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Susanne Alge: Premiere für Han Li.

Roman.
Hohenems: Limbus Verlag, 2009.
292 S.; geb.; Euro 19,80.
ISBN 978-3-902534-24-8.

Link zur Leseprobe

Sich selbst zu lieben, ist nicht immer leicht. Schon gar nicht für Teenager. Der Ich-Erzählerin in Susanne Alges Roman "Premiere für Han Li" will dieses Kunststück absolut nicht gelingen: Roswitha verabscheut ihren Vornamen ebenso wie ihre Eltern, ihre Haare und ihre Figur. Und sie ist überzeugt, dass alle anderen sie ebenso verachtenswert finden, wie sie selbst es tut. Alle sind Feinde. Fast alle. Und auch den Freunden ist nicht immer ganz zu trauen. Sie warten doch auch nur darauf, dass man sich vertrauensvoll eine Blöße gibt und Schwäche zeigt. Aber so weit wird es nicht kommen. Hart bleiben heißt die Devise. Dann ist die Einsamkeit zumindest ein selbst gewähltes Los und keine Niederlage.

Susanne Alge erzählt von einer schwierigen Jugend in den späten 60er und frühen 70er Jahren, irgendwo in einer deutschen Stadt. Besser gesagt, sie lässt ihre Protagonistin selbst erzählen, und die ist dabei keineswegs zimperlich. Kein Wunder. Sie kommt aus tristen kleinbürgerlichen Verhältnissen, einer richtig spießigen Familie, die kleine Schwester wird ihr immer als Brave und Gute vor Augen gehalten – und überhaupt ist das Leben öde und unerfreulich, und zu allem Überfluss auch noch der Umgangston samt Heiler-Welt-Fassade verlogen. Nicht einmal das biedere Familienidyll ist, was es scheint: der Vater wird in Frauenkleidern erwischt und schuldig geschieden.

Leiden macht sensibel für das Elend der Welt. Es gibt andere, denen es noch schlechter geht. Durch die Medien geistert Vietnam. Für die Ich-Erzählerin nehmen die Kriegsgräuel Gestalt an in einem schockierenden und berührenden Lichtbild des Fotografen Nick Ut: Das "World Press Photo of the Year 1972" zeigt ein kleines nacktes Mädchen in der Napalm-Hölle. Es scheint vor den Verbrennungen davonlaufen zu wollen, die seinen ganzen Körper überziehen, und schreit vor Schmerz. "Han Li" nennt Roswitha die kleine Vietnamesin und nimmt sich vor sie zu rächen, wenn sie sie schon nicht retten kann.

Ausgespart aus dem Roman ist die reale Geschichte "Han Lis". Hinter Roswithas Identifikationsfigur verbirgt sich die ehrenamtliche UNESCO-Botschafterin (Goodwill Amabassador) Phan Thi Kim Phuc, die am 8. Juni 1972 bei einem Napalm-Angriff schwere Verbrennungen erlitt und dabei von Nick Ut nicht nur fotografiert, sondern auch gerettet und ins Krankenhaus gebracht wurde. Der Fotograf erhielt für sein Bild – eines der bekanntesten aus dem Vietnamkrieg – den Pulitzerpreis, und Phan Thi Kim Phuc engagiert sich heute weltweit für Kinder unter den Kriegsopfern.

Das alles kann Roswitha in den 70er Jahren aber natürlich noch nicht wissen. Und bis zur "Premiere für Han Li" ist es ein weiter Weg. Auch wenn die Ich-Erzählerin zunehmend politisches Bewusstsein und eine gewisse Sensibilität für Ungerechtigkeiten aller Art entwickelt, braucht es noch eine zerbrochene Freundschaft, eine kaufmännische Lehre, eine enttäuschte erste Liebe, neue Bekanntschaften, ein paar Zufälle und ein unglückliches Verliebtsein, bis Roswitha zum Theater und zum Schreiben findet. Und das Schreiben versteht sie nicht zuletzt als Anklage. Roswitha arbeitet pro forma in einer Anwaltskanzlei und zitiert schreibend die Welt vor Gericht. Ihr Erstling wird ein "Kriegsverbrecherdrama". Diese Art von Künstlerdasein liegt Roswitha. Gewohnheitsmäßige Bärbeißigkeit und raues Benehmen passen gut zu einem zornigen jungen Talent. Die Schale wäre beinahe authentisch, gäbe es da nur ein klein wenig mehr Selbstsicherheit.

Dabei geht es doch vor allem um Selbstschutz. Freundlichkeit und Nähe machen verletzlich, ist Roswitha überzeugt und lässt sicherheitshalber keine aufkommen. Lakonisch und boshaft kommentiert sie die Vorgänge und Ereignisse um sich herum und lässt an (fast) niemandem ein gutes Haar, am wenigsten an sich selbst.

"Findest du, dass ich trübsinnig, übellaunig und ekelhaft bin?" lässt Susanne Alge die junge Protagonistin fragen – diese rennt dabei konsequent vor dem Leben und dem Glück davon, gepanzert mit Trübsinn, übler Laune und ekelhafter Stacheligkeit, Waffen, die sich noch viel mehr nach innen richten als nach außen. Roswitha steht sich selbst im Wege, reißt alle Brücken ab, die andere zu ihr bauen wollen und verschanzt sich in ungewollt gewollter Einsamkeit hinter einer Mauer aus Zynismus und schwarzem Humor. Ausweglos. In beredter Verzweiflung macht sie sich lustig über sich selbst und schreit ihren Schmerz in sich hinein. Und ein wenig auch aus sich heraus, in ihrem Stück über die Schrecken des Krieges – einem Stück, in dessen Mittelpunkt das Bild eines anderen kleinen Mädchens steht, das gerne davonlaufen möchte – und dabei schreit vor Schmerz.

Sabine Dengscherz
17. März 2009

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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