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Johannes Weinberger: Das kleine Tao der Tiere.

Wien: Luftschacht Verlag, 2009.
144 Seiten; geb.; Euro 17,-.
ISBN 978-3-902373-45-8.

Link zur Leseprobe

"Ich hätte gerne einen Mundvoll Hornissen, sage ich. [...]
Was? Bitte eine Handvoll Rosinen. Ah, macht er, und sein Gesicht hellt sich dankbar auf, Rosinen wünschen der Herr also! Nein, einen Mundvoll Hornissen möchte ich, bitte, danke, entgegne ich."

Der Leser runzelt die Stirn, hält überrascht und amüsiert inne, liest kopfschüttelnd weiter. Johannes Weinberger schildert diese unerhörte Begebenheit so ungerührt, als geschähe solches jeden Tag. In seinem Prosastücke-Band Das kleine Tao der Tiere tut es das auch: es regnet Katzen und Rehkitze, aus gelben Luftballons tropft Blut, Leichen tragen die Namen von Wünschen und aus dem Teppich wachsen "kleine Kinder mit winkenden Fingern statt Haaren auf dem Kopf." Menschen verwandeln sich in Frösche, sie häuten sich wie Schlangen und fahren Sommers Schlittschuh auf dem trockenen Asphalt.

"Und was man nicht beweisen kann, ist in jedem Falle wahr. Ohne Ausnahme."

Weinberger gestaltet in seinem liebevoll aufgemachten Buch ein poetisches Traumreich, so unwirklich wie wirklich: Die über fünfzig Prosaminiaturen tragen Titel wie Das Weltall, Die Unschuld, Die Verzweiflung, Der Tod. Sie sind Meisterwerke sprachlicher Präzision und einer überscharfen, verfremdenden Beobachtung des Details. Der Autor (be)schreibt keine schöne neue Welt, sondern entwirft vielmehr das Zerrbild einer Existenz, die wir schaudernd als ureigene erkennen: "Alles ist so, wie es immer gewesen ist: unenträtselbar." Er versucht, hinter die Abziehbilder der Welt zu blicken, voller Skepsis einer Sprache gegenüber, die sich starrer Begriffe und vorgefertigter Schablonen bedient, um Ordnung in das Chaos zu bringen. Ihr entgegnet er mit der Sprache der Dichtung, die das Ding, von dem sie spricht, in seiner Vieldeutigkeit, Offenheit und Rätselhaftigkeit belässt.

"Und morgen werde ich mir meinen eigenen Namen auf die Stirn schreiben, in Spiegelschrift."

Wie Franz Kafkas ist auch Weinbergers "Wirklichkeit [...] ein weitläufiger Raum der Einbildungskraft." (Peter André-Alt) In ihr gründet alles Erleben und Begreifen: Jede Irritation erzwingt eine Reaktion, jede neu eingenommene Perspektive lässt Wirklichkeit anders begreifen: "Jeder findet, was ihm zukommt, seine Geburt, sein Glück, sein Unglück und sein Ende. Je eigenartiger, phantasievoller ein Mensch ist, desto ausgeprägter wird sich alles für ihn abspielen. Schicksal ist alles," schreibt Alfred Kubin. Weinbergers Erzähler ist beides: phantasiebegabt und Fatalist. Es gibt kein Entrinnen, "der Schrecken der Träume besteht aus ihrer Wirklichkeit." Seine Prosastücke reflektieren die Ungeborgenheit des Erzählers in der Welt, die als Gegenwelt empfunden und erlitten wird. Wie Alice hinter den Spiegeln lebt er in einem poetischen Wunderland, faszinierend und bedrohlich zugleich: Die Gesetze der Logik haben hier keine Gültigkeit mehr, Raum und Zeit sind außer Kraft gesetzt, es gibt hier "keine Erinnerung an ein Vorher und kein Bild von einem Nachher".

It's the end of the world as we know it. (And I feel fine).
(REM)

 

Martina Wunderer
17. März 2010

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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