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Walter Kreuz: Karlas Lauf gegen die Raumzeit.

Extrakt.
Maria Enzersdorf: Edition Roesner, 2008.
179 S.; brosch., Euro 19,80.
ISBN: 978-3-902300-38-6.

Autor

Leseprobe

Können Sie sich noch an den 16. Dezember 2000 erinnern? Was haben Sie am Nachmittag gemacht? Waren Sie zufällig in der Nähe der Donauinsel oder des Heustadlwassers? Ist Ihnen vielleicht etwas Ungewöhnliches aufgefallen? Kam Ihnen die Gegend nicht nur winterlich unwirtlich, sondern auch ein wenig unwirklich vor? Ist die Zeit vielleicht ein kleines Bisschen aus den Fugen geraten? Haben Sie in den zwei Stunden zwischen 15.34 und 17.34 etwas nicht ganz Alltägliches bemerkt? Sind Sie jemandem begegnet? Vielleicht einer etwa 20-jährigen jungen Frau, die seltsam gehetzt wirkte? Ja? Das könnte Karla gewesen sein, dann hätte sich die schweigende Protagonistin aus Walter Kreuz' Extrakt "Karlas Lauf gegen die Raumzeit" doch tatsächlich aus ihrer Buch- und Parallelwelt in die Wirklichkeit extrahiert, auf ihrer Flucht aus der Neurologischen Abteilung III der Krankenanstalt St. Johann-Stiftung in Wien-Erdberg.

Bei Walter Kreuz' Prosa – ist es denn Prosa? – versagen herkömmliche Gattungsbegriffe und literarischen Beschreibungskategorien. So nennt der Autor "Karlas Lauf gegen die Raumzeit" denn auch einen "Extrakt", einen Auszug also aus realen und Gedankenwelten. Der Plot ist schnell umrissen: eine junge Frau, Karla eben, flieht aus einer Wiener Nervenheilanstalt und schlägt sich durch die Stadt, ein wenig umgestüm, verzweifelt auch. Ergebnis: zwei Verletzte. Karla sagt nichts dazu. Die Umwelt fragt sie nichts, auf das sie eine Antwort wüsste. Karla schweigt, dafür reden alle und alles um sie herum für sie und auf sie ein. In einer Art Fantasy-Pananimismus ist die gesamte Welt beseelt und spricht: Eine Linde (Tilia grandifolia), eine Weide (Salix Alba), ein mittelschweres Eisentor, eine Wiener Straßenbahngarnitur, Stadt und Stadtteil und auch ganz körperlose Wesen wie der Nachmittag, ein Geräusch, ein Sprung der Protagonistin aus dem Straßenbahnwaggon – Gegenständliches und Abstraktes, alle haben was zu sagen. Auch ein paar Menschen kommen zu Wort, gleichberechtigt in der Menge, nicht bevorzugt vor dem Unbelebten, erst am Ende darf nur noch weiterreden, wer über Leben und Gehirn verfügt.

Mehrsprachig, multikulturell und vielstimmig ist der "Extrakt", die Erzählposition wird stets nach ein paar Sätzen weitergegeben wie das Holz nach einem Staffellauf. Dabei wird meist gar nicht im eigentlichen Sinne erzählt, sondern eher zugerufen, zugesprochen, reflektiert und kommentiert, und das in durchaus eigenwilliger Lexik und Grammatik. Die sprechenden Elemente werden bei Auftreten nicht explizit benannt, geben sich aber in den ersten Sätzen – nicht zuletzt durch sprachliche Eigenheiten – zu erkennen und sind auch durch einen mehr oder weniger unverwechselbaren Stil gekennzeichnet. (So zeigt die Straßenbahngarnitur eine gewisse Vorliebe für Exkurse ins Italienische). Die deutsche Sprache liefert hier lediglich das Rohmaterial, wird zurechtgedrückt und zurechtgebogen, manchmal nahezu bis zur neologistischen Unkenntlichkeit. Walter Kreuz verwendet Laute und Silben und formt sie nach Lust und Laune, wie man Figuren aus Ton modelliert.

Es ist aber keine beschädigte Sprache, kein beschädigtes Erzählen, kein Sich-nicht-mitteilen-Können, das hier vorgeführt wird, ganz im Gegenteil. Da will einer experimentieren, was das Zeug hält, da will einer das Unerzählbare erzählen, und trotzdem noch verstanden werden. "Ereigniskoordinaten" verankern die Szenen in Handlung, Raum und Zeit, eine mehrdimensionale schematische Darstellung von Karlas Lauf bietet zusätzlich Orientierung in Welt und Parallelwelt. Außerdem stellen einleitende Zusammenfassungen des Geschehens und – sprachlich ganz traditionell gehaltene – kommentierend-erzählende Fußnoten nützliche Lesehilfen dar. Die Eckdaten der Handlung sind weniger aus dem Fließtext abzulesen als aus den Textbausteinen rundherum. Und auch das Layout hat nicht nur ästhetisch-funktionale, sondern auch eine gewisse Code-Funktion, wie die Leser/innen schon zu Beginn erfahren: Das Initialwort eines Absatzes steht im Fettdruck, wenn ein Sprecher oder eine Sprecherin sich erstmals in einem Kapitel meldet, rechtsbündig erscheint die Parallelwirklichkeit, Gedankenreise und Rückblenden sind zentriert gesetzt.

Von Szene zu Szene wird es kakophoner: Laufend tauchen neue Redner auf, ohne dass die alten dadurch verstummen würden. Karla schwirrt es wohl zunehmend im Kopf. Kein Wunder, dass sie so unvorsichtig aus dem Straßenbahnwaggon springt, dass sie mit dem ägyptischen Wiener und Bald-nicht-mehr-Lokalbetreiber Dr. Achmed Ashrawi zusammenstößt und ihm einen Finger bricht. Das macht aber weiter nicht viel, denn erstens ist Achmed nicht wehleidig – und zweitens gibt es neben der Wirklichkeit ja auch noch die "Quirklichkeit". "Was wäre wenn" wird zur realen Möglichkeitsform, in einer spontan sich bildenden zweiten Raumzeit geht's auch ohne Missgeschick, und schon ist Achmeds Finger wieder ganz.

Bei Walter Kreuz geht es zu wie in den wildesten Fantasy-Geschichten. Nix is fix, alles ist möglich. Zeit und Raum sind keine Konstanten, ganz im Gegenteil: unsere gewohnte Raumzeit leidet unter akuter Strukturschwäche, was auch zur Folge hat, dass nichts dagegen spricht, wenn zwei Bäume und ein mittelschweres Eisentor ein Geschehen kommentieren, das sich fern von ihnen abspielt.
Und wen erstaunt es noch, dass sich der Liebesakt einer Straßenbahntriebwagengemahlin mit ihrem Beiwagengatten keineswegs in der Parallelwelt, sondern einfach in der Wehlistraße abspielt, und auch noch ein Liebesfunke überspringt in die nächstbeste Zinskaserne, auf dass einander Menschenweibchen und Menschenmännchen ebenso glücklich machen wie die Materie?
In der Parallelwelt Literatur – wer möge dies bezweifeln – ist schließlich alles möglich.

Sabine Dengscherz
24. November 2009

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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