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Antonio Fian: Im Schlaf.

Erzählungen nach Träumen.
Graz-Wien: Literaturverlag Droschl, 2009.
105 S.; geb.; Euro 16,-.
ISBN: 978 3854207580.

Autor

Leseprobe

Seit neuestem verdient Antonio Fian im Schlaf sein Geld. Wie das geht? Er veröffentlicht, was die Welt des Traumes nach dem Aufwachen zurücklässt. Seine nächtlichen Erscheinungen beinhalten unter anderem Traumklassiker wie Prüfungs-, Todes- oder Angstträume, in denen der in Klagenfurt geborene Schriftsteller, Essayist und Dramatiker von seinem privaten und beruflichen Umfeld heimgesucht wird.

Mit Im Schlaf präsentiert Fian symbolstarke wie zwangsläufig unlogische Traumgebilde, die in kurzen Sequenzen beschrieben werden. Die ganze Absurdität des Unbewussten zeigt sich am eindrucksvollsten in den Albträumen, wie in der Geschichte mit dem Titel Unfall. In dieser verwandelt sich bei einem äußerst brutalen und sadistischen Erste-Hilfe-Versuch der rettende Wagenheber zu einem (zum Aale fischen dienenden) Rinderkopf. Bei Träumen dieser Art gewinnen Alfred Adlers Worte an Gewicht, der meinte, "dass die wahre Bedeutung des Traumes vielleicht darin liegt, nicht verstanden zu werden: dass es vielleicht eine dynamische Kraft des Geistes gibt, die daran arbeitet, uns zu täuschen (...)." In dem Erzählband finden sich auch Fallträume und besonders häufig Hinrichtungsträume, wie die wenig Fragen offen lassenden Geschichten Hinrichtung 1 und Hinrichtung 2, wo es vor dem Todesvollzug – ein Mal durch die Nazis, ein anderes Mal durch die eigene Mutter – kein Entkommen gibt. Spätestens hier zeigt sich, dass Sigmund Freud mit Fian auf seiner Couch einen ergiebigen Patienten gefunden hätte...

Des Autors literarische Traumwelten weisen aber nicht nur Schreckliches auf. Humorvoll sind vor allem die Geschichten, die das Gefühl der künstlerischen Versagensangst behandeln. In Führerschein ist der Luchterhand Verlag ein Transportunternehmen, das nur Autoren mit Lastwagenführerschein (und den hat Fian nicht) veröffentlicht: "Ohne Lastwagenführerschein kein Buch bei Luchterhand, ohne Transportunternehmen kein Verlag, das seien die Gesetze des Markts." Fian wird aber nicht nur von Verlegern im Schlaf verfolgt, auch manch österreichischer Autor – Werner Kofler ist ein besonders häufig gesehener Traumgast – spürt ihm bis dorthin nach. Was denkt man sich wohl nach dem Erwachen, wenn man gerade von Barbara Frischmuth oder Michael Köhlmeier geträumt hat, man Elfriede Jelinek eben noch beim Striptease zugesehen hat oder wie im Traum Experiment die Präsentation ihres formal völlig einzigartigen, auf Haarzöpfen gedruckten Textes mitverfolgt hat? "Erst bei näherem Hinsehen bemerkte man, dass es sich um Kunsthaar handelte, auf das in winzige Buchstaben, unmöglich mit freiem Auge zu entziffern, Texte geschrieben waren. Tatsächlich handelte es sich um drei Textstränge, kunstvoll und zwingend logisch miteinander verwoben."

Auch typische Männerträume dürfen im Repertoire dieser Sammlung nicht fehlen. Fian schildert kindliche Phantasien über das zum Sieg verhelfende Tor bei einem Fußballmatch, wobei die Funktion des Balles von einer Unterhose eingenommen wird: "Schon stürmte ein Gegner heran, um sie in unser Tor zu bugsieren, im letzten Moment gelang es mir, sie vor ihm weg- und zu einem meiner Mitspieler zu spitzeln, der sie hoch und weit nach vorne schlug, wo wiederum ich – was für ein Sprint! – sie volley annahm und (...) unhaltbar ins Kreuzeck schoss zum Siegestor." Und er spart in den Sexträumen auch nicht an erwachsenen Wunschbildern, die aber nicht immer ein befriedigendes Ende nehmen. Neben diesen Klischees verwundert es nicht weiter, dass auch Prüfungsträume Fians Nachtruhe stören. Ideenreich führt er in Magma seine mathematische Unfähigkeit anhand der Berechnung von "Abweichungen verschiedener von Satelliten ausgesandter Funksignale unter Alkoholeinfluss (...)" vor.

Fian bereichert mit seinen Erzählungen nach Träumen ohne Zweifel die Form des literarischen Traumtagebuches, in dem die Schnittstellen von Realität und Phantasmagorie stets ungewiss bleiben. In seinen surrealen und paradoxen Geschichten besticht der Autor mit seiner wohlbekannten Ironie, die nichts und niemanden allzu ernst zu nehmen scheint. Dennoch: Nach der Lektüre dieses schmalen und kurzweiligen Bändchens kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Träumen nicht nur "ein einsames Geschäft" ist, wie es im Eingangszitat von Jack London heißt, sondern manchmal auch ein einfaches.

Julia Zarbach
22. September 2009

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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