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Walter Kohl: Wie riecht Leben?

Bericht aus einer Welt ohne Gerüche.
Wien: Paul Zsolnay Verlag 2009.
240 S.; geb.; Eur(A) 20,50.
ISBN 978-3-552-05475-2.

Link zur Leseprobe

Manchmal, wenn der Wind passt, denke ich am Wendepunkt meiner Laufstrecke, einer Pumpstation der städtischen Kläranlage, dass es jetzt angenehm wäre, nicht riechen zu können. Genauer – so habe ich gedacht. Die Lektüre von Walter Kohls "Bericht aus einer Welt ohne Gerüche" hat meine Meinung über die Bedeutung des Riechens verändert.

Walter Kohl ist in Schönering bei Linz aufgewachsen. Der Berichterstatter wird Georg Schöneringer genannt. Nicht allein diese literarische Verfremdung soll darauf aufmerksam machen, dass (je)der "Bericht" zutiefst subjektiv ist. Der Text ist eine Fiktion, was sich nicht zuletzt in der überlegten Komposition zeigt. Gleichzeitig wird so die Ehrlichkeit für Leserinnen und Leser, aber auch für den Autor erträglicher. Schließlich bewegen den Mann, der nach einem Fahrradunfall ein handtellergroßes Loch in seinem Os frontale mit einem Deckel aus Kohlefaser-Verbundmaterial gestopft bekommt und fortan unter totaler Anosmie (medizinisch für den Verlust des Geruchssinns) leidet, Geruchsphantasien, die nicht jeder goutiert.

Der Schöneringer bildet sich ein, oder besser befürchtet, wie Madame Gaillard in Patrick Süskinds "Das Parfum" ein Mensch ohne Geruchssinn und dadurch ohne Fähigkeit zu Emotionen zu sein. "Zärtlichkeit oder Abscheu, Freude oder Verzweiflung, es ist mir eins. Ich bin ein grober gefühlsarmer Klotz geworden." – ein großer Teil des "Berichts" ist dem Versuch gewidmet, diese Erkenntnis falsifizieren zu können. Erst auf den letzten Seiten wird die Frage beantwortet, ob es tatsächlich einen "Monsieur Gaillard" gibt.

Walter Kohl vermittelt ein unmittelbares Verständnis dafür, dass auch das Gegenteil des olfaktorischen Genies Jean-Babtiste Grenouille ein Fremdling in seiner Welt bleiben muss. Die Folgen der Anosmie werden detailliert geschildert. Dabei werden Fachartikel, Beiträge aus Internetforen und Chatrooms in das Buch aufgenommen. Dem erfahrenen Sachbuchautor gelingt es dabei, medizinisches Wissen gut lesbar und spannend zu gestalten. Und das, obwohl sich dem Aufzeichnen der "Verlust-Geschichte" die Erfahrung als Hindernis entgegenstellt: "Ich verliere mit dem Riechen auch die Sprache. Ich habe sozusagen keine Stimme." (Unwillkürlich erinnert man sich da an den eloquenten Verfasser des Chandos-Briefes.)

Falls es tatsächlich Menschen gibt, die ihr eigenes Schicksal leichter ertragen, wenn sie es mit dem noch grausameren anderer Menschen vergleichen, ist ihnen dieses Buch unbedingt zu empfehlen. Die Darstellung der Operationen und Krankenhausaufenthalte ganz ohne Wehleidigkeit gestattet uns Gesunden einen Blick in eine Wirklichkeit, die sonst hinter den Mauern der Spitäler verborgen gehalten wird. Verborgen sollte auch jene Geschichte bleiben, die der Schöneringer nach einer Lesung in einem Hotel zu schreiben begann. Sie erzählt "von einem Mann, der nicht riechen kann, der in einem Spitalsbett liegt und sich den Duft im Schritt der Krankenschwester herbeihalluzinieren will, die sich gerade über ihn beugt". Der Text wird in einer "Expertise" aus einer Hörspielredaktion abgelehnt, weil er "zu spekulativ ausgerichtet sei, zu sehr mit der – vermeintlichen – Zugkraft einer extremen sexuellen Einfärbung des Textes operiere". Der ORF hat dann das Stück gebracht, das wohl die Grundlage des vorliegenden Buches abgibt.

Eine Stärke des Buches ist die Schonungslosigkeit, mit der der Ich–Erzähler mit sich selbst umgeht. Da macht sich einer nicht unbedingt sympathisch. Kein Mitleid wird gesucht. Nur Kenntnisnahme. Ironischer Weise wird bei den meisten aber gerade die bewusst literarische Gestaltung des Textes doch so etwas wie Empathie hervorrufen. An Anosmie Leidende kennen das Phänomen von Phantomgerüchen. Uns Leserinnen und Lesern werden von Walter Kohl mitunter Phantomschmerzen zugemutet.

"Wie riecht Leben?" Wie "Eine Mischung aus frischem Zitronenduft und schwerer reicher Herbstluft. Feuer im Nebel."? Eine Frage, die zuletzt doch jeder für sich beantworten muss.

 

Helmut Sturm
28. Oktober 2009

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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