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Helmut Böttiger; Lutz Dittrich: Doppelleben.

Literarische Szenen aus Nachkriegsdeutschland.
Göttingen: Wallstein Verlag, 2009.
Zwei Bände im Schuber:
Band 1: Begleitbuch zur Ausstellung. Erarbeitet von Helmut Böttiger unter Mitarbeit von Lutz Dittrich. 418 Seiten.
Band 2: Materialien zur Ausstellung. Herausgegeben von Bernd Busch und Thomas Combrink. 436 Seiten.
Brosch.; zahlreiche Farbabb.; Euro 29,90.
ISBN-13: 978-3-8353-0433-8.

"Doppelleben – Literarische Szenen aus Nachkriegsdeutschland": Unter diesem Titel präsentiert sich in den Jahren 2009/2010 eine Ausstellung in den Literaturhäusern mehrerer deutscher Städte. Zur Vertiefung dieser groß angelegten Schau erschien im Göttinger Wallstein Verlag auch das gleichnamige zweibändige Werk, das weit mehr ist als ein Ausstellungskatalog: Band 1, "Begleitbuch" genannt, von Helmut Böttiger und Lutz Dittrich verfasst, berichtet von der Entstehung der deutschen Nachkriegsliteratur in West und Ost; Band 2 enthält verstreute "Materialien zur Ausstellung", d.h. hier werden in Interviews, Essays und Aufsätzen unterschiedlicher Autoren Einzelaspekte der Zeit herausgegriffen. Das Entstehen des neuen literarischen Lebens wird am Beispiel derjenigen Städte illustriert, in denen die Ausstellung gezeigt wird: Berlin, Frankfurt, München, Hamburg, Leipzig. Interviews mit Zeitzeugen, die den damaligen Neuanfang als junge Menschen miterlebt haben – Joachim Kaiser, Adolf Endler, Christa und Gerhard Wolf – sorgen für authentische Erinnerungen, und einzelne Studien erläutern das Entstehen der Nachkriegsverlage, die Bedeutung des Rundfunks und manches mehr. Als besonders interessante Facette dieses Lesebuch empfehlen sich die essayistischen Auseinandersetzungen heutiger Autoren mit Büchern von damals. Die Auswahl ist naturgemäß subjektiv, und, wie oft bei deutschen Unternehmungen dieser Art, werden auch hier Bücher einiger österreichischer Autoren bedenkenlos eingemeindet. Allerdings ist es durchaus lesenswert, was Durs Grünbein über Hermann Brochs "Tod des Virgil", Martin Mosebach über Heimito von Doderers "Strudlhofstiege" oder Friedrich Christian Delius über Ilse Aichingers "Die größere Hoffnung" zu sagen haben.

Die beiden Bände wurden von der "Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung" in Darmstadt herausgegeben, die 1949 gegründet wurde und 2009 sechzigsten Geburtstag gefeiert hat. Der erste Band, der nun genauer (und kritischer) betrachtet werden soll, enthält deshalb auch ein Vorwort des derzeitigen Akademiepräsidenten, Klaus Reichert. Seine Stellungnahme fasst prägnant zusammen, worum es in dieser Publikation geht: Reichert beschreibt "ein Neben- und Gegeneinander sich ausschließender Überzeugungen" in Nachkriegsdeutschland: Einerseits waren da Zeitschriftenvielfalt, Aufbruch, Öffnung für ausländische Literatur, es entstanden neue literarische Formen wie Hörspiel, Kurzgeschichte und Feature. Andererseits aber herrschte, so Reichert, "eine fast bruchlose Kontinuität der Zeit des Nationalsozialismus, die schamlos eine 'Innere Emigration' für sich geltend machte", was unter anderem dazu führte, dass den "äußeren" Emigranten die Rückkehr nach Deutschland erschwert, wenn nicht gar verwehrt wurde (Vorbemerkung, unpaginiert).

Was Reicherts Vorwort andeutet, wird dann im Inneren des "Begleitbuchs" ausführlich dargelegt. Arno Schmidt, Günter Eich und die Gruppe 47 stehen hier für Aufbruch, Nonkonformismus und neue Formen der demokratischen Öffentlichkeit. Thomas Mann und Alfred Döblin werden als die beiden prominentesten Emigranten porträtiert, denen es schwer oder unmöglich gemacht wurde, in Deutschland wieder Fuß zu fassen. Und die Gruppe der – Reichert zufolge "schamlosen" – "inneren Emigranten" wird im Wesentlichen durch fünf Autoren repräsentiert: Den Lyriker Gottfried Benn, den Publizisten, Journalisten und Essayisten Oskar Jancke, und schließlich die drei Romanciers Hermann Kasack, Frank Thiess und Kasimir Edschmid.

Diese fünf Männer haben zweierlei gemeinsam: Zum einen haben sie die Zeit des Nationalsozialismus nicht im Exil verbracht, sondern in Deutschland, zum anderen ist ihr öffentliches Wirken in der Nachkriegszeit eng mit der Entstehung der "Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung" verknüpft. Jancke war der Initiator dieser Institution, Thiess und vor allem Edschmid gehörten jahrelang dem Vorstand an, Kasack war von 1953 bis 1963 Akademie-Präsident, und Benn war der erste Träger jenes Büchner-Preises, der 1951 von der Akademie wiederbelebt wurde, nachdem er in der Weimarer Republik schon vom sozialdemokratisch regierten "Volksstaat Hessen" vergeben worden war.

Diese maßgeblichen Gestalten aus den Gründungszeiten der Darmstädter Akademie werden von Böttiger und Dittrich keineswegs über einen Kamm geschoren: Über Jancke heißt es: "Im Gegensatz zu vielen anderen Protagonisten der 'Inneren Emigration' hatte er die zwölf Jahre des Nationalsozialismus vergleichsweise unbescholten überstanden" (S. 83). Und Hermann Kasack wird bescheinigt, er sei "ein Beweis dafür, dass es die 'Innere Emigration' tatsächlich gegeben hat – er unterscheidet sich allerdings sehr von der Vielzahl derer, die sich nach 1945 dieses Etikettes bedienen." (S. 66) Auf eine solch wohlwollende Beurteilung kann Gottfried Benn nicht hoffen, da er sich 1933 deutlicher als alle anderen hier Genannten zum Dritten Reich bekannte. Ihm (auf dessen autobiographische Schrift "Doppelleben" auch der Titel der Ausstellung zurückgeht) wird allerdings zugute gehalten, dass er in seiner Nachkriegslyrik Töne fand, die auch auf jüngere Dichter Eindruck machte, und die sogar heutige Leser noch ansprechen können.

So werden diesen drei Autoren mildernde Umstände teils moralischer, teils ästhetischer Art zugestanden. Frank Thiess und Kasimir Edschmid dagegen finden in den Augen der kritischen Nachgeborenen keine Gnade: Diese beiden seinerzeit berühmten, heute weitgehend vergessenen Autoren erscheinen hier als Repräsentanten jener "Vielzahl", die sich – nach Ansicht von Böttiger und Dittrich – zu Unrecht mit dem Ehrentitel "Innere Emigration" geschmückt hat. So gesehen, sind Thiess und Edschmid nichts anderes als machthungrige, antidemokratische Autokraten, deren Werturteile und Verhaltensweisen sich von den nationalsozialistischen kaum unterscheiden, und deren Bücher allesamt wertlos sind. Und nachdem sie einmal in dieses ganz und gar schlechte Licht gerückt sind, stehen Thiess und Edschmid als idealtypisch für jene Kontinuität zwischen der Hitler-Diktatur und dem restaurativen Adenauer-Nachkriegsdeutschland, die als fatal für Deutschlands kulturelle Entwicklung bewertet wird.

Diese sehr schematische Sicht der Dinge wird nun mit einigen fragwürdigen Methoden erhärtet. Zum Beispiel kann man sich daran stören, dass die Autoren abwertende Urteile abgeben, ohne sich die Mühe einer Begründung zu machen. Dazu hier nur ein Beispiel: Es ist gewiss das Recht eines jeden Lesers, über ein Buch zu sagen, es sei ein "ziemlicher Schmachtfetzen" (S. 18) – allenfalls könnte man am adjektivischen Gebrauch des Adverbs "ziemlich" Anstoß nehmen. Von einem ausgewiesenen Literaturkritiker wie Helmut Böttiger sollte man aber doch verlangen können, dass er wenigstens ansatzweise begründet, warum er den Roman "Der Weg zu Isabelle" von Frank Thiess für einen solchen "Schmachtfetzen" hält. Und da der Band "Doppelleben" auch historische Interessen verfolgt, wäre es nicht ohne Reiz gewesen, darüber nachzudenken, warum ein Buch, das heutigen Lesern nichts mehr zu sagen hat, seinerzeit ein derart großer Erfolg war, dass es sogar verfilmt wurde. Eine solche literatursoziologische Studie wäre jedenfalls lehrreicher gewesen als die simple Abwertung.

Diese Neigung zur tendenziösen Zuspitzung zeigt sich nicht nur in Worten, sondern auch bei der Auswahl der Bilder. Schon auf dem Titelbild des Bandes rollt ein forscher Motorradfahrer mit martialischem Gesichtsausdruck auf die Leser zu. Dieses Foto zeigt den jungen Kasimir Edschmid und stammt aus den frühen zwanziger Jahren. Es ist eigentlich nicht einsichtig, warum es als Titelbild für ein Buch über die fünfziger Jahre geeignet sein soll. Aber es nimmt gegen den Dargestellten und seine juvenile Kraftmeier-Pose ein, und darauf scheint es anzukommen. So ließe sich noch an mehreren Beispielen zeigen, dass sich die Verfasser auf Komplexitäten nicht weiter einlassen, sondern lieber mit plakativen Kurzformeln und der Präsentation dezent denunziatorischer Fotos arbeiten.

Ambivalenzen oder Zwischentöne finden in dieser Darstellung aber vor allem deshalb zu wenig Platz, weil die Verfasser so genau wissen (oder zu wissen meinen), "wofür" die Akteure in der damaligen Zeit "standen". Diese Entschiedenheit des Zugriffs mag zwar dem Übersichtlichkeitsbedürfnis der Nachwelt entgegenkommen, verfehlt aber genau dadurch in viel zu vielen Einzelheiten die tatsächliche Situation im Deutschland der Nachkriegszeit, die ja alles andere als übersichtlich gewesen ist. Wer es im Rückblick mit dieser Unübersichtlichkeit aufnehmen wollte, könnte zum Beispiel fragen, warum der Emigrant Alfred Döblin nicht nur gegen deutsche Alt-Nazis agitierte, sondern auch mit kaum geringerer polemischer Energie gegen einen anderen Emigranten, nämlich gegen Thomas Mann. Oder man könnte wahrnehmen, dass Arno Schmidt, der bei Böttiger und Dittrich (keineswegs zu Unrecht) als Mann der Moderne auftritt, sehr verehrungsvolle Briefe an jenen Kasimir Edschmid geschrieben hat, der für Böttiger und Dittrich nichts anderes ist als ein reaktionärer Opportunist. Schmidt hingegen bezeichnete Edschmid einmal als einen "der wenigen Kirchenväter unserer Literatur".

Über Widersprüchlichkeiten dieser Art, deren es sehr viele gibt, könnten Kultur- und Literaturhistoriker nachdenken, und zwar mit dem Ziel, die allzu rigiden Zuordnungen und Bewertungen zu relativieren. Aber die Autoren dieses Buchs sind an Relativierungen ihrer sehr robusten Urteile offensichtlich nicht interessiert.

P.S.: Da es nicht ratsam ist, eine Objektivität vorzutäuschen, über die man nicht verfügt, soll es hier nicht verschwiegen werden: Der Verfasser dieses Artikels hat 2007 eine Kasimir Edschmid-Biographie (1) veröffentlicht, aus der Böttiger und Dittrich reichlich Material zitiert haben. In dieser Biographie wären auch positive Stellungnahmen zu finden gewesen, die ein nuanciertes Bild des Autors und Funktionärs Edschmid ermöglicht hätten (Arno Schmidts Huldigung an den "Kirchenvater" ist etwa auf S. 422 nachzulesen). Aber dafür hatten Helmut Böttiger und Lutz Dittrich keine Verwendung. Ihrem ablehnenden Vorverständnis folgend, haben sie nur nach Zitaten gesucht, die geeignet sind, Edschmids Leben und Werk in ein schlechtes Licht zu rücken. Wer aber so einseitig auswählt, macht mit der Vergangenheit einen allzu kurzen Prozess. Und das Resultat dieses Prozesses ist ein Buch, in dem alles – auch das Problematische und Sperrige – unverrückbar klar und ein für allemal "eingeordnet" erscheint. Wer Lust hat, kann diesen letzten Satz zwar auch als Kompliment verstehen – gemeint ist er jedoch nicht so.

(1) Hermann Schlösser: Kasimir Edschmid. Expressionist. Reisender. Romancier. Bielefeld: Aisthesis 2007.

Hermann Schlösser
9. Dezember 2009

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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