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Andrea Grill: Das Schöne und das Notwendige.

Roman.
Salzburg: Otto Müller Verlag, 2010.
261 S, geb., Euro 18,-.
ISBN 978-3-7013-1169-9.

Projektpartner: readme.cc - Neue Literatur aus Österreich

Link zur Leseprobe

Das Schöne. Die Fabel dieses Romans kippt immer wieder ins Surreale, obwohl sich der Plot auch an das Notwendige hält, an unsere so genannte heutige soziale und ökonomische Realität. Alles sei nicht verraten, nur so viel: Finzens und Fiat, zwei junge Schwerenöter unserer Tage, pflegen eine Männerfreundschaft und bilden eine Männerwohngemeinschaft, die wirtschaftlich ein bisschen auf wackeligen Beinen steht; während der aus Bulgarien stammende Finzens immerhin über ein festes, noch dazu kirchliches Einkommen verfügt, sein Job ist es, in der Kathedrale der namenlos bleibenden österreichischen Stadt für Ruhe zu sorgen, ernährt sich der aus der österreichischen Provinz stammende Fiat von Bettelei in der Eisenbahn, er gibt sich als arbeitssuchender, notleidender Rumäne aus.

Von dieser Ausgangssituation stoßen sich die beiden mit einer so genannten Geschäftsidee ab, sie wollen mittels einer indonesischen Schleichkatze an die große Kohle, auf die vage Information hin, dass diese vierbeinigen Dschungelbewohner Kaffeebohnen fressen und im Kot solcher Schleichkatzen aufgefundene Kaffeebohnen mit raffinierten Geschmackswerten veredelt sind. Fiat besorgt sich auf abenteuerliche und kriminelle Weise ein Exemplar dieser seltenen und bedrohten Tierart, dann beginnt das Veredelungsgeschäft, und es blüht. Wie es ausgeht, ob es am Ende zum tiefen Fall kommt, wie es eine verlogene, aber überkommene Moral eigentlich gebietet, oder ob den beiden trotz, oder sogar wegen ihrer wirtschaftskriminellen Praktiken ein Happyend beschert ist, überlassen wir den Vermutungen und der Neugierde der LeserInnen. Wahrscheinlich ist es auch gar nicht so wichtig, wie die Geschichte ausgeht und was in diesem Roman überhaupt alles passiert. Denn das alles ist nicht von dieser Welt, schräg, jenseitig, wie das auf- und abblasbare und doch putzlebendige Pferd, das Fiat eines Tags plötzlich in seiner Küche findet und in tragbarer Größe mit dem Zug ins Grüne befördert (siehe Leseprobe).

Als Schauplatz und als bestimmend für die Art des Geschehens ist zwar wohl unsere sattsam bekannte Welt auszumachen, mit ihren prekären Arbeitsverhältnissen, mit ihrem von den Medien destruierten Bewusstsein, mit ihrer von der Werbung destruierten Ethik, mit ihrem vom Markt destruierten Existenzwillen, mit ihren Überlebenszwängen, die unser Handeln bestimmen; aber das Handeln der Figuren, dieser scheinbar schrägen, scheinbar stinknormalen kleinbürgerlichen Figuren – dauernd kippt das hin und her! – verhält sich wegen dieses Hin und Her absolut subversiv zur Realität, zu Gesetz und Markt, zu dem, wie in diesen Zeiten Literatur sein soll. Der Roman erzählt angemessen von der sozialen und ökonomischen Situation der jungen Generation im heutigen Österreich (und Europa?), ich lese Fiat und Finzens als repräsentative Typen dieser Generation, hin- und hergerissen zwischen fragwürdigen Beschäftigungen, nebulosen Projekten und irrealen Träumen. Die surrealen Einsprengsel lese ich als Fluchtbahnen aus einer absolut mickrigen und brüchigen Realität, die Skurrilität auf Schritt und Tritt als Gestus des subversiven Widerstands gegen unsere Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung in der Krise nach dem großen Bankencrash. Die Botanik und Zoologie der studierten Biologin Andrea Grill funktionieren in dieser erzählerischen Anordnung perfekt: die enzyklopädisch beschriebenen vierzig Kaffeearten und die seltene exotische Tierart Paradoxurus hermaphroditus als Objekte globalisierter Ausbeutung der Natur verleihen postkolonialen Flair.

Das Notwendige. Die Form der Erzählung – sprachliche Gestaltung, erzählerische Mittel – ist auf das Notwendigste herunter geholt. Die Autorin Grill verfährt mit der Sprache virtuos, allerdings nicht wie die Virtuosin der hohen Kunst, sondern eher wie die kleine Chansonnette. Leichtigkeit geht in Anspruchslosigkeit und fast schon in Trash über; keine Experimente und kein Spiel mit Worten; schlichtes Erzählen im Präsens im Umgangssprachduktus; das einzig Kunstvolle das Arrangement der Informationen zu Qualität, Charakteristik und Gefährdungsgrad der weltweiten Kaffeesorten an den Kapitelanfängen; die Dialoge stereotyp; die Stereotypie entspricht jedoch dem Bewusstsein der Figuren und dient dem Ziel dieses Erzählens, jene Menschen zu erreichen, von denen der Roman auch handelt.
Es ist vielleicht kein Buch für Literaturprofessoren, vielleicht kein Roman für die Kritiker, sondern eine unterhaltende Lektüre für normale LeserInnen, die der Schwung des Einfachen mitzieht, obwohl in dem Ganzen das Schwere lauert. Das finde ich schön und notwendig.

 

Walter Fanta
29. April 2010

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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