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Leseprobe: Peter Henisch - "Der verirrte Messias."

Zuvor schon hatte sich aber die Welt verändert. Ost und West, diese Teilung gab es nicht mehr. So hieß es zumindest. Für die Leute, die davon profitiert hatten, die mehr Glück gehabt hatten oder mehr Geschick oder weniger Skrupel, jedenfalls im Endeffekt mehr Geld, tausendmal, zehntausendmal, millionen- und milliardenmal mehr Geld, man durfte gar nicht daran denken, für solche Leute war es kein Problem, die grenzen zu überschreiten. Fiel das aber einem wie ihm ein, so einem armen Idioten, der die angemessene Verhaltensweise unter den veränderten Verhältnissen nicht rechtzeitig kapiert hatte – Intelligenz, so wurde eine im Westen längst gefundene Definition nun endlich im Osten richtig verstanden, ist die Fähigkeit, in neuen Situationen möglichst rasch und ohne Rücksicht auf die Verluste anderer seinen Vorteil wahrzunehmen – fiel es also einem solchen Lahmarsch und Weichei zu spät aber doch ein, daß er dort, wo er war, nicht bleiben wollte, und daß die Freiheit, von der zuvor so viel die rede gewesen war, zuallererst in Freiheit der Bewegung von da nach dort bestehen sollte, so mußte er halt manche Strapazen auf sich nehmen.
Zum Beispiel recht unkomfortabel zu reisen, im Laderaum eines Kleinbusses, tage- und nächtelang zusammengepfercht mit ein paar anderen, die schwitzen und stinken wie Vieh, aber was ist so ein Mensch denn anderes. Und dann über ein Feld zu rennen und sich durch einen Wald zu schlagen, bis man an einen Fluß kommt, ein Bad wird jetzt gar nicht schaden. Wie dieser Fluß heißt, ist nicht wichtig, Hauptsache, er fließt an der Grenze, sobald es dunkel ist, schwimmt ihr ans andere Ufer.
(S. 36f)


Dann aber brannte das Feuer schön und ruhig. Und der Hirt hatte Brot und Käse aus seinem Ranzen genommen und ein paar getrocknete Datteln. Und alles roch und schmeckte nach Schaf, auch das Wasser aus der Flasche, die außen mit Fell bedeckt war. Und ich hatte schon fast vergessen, schrieb Mischa, wie kalt es hier in der Nacht werden kann, aber Abdallah legte mir eine Decke über die Schultern.

Ehemals hatte er seinen Namen nicht genannt. Nenn mich Hirte, sagte er, das genügt.
Auch für die Schafe sei er namenlos.
Aber ich bin kein Schaf, hatte Jeschua gesagt.
Wer weiß, sagte der Hirte, doch dabei sah er so drein wie einer, der mehr weiß. Ein hintergründiger Lächler vor dem Hintergrund der Wüste.
Was weißt du von mir?
Dies und das, sagte der Hirte. Manchmal kommt ein Vogel geflogen und zwitschert mir etwas ins Ohr, manchmal kommt eine Schlange gekrochen und zischelt mir was zu.
Zum Beispiel?
Nun, zum Beispiel, daß du ein Mann bist, von dem die Menschen sagen, dass er zwei Väter hat.
Wie wir alle, sagte Jeschua, einen auf Erden und einen im Himmel.
Ja, ja, sagte der Hirte, die Vögel und Schlangen erzählen auch, daß du fromm bist. Sie haben ein feines Gespür für sowas, die Tiere.
[...]

Sind wir nicht alle Kinder Ibrahims? Ihm war, als hätten sie dieses Gespräch erst gestern unterbrochen. Und sind Ismael und Isaak nicht Brüder, der Ältere und der Jüngere? Warum sollte Gott zwischen ihnen Zwietracht gesät haben?
Es steht geschrieben? Ach ja, so manches steht geschrieben! Gott spricht und die Menschen hören – manchmal hören sie leider schlecht. Das ist einmal so. Ibrahim hat sein Lebtag auf die Stimme gelauscht.
(S. 153ff)


© 2009 Deuticke Verlag, Wien.

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