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Adelheid Dahimenè: Blitzrosa Glamour.

Gedichte.
Wien: Klever Verlag, 2009.
94 S.; brosch.; Euro 14,90.
ISBN 978-3-902665-09-6.

Link zur Leseprobe

Form oder Inhalt eines literarischen Textes – sofern sie zu erstaunen, zu berühren oder sonst irgendwie zu überzeugen vermögen – reichen für sich allein völlig aus, um seine Existenz zu legitimieren. Ganz besonders erfreulich sind aber Texte, in denen sowohl das Was als auch das Wie stimmt. Der vorliegende Band mit dem blitzrosa Cover ist in einer Hinsicht ganz sicher glamourös: in der Qualität seiner Gedichte.

Würde man versuchen, einen thematischen Schwerpunkt zu nennen, dann am ehesten so: Alltagsbeobachtungen und Reflexionen eines Subjekts von Hier und Heute. Tatsächlich umspannen Dahimènes Texte einen großen Motiv- und Themenbereich: von Natur (etwa dem Erleben der Jahreszeiten) bis zu Gesellschaft und aktuellem Tagesgeschehen, von der Mann-Frau-Beziehung bis zu Alter und Tod. Die Themenvielfalt - und auch den verspielten Ton oder das Geheimnisvolle vieler Texte –deuten auch die Zwischentitel an, die die Textmasse locker gliedern: "VON HUNGER BIS MORGENSTERN", "VON WOLKEN BIS METALL", "VON PLATZEN BIS SCHEINTRACHT". Ein äußerst aufmerksames, hochsensibles, durch und durch kritisches lyrisches Ich, weiblichen Geschlechts und mit nicht wenig Lebenserfahrung, reagiert hier auf die Welt, die es umgibt. Seltener steht die eigene Befindlichkeit im Mittelpunkt – und auch die ist immer in Relation zu den Ereignissen "da draußen" zu sehen. Dabei hat man es mit einer abgeklärten, von jeder Sentimentalität befreiten, gelegentlich ironisch-humorvollen Sicht auf die Dinge zu tun.

Der formale Aufbau dieser Texte korrespondiert mit ihrer thematischen Vielfalt. Ausnahmslos jedes Gedicht bringt weit entfernt Liegendes zueinander und strahlt semantisch in alle Richtungen aus. Da findet die leise Anspielung auf ein berühmtes Bild von Dali durchaus Platz neben Details aus der Elektrotechnik oder Begriffen der Anatomie. Dabei ist es völlig egal, was als Auslöser der gewaltigen Assoziationskette dient: eine Burg, die leise Tragik eines Plattenbaus, ein Blick auf Geleise, ein Moment von Liebessehnsucht, eine poetologische Frage. Das Alltägliche (Winterimpression) wie das Außerordentliche (Szenen einer Geburt), das sinnlich Wahrnehmbare wie das Abstrakte, alles hat miteinander zu tun und schiebt sich durcheinander in einem ständigen Verflechtungs- und Vermengungsprozess; jeder Begriff, jede Form, jeder Gedanke korreliert pausenlos mit nahe- wie fern Liegendem, alles erinnert in Sekundenschnelle an tausend andere Dinge – der Komplexität des Lebens und der Welt kann man auf poetische Weise kaum besser begegnen.

Damit nicht genug, erweist sich Dahimène auch als große Meisterin der Assonanz und der Alliteration: "Von Trotz eine Burg Schießscharten / Wassergräben tiefe Verliese finster im /Dreinschauen [...]"; "Sing das Lied von den drehenden / Winden Schau nicht in den toten / Winkel Schenk mir einen Wackerstein". Ihr Lieblingsverfahren ist aber zweifellos der Binnenreim: " [...] betten Pferde weiß dressiert reiten nach / Osten dort der Morgenstern mit seinen / Spitzen den Harnisch verkostet und / reiner Wein fließt am Rhein oder der / Oder mag ein Fluß sein entweder vielleicht / manchmal gar immer öfterer Tropfen / höhlt bleibend den fruchtlosen Stein".
Gleich an zweiter Stelle steht eine pausenlos stattfindende Dekonstruktion von Redewendungen und Sprichwörtern sowie eine ständige Verschiebung von semantischen Verbindungen. So etwa in einem Faschingsgedicht: "Ist der Februar eine Mumie unter / Gamaschen fleckt das Schaltjahr / Öl in den Fasching dagegen streut / sich ein Harlekin Asche aufs Haupt [...]".
Tatsächlich entspricht der Bau eines jeden Textes einer Kombination dieser Verfahren, ohne dass sich während der Lektüre der etwa achtzig Texte auch nur einmal der Eindruck von Monotonie einstellen würde – dank der unerschöpflichen Fülle von Themen und Motiven und den Mitteln ihrer metaphorischen Darstellung.

Dahimène spielt mit Bedeutungsübertragungen und -verschiebungen aller Art, findet originelle bis kühne Metaphern für alles Mögliche ohne Scheu vor großen Worten: "Die den Himmel frisst [...] die / sich nichts schert um Löcher / da durch sie uns reibt und rauht / bis wir Heißa schrein und verkohlen an ihr". Gemeint ist hier die Sonne, ein mehrmals wiederkehrendes Motiv oder vielmehr eine häufige Protagonistin dahimènescher Lyrik. An einer anderen Stelle vergleicht sie die Dichterin –nicht weniger kühn! –mit einem Spiegelei. Unglaublich reich ist auch die Bilderpalette für alle Formen des Mit- und Füreinanders von Mann und Frau: "hab dich im Herd vergessen im Herr / gottswinkel dem Zippstreifen Licht / speckst ihn dir ab [...] trete einmal dir nahe / dann fern sauge aus deine Sonne"; "habe / zwei Zwetschken zum Sitzen rühre am / Herd deinen Namen wird Trank / barer Zauber"; genauso für verschiedene Gefühlslagen der Elternschaft: "Kenn mich nicht aus früh / oder spät sind alle Kinder im / Suchbild verschwunden".

"Blitzrosa glamour" ist ein Gedichtband, in dem misslungene oder auch nur weniger gelungene Texte praktisch nicht vorkommen. Es ist kaum zu glauben, dass es sich dabei um Dahimènes lyrischen Erstling handelt. Die oberöstereichische Autorin, Jahrgang 1956 und mehrfach preisgekrönte Kinder- und Jungendbuchautorin, publizierte bisher auch drei Prosabände "für Erwachsene": "Meine Seele ist eine schneeweiße Windbäckerei" (Wieser 1996), "Gar schöne Spiele" (Wieser 1998) und "Buttermesser durch Herz" (Ritter 2005).
Im Übrigen lehnt sie eine Einteilung in Kinder-, Jugend- und Erwachsenenliteratur kategorisch ab. Dahimènes Gedichte lassen in ihrer formalen Sicherheit und ihrem lexikalisch-thematischen Reichtum auf jahrzehntelange dichterische Praxis schließen. Es sind Gedichte, die zwar auf Anhieb erstaunen oder sogar begeistern, bei denen aber zwei- oder dreimaliges Lesen noch lange nicht reicht. Tatsächlich muss jeder dieser Texte mindestens fünfmal gelesen werden, will man all die Bedeutungen aus ihm herausholen und seinem Rhythmus folgen können. Und zudem sollte man diese Gedichte immer wieder lesen, in längeren oder kürzeren Abständen.
Das, was Dahimène hier sagt und wie sie es sagt, ist lyrisches State of the Art. Und es ist wichtig.
Ein Buch, an dem keiner, der es mit Lyrik ernst meint, vorbei lesen sollte.

Jelena Dabic
17. April 2009

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

 

 

 

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