchstaben ein Beatmungsgerät dranhängen", ein anderer wünscht seiner Frau eine gute Nacht "wie man wünscht: Ab morgen möchte ich Witwer sein."

Was soll der Leser aber nun mit einer Handlung anfangen, die ganz offensichtlich Nebensache ist? Nach einer dahinter liegenden Bedeutung suchen? Das Buch strotzt vor Deutungsangeboten und Hinweisen; diesen sollte man jedoch arg misstrauen. Spöttisch legt Steinfest irreführende Spuren, zieht er ein Netz aus popkulturellen Verweisen, mythologischen Figuren, Zahlen- und Planetenmystik auf – ohne jedoch ein konventionelles "Dahinter" zu bieten.

Doch eigentlich ist der Leser gewarnt, schon weit vorne im Buch setzt der Erzähler ihn ins Bild: Er erklärt den Unterschied zwischen Moderne und Postmoderne so, dass erstere für das ständige und zwecklose Warten auf etwas stünde, sei das Godot, die Audienz beim Schlossherren oder der Linienbus; bei letzterer hingegen käme ständig alles, egal, ob irgendjemand darauf gewartet hätte (außer natürlich, wie Steinfest sorgfältig herausstreicht, der Linienbus).

Die Postmoderne als Zeitalter der überbordenden Fülle, des Verzichts auf große Fragen für das Spiel mit unzähligen Diskursen: Unter diesen Vorzeichen gelesen (und alles andere würde ihm Unrecht tun) macht der Roman endlosen, anarchischen Spaß, hinter dem vielleicht kein Sinn, vielleicht ein bisschen Tiefsinn, aber ganz bestimmt Haltung steckt.

So keimt im Leser zu Recht die Frage, ob dem Erzähler, diesem Taschenspieler, nicht auch zuzutrauen sei, am Ende einfach die Karten einzustecken und schulterzuckend von der Bühne zu steigen. Ganz so einfach, soviel sei verraten, macht es sich Steinfest nicht – zumindest nicht ohne eine letzte erzählerische Abgründigkeit.

 

Bernhard Oberreither
10. November 2009

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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