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Wolfgang Hermann: Mit dir ohne dich.

Roman.
Innsbruck: Haymon Verlag, 2010.
152 Seiten; geb.; Euro 16,90.
ISBN 978-3-85218-624-5.

Link zur Leseprobe

Als Richard Martens literarischer Erstling, der Roman "Der einsame Jäger" erschien, jubelte das Feuilleton: "Nie zuvor hat ein Autor die Liebe so schonungslos dargestellt. Wir müssen uns darauf gefasst machen, dass dieser Autor auch in Zukunft keinen Stein auf dem anderen lassen wird."
Richard, der eben noch an der Universität Deutsch als Fremdsprache lehrte und Gedichte schrieb, die niemand lesen wollte, war plötzlich ein gefeierter Autor. Er war angekommen: eine Frau, eine Wohnung, ein Roman. Und all das hatte er Gioia zu verdanken. Sie hatte an sein Talent geglaubt, sie hatte ihn damals überredet, das Buch zu schreiben.
Doch das war Jahre her. Seitdem hatte Richard nichts mehr geschrieben. Tag für Tag setzte er sich an den Schreibtisch, "draußen geschah etwas wie Herbst, etwas wie Winter." Doch er blieb Gefangener seiner selbst, weltfremd, weltblind, er fand keine Worte mehr, hatte nichts zu sagen. "Keine Sprache für die Beschreibung der Welt zu haben, bedeutete Exil in einem stummen Innern, aus dessen Labyrinth er nicht mehr herausfand." So verharrte er am Schreibtisch, wartete, trank, trank noch mehr, und badete in Selbstmitleid. Eines Morgens lag ein Zettel auf dem Küchentisch: "Ich ertrage es nicht länger." Gioia hatte ihn verlassen.

Wolfgang Hermanns neuer Roman "Mit dir ohne dich" beginnt mit dem Psychogramm eines Schriftstellers in der Krise. Dabei bewegt sich Hermann auf dünnem Eis, denn die Gefahr, ins Klischee abzugleiten, ist groß bei diesem Sujet: Abgehalftertes Genie begegnet geheimnisvoller, aufregender Frau und findet durch sie zum Schreiben zurück. Die Frau, die Fremde, bleibt in "Mit dir ohne dich" im Verborgenen, nur in ihren Briefen spricht sie zu Richard. Ohne jede Scheu erzählt sie von ihren gefährlichen Liebschaften, ihren sexuellen Eskapaden, ihrer Abhängigkeit von ihrem Partner, der sie in diesem obszönen Spiel anleitet. Auch Richard hat sie eine Rolle zugedacht: er soll ihr leidenschaftliches Bekenntnis stilistisch überarbeiten, sprachlich glätten und unter seinem Namen herausbringen. Ein verlockendes Angebot! Doch schon bald wird aus dem Spiel fatale Besessenheit: Kein Schritt Richards bleibt mehr unbeobachtet, er wird verfolgt, bedroht, brutal zusammengeschlagen. Doch können wir ihm glauben? Was ist Einbildung, was Wirklichkeit? Das Vertraute ist fremd geworden, aber das Fremde ist alles andere als vertraut.

Schließlich flieht Richard nach Tokio, er reist Gioia hinterher, noch immer will er sie zurückgewinnen. Gemeinsam verbringen sie eine Nacht und einen Tag in der fremden Stadt, hier könnte er ein neues Leben beginnen, hier könnte er verschwinden. "Mit dem Verschwinden hatte er Erfahrung. Er war über Jahre verschwunden, allerdings ohne dass er es bemerkt hatte." Doch das alte Leben holt ihn in Form einer dringenden Nachricht zurück: "Mutter gehe es schlecht", schrieb sein Bruder. "Er bat ihn zu kommen." Und hier, zurück in seinem Elternhaus, wach gerüttelt von glücklichen Erinnerungen an seine Kindheit, gelingt es Richard, die Dämonen, die ihn jagen, zu verscheuchen. "Er saß, und er schrieb."

Das Was dieses Romans ist ziemlich konventionell, doch Hermann erkennt die Gefahr der Konventionalität und des Kitsches; mehr noch: er reflektiert sie in seinem Text – und schreibt gegen sie an. Dazu lenkt der die Aufmerksamkeit auf Sprache und Form. Der Blick des Erzählers auf Richard bleibt distanziert. Hermann erweist sich als ein genauer, hellwacher Beobachter, nicht nur der Stadt – wie schon in seinem letzten Werk "Konstruktion einer Stadt" und hier erneut bei der Beschreibung Tokios – sondern auch der Menschen. Abhängigkeit, Liebe, Leidenschaft, Trauer, Wut – es sind große Gefühle, die dieser schmale Roman verhandelt, doch bauscht er sie nicht unnötig auf, sondern kleidet sie in sparsame, knappe Sätze von bisweilen poetischer Schönheit. So zeugt auch sein neuer Roman "Mit dir ohne Dich", mit dem Wolfgang Hermann thematisch ganz neue Wege beschreitet, von feinem Gespür für Sprache und unbedingtem Gestaltungswillen des Autors.

 

Martina Wunderer
16. März 2010

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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