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Jan Kossdorff: Spam! Ein Mailodram.

Wien: Milena Verlag 2010.
287 S.; brosch.; EUR 16,90.
ISBN 978-3-.85286-187-6.

Link zur Leseprobe

Jan Kossdorffs E-Mail-Roman "Spam! Ein Mailodram" ist ein Blickfang: Der Umschlag zitiert amerikanische Pulp Fiction der 1950er Jahre und besteht aus reißerischen Sprüchen – "In der größten Krise setzt ein Mann alles auf die Liebe!" – und ebensolchen Fotografien – ein sich romantisch küssendes Paar, eine höchst erschrockene hübsche "Bürodame". Genauso witzig, ja vorwitzig ist dann auch der Roman selbst, der in einer Wiener Internetfirma im Jahr 2000 spielt. Wie nun der tägliche Bürokleinkrieg, die amourösen Vorgänge und (Nicht-)Arbeitsabläufe in dieser Firma geschildert werden, erinnert an die exzellente BBC-Serie "The Office". In der Serie wie im Roman jagt ein Gag den nächsten, zwischen guten und schlechten, auf Kollegen gerichteten und politisch inkorrekten, geistreichen und geschmacklosen Scherzen wird kein Unterschied gemacht. Nur geht es in "Spam!" um ein Webportal, nicht um den Handel mit Papier, und die Hauptfigur ist nicht der selbstdarstellerische Chef, sondern der überdrehte 27-jährige Community-Betreuer Alex.

Alex, ein manischer E-Mailer, ja ein Spammer in gewisser Weise, wie er selbst findet (S. 286), ist von Job und Leben frustriert. Sein Ventil sind bissig-satirisch-subversive Mails, die er an seine Ex-Freundinnen und/oder Kolleginnen, an den psychopathischen User Fuckmachine und den super-slicken Chef Holger, an den besten Freund, die Schwester oder die Mitglieder eines Weezer-Fanclubs schreibt. Nicht alle, wie zum Beispiel die Kollegin und Ex-Freundin Elke, finden das gut: "Früher fand ich dich lustig. Jetzt hältst du dich für eine Art Don Quijote der IT-Branche mit einer Spur von Fletch der Troublemaker und Prince von Bel Air. Komm mal wieder runter, bitte." (S. 22) Aber runter kommt Alex nicht, ganz im Gegenteil. Denn gerade als er kündigen möchte, fängt Judith in der Firma zu arbeiten an. Das nach Eigendefinition "zynische IT-Wrack" (S. 59) ist plötzlich im siebenten Himmel. Schnell aber erkennt Alex auch: "Diese Frau hat das Zeug dazu, mich so richtig unglücklich zu machen." (S. 89) Wirklich wird er bald gewarnt, Judith sei die Freundin des Chefs, und: "Die First Lady steigt man nicht an!" (S. 109) Alex denkt allerdings ganz und gar nicht daran, sich an diesen Ratschlag zu halten.

"Spam!" ist eine Liebesgeschichte, eine Büro-Satire und in gewisser Weise auch eine ironische Abrechnung mit der aufstrebenden IT-Branche. Was die Internetfirma von Alex konkret macht, bleibt recht diffus. Jedenfalls schreibt der Community-Betreuer, der seine Community nicht einmal ignoriert, an seinen Chef: "Unser Portal ist Humbug. Wir haben nicht ein einziges Angebot, das uns von anderen Webportalen unterscheidet. Es ist journalistisch auf unterstem Niveau und von einer Oberflächlichkeit durchdrungen, die man sonst wohl nur auf dem Laufsteg serviert bekommt. [...] Wir haben auf keinem Gebiet irgendeine Art der Kompetenz, und unsere Kantine gehört unter Quarantäne gestellt." (S. 46f) Es lässt sich aus dem Roman herauslesen, dass der Internet-Boom keine solide Basis hatte. Viel Geld wird in sehr wenig Content investiert, Leute – wie Judith – werden für wohl klingende Projekte eingestellt, die dann überhaupt nicht verfolgt werden. Es sind solche Praktiken, welche die Dotcom-Blase zum Platzen brachten.

Trotz dieser Bezüge ist "Spam!" aber kein Roman, für den die Auseinandersetzung mit der New Economy zentral ist. Die eher unpolitische Ausrichtung zeigt sich auch in der Nicht-Erwähnung der schwarz-blauen Wende, die ja zur Handlungszeit und am Handlungsort des Textes die Schlagzeilen bestimmte. In "Spam!" geht es vielmehr um die satirische Darstellung persönlicher Beziehungen im als "professionell" missverstandenen Arbeitsleben. Dies anhand des Büro-Mediums E-Mail durchzuführen, ist so naheliegend wie gut gelungen. Es wäre deshalb nicht nötig gewesen, für die entscheidende Aussprache zwischen Alex und Judith am Ende des Buches diese Form zu verlassen und in konventionelle Prosa zu wechseln. Viele Passagen im Roman belegen, dass es Kossdorff sehr gut versteht, die Möglichkeiten des E-Mail-Romans auszuschöpfen. Exemplarisch hierfür ist die über verschiedene Perspektiven bzw. E-Mails erfolgende Rekonstruktion eines Abends mit Usern ("Chatter-Treffen"), die nicht nur den Leser aufklärt, sondern auch Alex selbst, der so betrunken war, dass er nicht mehr weiß, wo die Beule auf seinem Kopf herkommt und ob er Judith geküsst hat.

"Spam!" mag passagenweise etwas seicht, die Figuren klischeehaft gezeichnet und der Mittelteil etwas zu lange geraten sein. Die vielen originellen Kapriolen, launigen Kalauer und satirisch-bizarr-grotesken Situationen entschädigen dafür aber bei weitem. "Spam!" ist nämlich – und das ist in diesem Fall keine Floskel – einfach zum Schreien komisch.

 

Gerald Lind
1. März 2010

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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