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Robert Kleindienst: Später vielleicht.

Roman.
Innsbruck, Bozen, Wien: Skarabaeus 2009.
176 S.; geb.; EUR 18,90.
ISBN 978-3-7082-3264-5.

Link zur Leseprobe

Robert Kleindiensts "Später vielleicht" ist ein Liebesroman über das Romanschreiben: der Text inszeniert ein metanarratives Spiel mit dem Verwischen der Grenzen zwischen Literatur und (autobiographischer) Realität, zwischen Leben, Lieben und Schreiben. Seinen Ausgang nimmt das Buch von einer Idee der namenlosen Hauptfigur, eines Schriftstellers und Studenten, dass mit der Beseitigung der Stoffarmut des Lebens auch jene des Schreibens einhergehen könnte. Dieser Schriftsteller denkt sich für seinen Roman einen Mann aus, "der beschloss, sein Leben einem radikalen Wandel zu unterziehen. Der neue Impulse für sein Schreiben suchte, provozierte, sich bewusst Gefahren auslieferte und schließlich sogar seine Beziehung aufs Spiel setzte." (S. 38) Doch wird diese Idee nicht nur in dem in Fragmenten und abgehobener Typographie dargestellten Roman im Roman verfolgt, sondern um diese Figur glaubhaft darzustellen zu können, plant der Schriftsteller, selbst einen, ja seinen Roman zu leben, das Leben eng mit dem Schreiben zu verbinden, alles Erlebte sofort in Literatur zu überführen.

Dieser Plan kann umgesetzt werden, als er die brasilianische Austauschstudentin Fábia kennen lernt, die einen Ausweg aus der von ihm als abgestumpft erfahrenen Beziehung mit Nelly zu bieten scheint. Plötzlich ist also für Stoff gesorgt, sowohl für das Leben, als auch für den Roman. Der Schriftsteller beginnt, Nelly zu hintergehen, trifft sich in Prag, der von ihm geliebten Stadt, mit Fábia. In Prag steigert sich zwischen Kafka-Assoziationen und Sightseeing die Intensität der Gefühle zwischen den beiden. Doch trotz seiner inneren Abkehr beendet er die Beziehung mit Nelly nicht, vielleicht auch, weil die Spannung zwischen Wahrheit und Fiktion auch in der eigenen Beziehung das Schreiben befördert. Erst als Fábia nach einem längeren Aufenthalt in ihrer Heimat zurückkehrt, erkennt der Schriftsteller, dass er eigentlich Nelly liebt, die wiederum gerade in diesem Moment seiner Zuwendung die Beziehung beendet. Der Roman schließt mit dem Schriftsteller an der Adria, Erinnerungen nachhängend und den Schluss seines Romans schreibend.

Kleindienst stellt glaubhaft dar, der Schriftsteller mache alles, was er erlebt, hört und sieht, zu Literatur. Dabei gelingen dem Autor einige scharfsinnige Bemerkungen zum Verhältnis von Auto(r)biographie und literarischer Realität sowie clevere (Selbst-) Kommentare, zum Beispiel in folgender Diskussion zwischen Freunden der Schriftstellerfigur:

"Und was ist das Neue an diesem Buch?", fragte David. "Über Beziehungen und das Schreiben von Büchern haben schon tausende andere Schriftsteller vor dir geschrieben. Mir fehlt das Besondere." "Wir sind alle besonders, David", sagte Judith. "Und dadurch alle gleich?", erwiderte er. (S. 131)

In manchen Passagen wird der Leser allerdings das Gefühl nicht los, dass sich auch Kleindienst selbst der Technik seiner Figur bedient, alles (vielleicht vor Jahren) Erlebte und Gedachte literarisiert und damit der Romankomposition schadet. Wie sonst könnte ein seitenlanger, bisweilen banaler Kommentar über den im Fernsehen verfolgten 11. September 2001 abgedruckt sein, der genau genommen in keiner Verbindung zum Rest des Romans steht? Warum sonst besucht der Schriftsteller ein Seminar an der Universität und betrachtet die Kommilitonen abfällig? Ja, warum stellt sich diese Figur im Grunde erst am Ende des Romans als ein Student heraus, wo doch tatsächlich im ganzen Text das Leben eines abgeklärten, desillusionierten und frustrierten 40-jährigen Schriftstellers beschrieben wird? Problematisch ist schließlich auch die Figur der Brasilianerin Fábia, die entintellektualisiert und exotisiert wird, den Schriftsteller für sein Schreiben naiv bewundert und gleichzeitig das (auch sexuell) Fremde, Andere, ja Dämonische verkörpert: "Der Kerzenschein warf zuckende Schatten in ihr Gesicht und verlieh ihm dämonische Züge." (S. 112)

Robert Kleindienst hat einen sehr ambitionierten Roman geschrieben, den man nicht auf seine leider in manchen Passagen augenfälligen Schwächen reduzieren sollte. Vielleicht liegt allerdings gerade im Anspruch des Buches sein Problem. Sicherlich ist es schwierig, einen Liebesroman ohne Stereotype zu schreiben, etwas Neues und Besonderes im tausendfach Gedeuteten und Beschriebenen auszumachen. Genauso schwierig ist es aber auch, das ewige Problem der Literatur, nämlich das immer wieder in Philosophie, Poetik und Poesie aufs Neue bestimmte Verhältnis von Fakt und Fiktion auf gelungene, innovative Weise zum Thema von Literatur zu machen. An der Verbindung dieser hohen Ziele scheitert letztendlich der Roman, der bei einer Konzentration auf nur einen Aspekt durchaus gelingen hätte können. Intelligenz und schriftstellerisches Talent sind dem Autor Robert Kleindienst nämlich keinesfalls abzusprechen.

 

Gerald Lind
29. September 2009

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

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