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Markus Köhle: Dorfdefektmutanten.

Ein Heimatroman.
Wien: Milena Verlag, 2010.
157 S.; brosch.; EUR 14.90.
ISBN 978-3-85286-186-9.

Link zur Leseprobe

"Nein, das Dorf als soziales Gefüge hat sich nicht überdauert. Nein, Zynismus ist keine, aber meine Lösung. Ja, Trotz auch."

"Ich bin weder Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr noch des Roten Kreuzes. Das ist unorthodox genug und hierorts ein permanenter Rechtfertigungsgrund. Zu sagen, man habe kein Auto, ist nicht im Sinne des allgemeinen Dorfwohls, sondern egoistisch."

Hierorts, in einem "Märklin-Welt-Modelldorf" im Tiroler Glatschtal, ist der Ich-Erzähler des neuen Romans von Markus Köhle geboren worden. Im Schatten der Kalksteingipfel wuchs er heran, spielte Eishockey, betrank sich in der Milchbar, war zum ersten Mal verliebt – unglücklich zwar, in die Freundin seines besten Freundes Klaus – probierte Ecstacy und verlor seine Unschuld. Bierschwer ertrug er das Warten auf die Volljährigkeit, um aus der provinziellen Enge auszubrechen, der Langeweile und Tristesse zu entfliehen. Dorf, Disko, Depression – Köhle beschreibt in seinem Roman "Dorfdefektmutanten" einen Ort, den man früh verlassen sollte, wenn man noch etwas vorhat im Leben.

Endlich, nach bestandener Matura, der Umzug nach Wien! Das Leben in der Hauptstadt beginnt verheißungsvoll: studentische Wohngemeinschaften, ausschweifende Kneipentouren, halbherzig besuchte Vorlesungen wechseln im Rhythmus von Tag und Nacht. Doch die Jubeljahre währen kurz. Auf sie folgt der Absturz – Liebeskummer, Selbstmitleid, Trunksucht – der letztlich in der kleinlauten Rückkehr ins Elternhaus gipfelt. Heute bewohnt der Anti-Held des Romans zwar eine eigene Wohnung, doch seinen Geburtsort hat er nicht mehr verlassen. Denn "Träumen ist angenehmer als leben, und Träume lassen sich uneingeschränkter leben als Taten."

"Dorfdefektmutanten" ist ein Heimatroman, der von existentieller Heimatlosigkeit erzählt, von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen, und geschlagen wieder zurückkehrte, um fortan ein stilles, zurückgezogenes Dasein als Hausmeister des Raststadels zu fristen. "Das Leben ist – frei nach Kafka – eine einzige Ablenkung und man weiß nicht mal wovon. Stillleben heißt auf französisch nature morte. An manchen Tagen bin ich mental mehr tot als lebendig, aber als Hausmeister funktioniere ich dennoch." Es ist seine eigene Geschichte, die er erzählt, die Geschichte einer gescheiterten Entwicklung. Der Erzähler ist ein sozialer Außenseiter, sich selbst und seiner Umgebung entfremdet, verloren gegangen zwischen Kindheit und Erwachsensein, zwischen Stadt und Land. Im Umgang mit Menschen schrecklich ungeschickt, verschanzt er sich zunehmend in einem selbstgewählten inneren Exil: "Ich werde als einer betrachtet, der es nicht geschafft hat; der zurück- und in sich kehren musste, um draußen nicht durchzudrehen. Ich genieße die Freiheit des Inmichgekehrtseins. Alles, was nicht im Dorf ist, ist draußen."

Köhles Ich-Erzähler ist ein eloquenter Maulheld, ein Schwadronierkünstler, komisch und trist, lakonisch und klug. Bewandert in Wissenschaft und Religion, in Hoch- und Populärkultur, unterfüttert er seine Erzählungen mit intertextuellen Verweisen, Wortneuschöpfungen und Kalauern. Und wenn er nicht mehr weiter weiß, flüchtet er sich in Zitate. Nur "über das, was man Liebe nennt", hat er "schon lange nichts mehr zu sagen und zu zitieren. Alles Schwindel, alles Heuchelei – das ist es, was es ist. Wer liebt, widerspricht sich. Viel Lärm um nichts." Ärgerlich nur, dass sich auch ein Hausmeister von Zeit zu Zeit verliebt.

 

Martina Wunderer
19. April 2010

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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