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Clemens Berger: Und hieb ihm das rechte Ohr ab.

Erzählungen.
Göttingen: Wallstein Verlag, 2009.
179 S.; geb.; Euro 18,-.
ISBN 978-3-8353-0473-4.

Link zur Leseprobe

Das heikle Gleichgewicht von Inbrunst und Ironie...

Das Christentum ist nicht so überholt, wie man denkt. Jedenfalls, wenn man es beim Wort nimmt. Das tut der knapp dreißigjährige Clemens Berger in seinem neuen Erzählband. Der Titel "Und hieb ihm das rechte Ohr ab" ist ein Bibelzitat.

Das erfahren wir in der gleichnamigen Geschichte. Sie erzählt von den Vorbereitungen für Passionsspiele. Der Laiendarsteller des Judas begreift das Spiel als Wirklichkeit und seine Rolle als Bestimmung. Er studiert das Buch der Wahrheit wie das Drehbuch für sein Leben und begreift: Die ihm zugedachte Aufgabe des Verrats bedeutet eine göttliche Auszeichnung. Denn ohne den Verräter Judas wäre Jesus nicht am Kreuz gestorben und zum Erlöser aller Menschen geworden. Genau in dem Moment, in dem der Judas-Darsteller Alfred durch die Hegelsche "Einsicht in die Notwendigkeit zur Freiheit" findet, sein ihm zugedachtes Leben zu leben, ohne verpassten Chancen hinterherzutrauern, wird aus dem Spiel buchstäblich todernst. Ironie des Schicksals: Als Judas legt sich Alfred die Schlinge um den Hals und springt damit wirklich in den Tod.

Auch in der Erzählung "Eine schwere Geburt" geht es um das Verhältnis von Kunst und Wahrheit. Eine Malerin ist auf der Suche nach dem wahren Bild. Ihr Schlüsselerlebnis: Bei einer einsamen Wanderung durch die Pyrenäen entdeckt sie die Wohnhöhle eines mutmaßlichen Künstler-Eremiten. Von diesem Moment an wendet sie sich von der modernen Kunstszene und dem l'art pour l'art ab und beschließt, von nun an wie die Alten Meister zu malen. Sie zieht von Wien in die österreichische Provinz nahe dem früheren "Eisernen Vorhang". In ihrem Keller malt sie Bilder von dieser unsichtbaren Grenze. Ihren Unterhalt verdient sie mit christlicher Kunst für Kirchen und Klöster. Für die örtliche Gemeinde soll sie ein Altarbild mit der Geburt Christi gestalten. Die Künstlerin besteht darauf, das Bild selbst am Heiligen Abend zu enthüllen. Auf die hierzu eingeladenen Freunde und die Besucher der Christmette wartet ein Schock. Die Malerin hat die biblische Weihnachtsgeschichte beim Wort genommen. Auf dem Bild ist Maria zu sehen, die unter Wehen das Christkind zwischen ihren gespreizten Beinen hervorpresst. Durch den wütenden Impuls eines einfachen Kirchgängers, der die anzüglichen Teile des Gemäldes noch in der Weihnachtsmesse übermalt, erregt das Bild absurderweise Aufsehen in der Kunstwelt. Sollte ihr damit das "wahrste Bild von allen, und das revolutionärste" gelungen sein?

Die Heilige Stadt ist Ausgangspunkt einer beinahe überirdischen Liebesgeschichte. In einer Kirche in Rom sieht der Ich-Erzähler die Geliebte zum ersten Mal. Signal für die Spiritualität ihrer Verbindung. Selbst als sie eine Nacht Bett an Bett nebeneinander liegen, wagt der Ich-Erzähler sie nicht anzurühren. In diesen wachen Stunden begreift er: Cherelle ist mehr als die Geliebte für eine Nacht. Im Französischen bedeutet ihr Name "Liebste Sie", Chiffre für die Frau der Frauen, die göttliche Verheißung Marias. Seine Liebe zur "Frau mit den Augen am Himmel" hat auch über zeitliche und räumliche Entfernungen Bestand. Mit E-Mails und Briefen halten sie zwischen Paris und Wien über Jahre hinweg Kontakt. Bis die, allem Anschein nach bis dahin ledige Cherelle ihm nach drei Jahre dauernder Funkstille die Geburt ihres Sohnes mitteilt – genau in dem Moment, in dem er über ihre Begegnung in Rom zu schreiben begonnen hat.

Clemens Bergers Erzählungen sind Versuche einer Transkription der Heiligen Schrift ins Zeitalter der elektronischen Nachrichten. Ein gewagtes Unternehmen für einen Schriftsteller der Generation "SMS". Das riskante Projekt gelingt nicht immer, kann nicht immer gelingen. Zu weit der Sprung von der Bibel zum Cyberspace über Jahrtausende hinweg, sollte man meinen. Aber manchmal begegnen sie sich eben doch: im Schnittpunkt zwischen flüchtig eingetippten Messages und zeitlos gültigen Wahrheiten. Hauchfein glänzt der heilige Moment manchmal gerade in Randfiguren und Nebenschauplätzen auf: wie dort, wo jedes Jahr am Karfreitag das Vorlesen der Kreuzigung Christi für immer den gleichen alten Mann scheinbar zur Lebensaufgabe wird; oder da, wo sich in der Liebe zu Cherelle die erlebten, erinnerten, brieflich geschilderten oder auch nur vorgestellten Passagen ohne Übergang und doch so selbstverständlich zu einer neuen, augenscheinlich überzeitlichen poetischen Wirklichkeit zusammenfügen. Besonders die Rom-Geschichte vermittelt ein Gefühl dafür, worum es Clemens Berger gehen könnte: eine Passion im doppelten Wortsinn. Das Schwierigste daran stellt sich jedoch nicht in allen Erzählungen ein: das heikle Gleichgewicht von Inbrunst und Ironie.

 

Michaela Schmitz
17. April 2009

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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