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Zdenka Becker: Taubenflug.

Roman.
Wien: Picus Verlag, 2009.
208 S.; gebunden; Euro 19,90.
ISBN 978-3-85452-645-2.

Link zur Leseprobe

Für den (Groß)städter sind Tauben ausnahmslos schmutzige, lästige und eher unschöne Geschöpfe, die er, so oft es geht, zu vertreiben versucht. Die Protagonistin des neuen Romans von Zdenka Becker ist aber zunächst einmal keine Städterin. Tauben sind für sie etwas unendlich Kostbares, und der Leser wird nach und nach erfahren, warum. Dass sich hinter dem eher konventionellen, wenn nicht sogar kitschigen Coverfoto eine Geschichte verbirgt, die sich gewaschen hat, überrascht den Leser nicht weniger als Silvias Liebe zu den grauen Vögeln.

Silvia – deren Name sehr selten fällt, da das Geschehen immer aus ihrer Perspektive und dazu in der Ich-Form erzählt wird – ist eine nicht mehr junge Frau, die gerade ihre Mutter verloren hat und zum Begräbnis in ihre Heimatstadt Bratislava fährt. Die Dinge, die sich dort innerhalb weniger Tage ereignen – quasi um das Begräbnis herum – dienen als Rahmenhandlung für die atemberaubende Geschichte, die die in Wien lebende, alleinstehende Wissenschaftlerin erzählen wird. Ruhig und gelassen, aber auch äußerst lebendig und hin und wieder auch schmunzelnd wird sie ihr ganzes Leben ausrollen und dabei die anfangs konfus erscheinende Personenkonstellation restlos aufklären – wobei mehrmals im Verlauf der Handlung, und zwar immer dann, wenn man es am wenigsten erwartet, Überraschendes passiert – bis zum Schluss.

Das Mädchen Silvia wächst mir ihrer verwitweten Mutter auf, der Vater ist an einer arbeitsbedingten Asbestvergiftung gestorben. Mit den Nachbarsbuben Gregor und Daniel, die ebenfalls ihren Vater verloren haben, verbindet sie von frühester Kindheit eine enge, ganz selbstverständliche Freundschaft. Die drei wachsen "wie Geschwister mit zwei Müttern" auf. In dem stark katholisch geprägten Dorf – durchaus vergleichbar mit einem österreichischen – erleben die drei eine weitgehend unbeschwerte, glückliche und auch abwechslungsreiche Kindheit, die dann zur richtigen Zeit in eine auch mehr oder weniger normale Jugend übergeht. Lediglich der latent vorhandene Streit der beiden an sich befreundeten Mütter um ein Gartenstück hinter dem Haus beschattet das verspielte Aufwachsen der Kinder. Ein großes Ereignis – das den tragischen Verlauf der weiteren Handlung ganz entscheidend bestimmen wird – ist die Ankunft eines neuen Pfarrers. Der etwa vierzigjährige, jugendlich und in jeder Hinsicht modern wirkende Mann, pädagogisch begabt und voller Ideen, findet von Anfang an den richtigen Zugang zu den Kindern und Jugendlichen. Tatsächlich trägt er viel zu ihrer Entwicklung bei: Er organisiert Ausflüge und Reisen, musikalische und sportliche Veranstaltungen und schenkt den Kindern Bücher. Dem an Biologie interessierten Daniel, einem seiner Lieblinge, schenkt er ein Taubenpärchen, worauf dieser sich zu einem leidenschaftlichen Brieftaubenzüchter entwickelt.

Dass der dynamische Pfarrer sich von den Buben dabei ganz andere Dienste erwartet, wird Daniel bei einem Ausflug klar – was seiner Liebe zum Pfarrer vorläufig ein Ende setzt. Sein Bruder Gregor hingegen scheint sich mit Herrn Matuš irgendwie arrangiert zu haben: Ihre bedenklich enge Freundschaft bleibt bestehen, bis Daniel seine erste Freundin hat. Zu dieser Zeit, ausgerechnet in den Tagen, in denen russische Truppen in die Tschechoslowakei einmarschieren, wird der Pfarrer ein zweites Mal den mittlerweile siebzehnjährigen Daniel sexuell nötigen, was zum endgültigen Zerwürfnis der beiden und in weiterer Folge zu Daniels Flucht aus der Tschechoslowakei führt. Wie Silvia, die von frühester Kindheit an in den hübschen Burschen verliebt war und mit ihm zusammen ein großes Interesse für die gar nicht so uninteressanten Vögel entwickelt hat, ihrer Liebe in den Westen folgt und sich auf eine jahrzehntelange Suche nach Daniel macht, soll hier nicht weiter ausgeführt werden. Und auch nicht, ob sie ihm je wieder begegnet oder ob all ihre Mühe erfolglos bleibt und sie den Verlust ihrer einzigen großen Liebe hinnehmen muss.

"Taubenflug", der dritte Roman der aus Tschechien stammenden und in Sankt Pölten lebenden Autorin, ist ein ungewöhnlich handlungsreicher Text. Sein geradezu brillanter Aufbau macht ihn spannender als so manchen Krimi. Die einzelnen Handlungsstränge – auch wenn sie alle zu einem großen Ganzen gehören – lassen sich ebenso wenig in zwei Sätzen zusammenfassen wie sich die Themen und Fragen, denen Becker auf den gut 200 Seiten nachgeht, auf wenige Stichworte reduzieren lassen. Die unglaubliche Bosheit und rücksichtlose Habgier der Menschen; der vermeintlich gut gemeinte mütterliche Drang, das Leben der Tochter zu bestimmen; die Einmaligkeit mancher Liebesbeziehungen; das sonderbare (weil ausnahmslos monogame) Liebesleben der Tauben; die friedliche Koexistenz von Katholizismus und Sozialismus; die schockierende Korruption unter dem scheinbar gerechten sozialistischen Regime; die absurden Lebensstile auf dem amerikanischen Kontinent; der private Preis einer beachtlichen wissenschaftlichen Karriere; das Stadt-Land-Gefälle; das veränderte Leben nach dem Fall des Eisernen Vorhangs – das sind nur einige davon. Im Mittelpunkt steht dennoch die Frage, inwiefern uns die hartnäckig verteidigte Hoffnung auf Erfüllung einer verloren geglaubten Liebe daran hindert, mit anderen Menschen Liebe zu erleben. Und vor allem: ob sich das Warten lohnt.

Beckers Erzählstil ist hingegen einheitlich. Die Geschichte ist konventionell erzählt, der Leser stößt zwar immer wieder auf Überraschungen, wird aber niemals irritiert; zwischen den zahlreichen Wendemomenten plätschert die Handlung gemütlich dahin. Zdenka Becker ist eine große Meisterin der Natur- und Landschaftsbeschreibungen sowie der Schilderung psychischer Zustände. Besonders einprägsam sind hier atmosphärisch geladene Bilder eines sonnendurchfluteten, scheinbar sicheren, Wärme und Geborgenheit garantierenden ländlichen Lebens – und sein Verlust, nachdem das Dorf planiert und zu einem hässlichen Stadtbezirk umgebaut wird. Aber auch für Szenen des Kindseins und des Heranwachsens, die Erfahrung von Einsamkeit, Zugehörigkeit, Zuneigung und Verlust findet die Autorin treffende und überzeugende Bilder. Es ist ein Text voll menschlicher Wärme, der nie ins Pathetische abgleitet, ein wichtiges Stück unprätentiös erzählter Zeitgeschichte im "anderen" Europa, auch ein durchaus nicht alltäglicher Exkurs in die Zoologie. Den manchmal allzu umgangssprachlichen Duktus ("[...] begann meine Mutter Stress zu machen") und die zweifelhafte Glaubwürdigkeit mancher Teile der Geschichte (eine Uni-Karriere als etwas ganz Selbstverständliches für eine ehemalige Asylwerberin) wird man der Autorin sicherlich verzeihen, genauso die allzu schnelle Erledigung bestimmter Lebensabschnitte der Protagonistin (etwa die Studienjahre). Ungeachtet dessen ist "Taubenflug" ein Roman von zeitloser Schönheit, erzählt mit feinem Gespür für gesellschaftliche Veränderungen und die Beständigkeit von Gefühlen.

 

Jelena Dabic
17. September 2009

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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