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Bernahrd Aichner: Schnee kommt.

Roman.
Innsbruck, Bozen, Wien: Skarabaeus, 2009.
214 S.; geb.; Euro 19,90.
ISBN: 978-3708232430.

Link zur Leseprobe

Als der Mautner Dieter in seiner Kabine vor dem Tunnel sitzt, ist es eine Nacht wie jede andere, nur dass plötzlich, und eigentlich viel zu früh, Schnee vom Himmel fällt. Was er nicht ahnen kann ist, dass das Schicksal die namenlosen Gesichter, die an diesem Abend an ihm vorüberziehen, zusammenführen wird.

Zwei verheerende Autounfälle stehen am Beginn des Romans "Schnee kommt", den der Fotograf und Schrifsteller Bernhard Aichner in einem Tunnel ansiedelt: ein schrecklicher Auffahrunfall, in den drei Autos verwickelt sind, und ein umgekippter Lkw, der den Eingang des Straßentunnels versperrt. Hilfe lässt auf sich warten, denn mit dem ersten Schnee kommt auch das Verkehrschaos. Genügend Zeit für den Autor, um die Geschichte von neun Beteiligten, die außer- und innerhalb des Tunnels festsitzen und warten, zu erzählen.

Dabei wird von unglaublichen, überzeichneten Vergangenheiten berichtet, die aber doch an die möglichen Abgründe des Lebens gemahnen: Valentin, der LKW-Fahrer, der seiner Verlobten versehentlich den Fernseher in die Badewanne wirft; Ruben, der erfolglose Schauspieler, der nach monatelangem Koma einen Geldtransporter ausraubt; Bertram, der ehemals hübsche Arzt, der sich seine Nase bei der Heimarbeit wegschneidet und nun seinen perversen Neigungen nachgeht; Uschi, dessen frustrierte Frau; Suza, die sich als blinde Fotokünstlerin ausgibt; ihr Partner Maurice, der sie dazu zwingt; Dina und Melih, ein unglückliches Ehepaar; Walter, des Lebens überdrüssig; Dieter und Claudia, beide noch immer Jungfrauen...

Die Protagonisten scheinen in der verhängnisvollen Extremsituation weit davon entfernt, Taten der Nächstenliebe und des Mitgefühls zu setzen. Vielmehr sind sie skrupellos mit der Sorge um sich selbst beschäftigt. Die im Tunnel Festsitzenden stellen nüchtern den Tod von Maurice fest, Uschi ignoriert eine ganze Weile die Klagen ihres eingeklemmten Bertram, Walter stellt lediglich seine Weltverachtung zur Schau und Suza entzieht sich, wie so oft in ihrem Leben, jeglicher Verantwortung, da sie paradoxerweise auch nach dem Tod ihres Managers und Geliebten weiter die Blinde mimt: "Suza war glücklich, sie ignorierte ihr schlechtes Gewissen, sie genoss es, die Vorstellung, dass sie wieder frei war, allein, ohne ihn, dass er nichts mehr bestimmte in ihrem Leben, dass sie tun konnte, was sie wollte. Dass sie hingehen konnte, wohin sie wollte. Sie war glücklich, lachte innerlich, laut, sie jubelte, aber ihr Gesicht ließ sie traurig aussehen, immer noch geschockt von den Ereignissen."

Die Unfälle scheinen nur zu gut die inneren Zustände der Protagonisten zu unterstreichen – denn es sind zerschmetterte Identitäten und tiefe Abgründe, in die der Leser blickt. "Schnee kommt" zeigt nicht normale Menschen, die in einer brutalen Realität leben, sondern vielmehr brutale Menschen, die in der normalen Realität leben.
Der rote Faden aller Geschichten wird am Punkt der maximalen Unzufriedenheit mit dem Leben aufgenommen und bei der Suche nach Liebe – zerfranst – wieder fallen gelassen. Das Thema der menschlichen Sehnsucht, die egoistisch, blind, großzügig, selbstzerstörerisch und vor allem hilflos sein kann, erinnert an Nur Blau (2006), auch wenn Aichner in seinem neuen Buch die Chronik seiner groben und zugleich doch zerbrechlich gezeichneten Figuren um einiges schonungsloser anlegt als im Vorgängerroman.

Auch formale Merkmale aus "Nur Blau" kehren im Roman "Schnee kommt" wieder: Das Wechselspiel von Rückblenden und Gegenwartsschilderungen etwa lässt da wie dort die Leselust erwachen. Filmisch anmutende Szenen bewegen sich zwischen Seifenopern- und "Shortcuts"-Ästhetik, Cliffhanger legen so manche Verbindung der Protagonisten frei, die zunächst im Verborgenen lag.
Mit dichter Beschreibung und bildhaftem Ausdruck führt das Multitalent Aichner eindrucksvoll seine dramatische Erzählkunst vor.
Sein Sprachminimalismus schafft der ausgefeilten Handlung den idealen Nährboden – ein Boden, auf dem jedes Ende einen neuen Anfang erfährt, und ehe man sichs versieht, ist alles weiß: "Überall Schnee."

Julia Zarbach
30. März 2009

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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