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Wolfgang Hermann: Mit dir ohne dich.

Roman.
152 Seiten; geb.; Euro 16,90.
Innsbruck: Haymon Verlag, 2010.
ISBN 978-3-85218-624-5.

Link zur Leseprobe

Kein stilles Buch

Wolfgang Hermanns Literatur wird wieder um eine Facette reicher, denn von Zeit zu Zeit erfindet sich der Vorarlberger Hermann in seinem Schreiben neu. Mit dir ohne dich heißt der gewagte neue literarische Versuch, in Stil und Ton, denn während Hermann jahrelang als genauer Stadtchronist, als Meister der Miniaturen von urbanen Landschaften bekannt war (wie zuletzt mit Konstruktion einer Stadt), überraschte er zuletzt mit seinen Faustini-Romanen, in denen er einen unwiderstehlichen Protagonisten mit kauzigem Humor durch die Gegend tappen ließ. Von diesem Hermann-Ton, der etwa an Jaccottet und andere angelehnt ist, hört und spürt man in Mit dir ohne dich vorerst nichts, man vermisst das leicht Flirrende der Städte, das Wandern, das genaue Beobachten, die skurrilen Charaktere oder poetischen Betrachtungen.

Stattdessen wird man in einen abenteuerlichen Plot hineingezogen, der rasch und scharf gezeichnet ist, kurze Sätze, knappe Urteile, rasche Beobachtungen. Ein distanzierter Blick des Autors ist es, der die Hauptfigur Richard Marten hier streift, ein literarisches One-Hit-Wonder, das seit Jahren nicht mehr schreiben und den großen Erfolg seines Debüt-Romans nicht wiederholen kann. Nun kommt ihm auch noch die Lebensgefährtin Gioia abhanden und er begibt sich in die traurige Selbstreflexion und den Ärger über Alltäglichkeiten. Ein Katzenjammer, etwa über ein Nachbarspärchen, das jede Nacht seine lautstarken Höhepunkte hat, ganz zum Unbehagen von Marten, der nur tatenlos zuhören kann. Wirklich ein Ärgernis.

Dann aber bekommt Marten Post von einer Unbekannten, Gloria, die ihn an ihrem ausschweifenden Sexleben teilhaben lässt, und Marten wittert den Stoff für einen neuen Roman. Da beginnt der anzügliche Teil des Romans, wenn man so will, denn Gloria zieht es unter Anleitung ihres Liebsten Paul in die Tiefen der SM-Praktiken, mit Fremden, in Clubs und ganz intim. Für Marten ist das ganze nicht bloße Pornografie, was er da liest, sondern authentische Leidenschaft, ideal für ein neues Buch. Und endlich die Möglichkeit, wieder erfolgreich zu werden und seine Gioia zurückzugewinnen. Auch Henriette, Martens Verlegerin, ist begeistert, doch da beginnt Marten die Geschichte zu entgleiten. Anonyme Anrufe, aufgestochene Reifen, es wird unangenehm und Marten flüchtet, was für ihn aber ebenso schmerzhaft endet, als er auf einer Parkbank schlafend für einen Penner gehalten und von Schlägern übel zugerichtet wird.

Es wird Zeit, dass Marten sein Leben in den Griff bekommt, um nicht in die Geschichte, die Gloria erzählt, abzudriften. Er folgt Gioia, die als Stewardess arbeitet, nach Japan, verbringt dort einen taumelnden Tag und eine Nacht mit ihr. Eine mögliche Zukunft öffnet sich. In Japan hört man vor allem aber wieder diesen Wolfgang-Hermann-Ton, dieses oszillierende Beobachten der Großstadt, das genaue Erzählen einzelner Episoden, Beobachtungen über Schulmädchen auf der Straße oder Speisen in einen kleinem Restaurant. Marten und mit ihm der Leser kann sich über diesen Sätzen beruhigen und sich vom ersten Teil des Romans, von dieser Tour-de-force erholen, von diesen Henry-Miller-Stellen und dem atemlosen Hasten des Protagonisten. Wenn am Ende gar die Mutter von Marten todkrank aus der Heimat ruft, kehrt endgültig der Ernst zurück, Marten ordnet sein Leben neu und beginnt wieder zu schreiben. Er braucht nicht länger die sexuellen Phantasien anderer, er schreibt wieder an seiner eigenen Wirklichkeit.

Keine Frage, so ein Buch hat man von Wolfgang Hermann noch nicht gelesen, so schlicht und pointiert geschrieben und im Gegensatz zu Herrn Faustini könnte man sich über Richard Marten oft nur ärgern. Aber so einfach ist das wirklich alles nicht. Mit dir ohne dich ist ein Buch voller Überraschungen, es ist kein stilles Buch; und man darf staunen, wie elegant Wolfgang Hermann diese neue Facette seinem Schreiben einverleibt.

 

Bernd Schuchter
23. Februar 2010

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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