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Lucas Cejpek: Zettelwerk.

Gespräche zu einer möglichen Form.
Gesammelt von Lucas Cejpek.
Wien: Sonderzahl, 1999.
204 S., brosch.; öS 220.-.
ISBN 3-85449-160-3.

Link zur Leseprobe

Erwin Einzinger: "That's the same thing that happens with writing all the time. Whenever I tell anybody a story - this is a heritage from my mother, and my wife can tell you that this is true -, I am not able to tell anything to the point. I start with something and I end somewhere." Daß Literatur bei A beginnen muß, um dann logisch bei Z zu enden, scheint recht absurd nach der Lektüre von "Zettelwerk", das sich aus Gesprächen zusammensetzt, die von Mai bis Dezember 1998 in der "Alten Schmiede" zum Großteil in Deutsch, einige auch auf Englisch stattgefunden haben. Rund zwanzig Minuten wurde aus einem Werk gelesen, dann haben die beiden Autoren miteinander diskutiert - über die Tücken beim Organisieren ihres Materials, darüber, wie ihr Buch, aus dem sie gerade gelesen haben, entstanden ist, wie sie das Werk des anderen verstehen oder was ihre eigene Produktivität in Gang setzt. Lediglich Elfriede Gerstl hat das private Gespräch bevorzugt und Lucas Cejpek allein im Café getroffen, sonst war der Gesprächsablauf bestimmten Regeln unterworfen.

In "Zettelwerk" treffen verschiedenste Arten zu schreiben und mit Wortmaterial zu experimentieren aufeinander. Gemeinsam ist den Gesprächspartnern oft nicht viel, weder kann man von einer gemeinsamen Schule oder Tradition sprechen, noch von einem gemeinsam Literaturbegriff, auch nicht davon, dass man die versammelte Literatur per se als experimentell bezeichnen könnte. Gemeinsam ist allen Schreibenden hingegen nur ihre Suche nach möglichen Formen. "Zettelwerk" geht an die Frage der Entstehungsgeschichte von Literatur von Seiten der "Textorganisation" heran. "Dabei zählt nicht das Gesamtwerk einer Autorin oder eines Autors, sondern das einzelne Buch: das Buch, das beim ersten Durchblättern wie eine Sammlung oder ein Sammelsurium wirkt und bei der Lektüre als Komposition besticht." Oft ist der Zettel, die selbst verfasste oder gefundene Notiz der kleinste gemeinsame Nenner und der fundamentalste Baustein, was daraus entsteht, welche Form letztendlich erwächst - ob eine Montag wie bei Marc Adrian oder wie im Fall von Dubravka Ugresic, eine Autobiografie, die zugleich die Möglichkeit eines solchen Unterfangens reflektiert - das nachzuvollziehen, ist das Spannende an den Gesprächen.

Erwin Einzinger und Raymond Federman stimmen darin überein, dass man immer wo anders landet als man anfangs geplant hat. Bodo Hell und Ginka Steinwachs gehen der Frage nach, wie viel Stoff man aus der Realität bezieht. Endre Kukorelly erzählt davon, dass er alte Texte wieder und wieder überarbeitet - sehr zum Leidwesen seiner Übersetzerin. Chris Bezzel und Elfriede Czurda gehen der Frage nach, wie weit man verlernen kann, was man kann - Czurda hat damit begonnen, abzuschreiben, was im Fernsehen läuft, alles, bei dem sie beim Mitschreiben nicht nachkommt, geht verloren. István Eörsi und Paul Wühr überlegen, was authentisch ist (Eörsi: "Die Frage ist nur, und das ist entscheidend, ob die vielen Konstruktionen, die man ist, innerlich zusammenhängen oder nicht"). Peter K. Wehrli berichtet über seinen "Katalog der 134 wichtigsten Beobachtungen während einer langen Eisenbahnfahrt" - "als der Zug anfuhr im Bahnhof Zürich, bemerkte ich, dass ich meinen Fotoapparat vergessen hatte. Und so habe ich Schnappschüsse gewissermaßen mit dem Bleistift gemacht". Insgesamt handelt es sich um 16 Gespräche.

Lucas Cejpek, Herausgeber und Moderator, betont zu Recht in seiner vorangestellten "Gebrauchsanweisung": "Die Notierung der Gespräche ist dramatisch, weil die öffentliche Begegnung von zwei Autoren nach den Regeln des Zweikampfs funktioniert, zumindest für das Publikum". "Zwettelwerk" liest sich stellenweise wie ein modernes Theaterstück. Die häufigste Regiewanweisung: "Gelächter". Es überrascht angenehm, dass die meisten der geladenen Autorinnen und Autoren über enorme Entertainerqualitäten verfügen, sehr entspannt, undogmatisch und pointiert über ihre Literatur sprechen, sich aber trotzdem nie gänzlich in Albernheiten verlieren. "Zettelwerk" funktioniert im besten Fall wie gute Werbung für Literatur, man erfährt über Entstehungsgeschichte, Hintergründe des Schreibens und Aufbau eines Textes und bekommt womöglich Lust, das eine oder andere angesprochene Buch zu lesen. Wenn Benjamin von Stuckrad-Barre für Modehäuser posiert und sich als Popstar imaginiert, um der Literatur zu einer breitenwirksameren Öffentlichkeit zu verhelfen, so zeigt "Zettelwerk", dass auch ein anderer Weg möglich ist. Einfach darüber reden. Das ist manchmal Theater genug und gutes noch dazu.

Karin Cerny
11. Jänner 2000

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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