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Alfred Komarek: Polt.

Kriminalroman.
167 S.; geb.; EUR 17.90.
Innsbruck, Wien: Haymon, 2009.
ISBN 978-3-85218-604-7.

Link zur Leseprobe

Still war es. Doch in der Stille lag der Nachhall von Worten, von Gelächter und Geräuschen, im Geruch des geölten Bretterbodens war die Erinnerung an Küchendunst und Zigarettenrauch. Simon Polt, Gendarm im selbst gewählten Ruhestand, nahm einen gläsernen Bierkrug aus dem Regal und spülte ihn mit frischem kalten Wasser aus.

Simon Polt ist zurück. Nach Jahren der Polizeiarbeit hat er sich zur Ruhe gesetzt und arbeitet nun wahlweise als Gastwirt, als Gehilfe im Kaufhaus der Frau Habesam und als "geprüfter und diplomierter Kellergassenführer". Auch dort, in der Kellergasse, ist es still geworden. Die alten Presshäuser und ihre Keller stehen leer, der moderne Weinbau hat auch das niederösterreichische Weinviertel erreicht, der Wein reift nicht mehr in alten Holzfässern, sondern im Stahltank und wird mit allerlei Zusätzen künstlich aufgehübscht.

Trotzdem: Der Weinbau wirft kaum genug ab zum Überleben, die Jungen suchen Arbeit in der Bezirkshauptstadt oder in Wien. Die einfache, archaische Welt des Wiesbachtals ist bedroht. Polt denkt wehmütig an die Vergangenheit zurück, er ist ein hoffnungsloser Nostalgiker und Idylliker: "Und was der Simon nicht sieht, das gibt es nicht. Bist du eigentlich je erwachsen geworden?", fragt ihn sein ehemaliger Kollege und Freund Norbert Sailer: "Irgendwie sind wir beide von gestern. Ich als Weinbauer, du in jeder Hinsicht."

Polt hat sein ganzes Leben im Wiesbachtal verbracht, er ist daran gewöhnt, dass es wenig Politik, wenig Kultur und wenige Menschen gibt, die den Blick ablenken. Deshalb gelingt es ihm auch trotz seiner unorthodoxen Ermittlungsarbeit, mehr über den rätselhaften Leichenfund in Sailers Weinberg herauszufinden, als es der neue Bezirksinspektor Bastian Priml aus Wien vermag. "G'scheit ist er," urteilt Polt über ihn, doch "gleichzeitig patschert – ich mein im Umgang mit den Leuten hier." Priml muss erst lernen, dass er mit modernen Polizeimethoden nicht weiterkommt: "Mitleben statt vorladen. Dabeisitzen statt gegenüber." Nur so kann er das Vertrauen der Leute gewinnen. Schließlich redet hier jeder über jeden, nur nicht mit ihm.

Auch Alfred Komareks fünfter Polt-Krimi spielt im Wiesbachtal, in der tiefsten Provinz, nahe der tschechischen Grenze. Eine Handvoll Einwohner, ein Kaufhaus, ein Wirtshaus, eine Kirche, vielmehr gibt es dort nicht. Die meisten Presshäuser stehen leer, die örtliche Polizeidienstelle wurde aufgelassen, die Grundschule wird wohl auch bald schließen, es gibt nicht mehr genug Kinder. Was dann aus der Lehrerin Karin Walter wird, die von ihm ein Kind erwartet – nicht nur dieser Gedanke raubt Polt dem Schlaf.
Denn die Leiche im Weinberg schlägt immer höhere Wellen. Wer war der fremde "Feschak"? War es wirklich Selbstmord? Was hat Norbert Sailer mit der Sache zu tun? Und wissen Rudi Weinwurm und Grete Hahn mehr über den Toten, als sie zugeben wollen?
Schon allein, um seine Freunde vor falschen Verdächtigungen zu schützen, will Polt das Rätsel um den Toten so schnell wie möglich lösen. Bedächtig, behutsam wie eh und je und mit ungebrochenem Gerechtigkeitssinn beginnt er zu ermitteln. Doch mit jeder Wahrheit kommen auch unerwartete menschliche Abgründe – Gewalt, Eifersucht, Heuchelei – ans Licht.

Auch dieser neue Polt-Krimi ist kein reißerischer Thriller, sondern ein fein gesponnener, psychologischer Roman von knisternder Spannung. Mit großem Verständnis für die Sorgen, Nöte und Beweggründe seiner Protagonisten entwirft Komarek ein tiefgründiges, melancholisches Sittenbild und eine reich bebilderte Milieustudie mit Liebe zum Detail. Vor den Augen des Lesers breitet er die Kulturlandschaft des Weinviertels mit seinen kleinen Dörfern und Weinstöcken aus, er erzählt reizvolle Details über die Weingewinnung und über das entbehrungsreiche bäuerliche Leben der Menschen früher und heute. Die Beschreibung dieser anachronistischen Welt mit ihren ungeschriebenen Sitten und Bräuchen gerät ihm jedoch nicht reaktionär, der Ton ist liebevoll ironisch, die Sprache schlicht, die Bilder von stiller Poesie: das Halbdunkel der Wirtsstube "in den Farben von altem Holz und altem Lack", der "erdige, holzige, feuchte Geruch" des gemauerten Weinkellers, jener nach "Kernseife, Leberkäs und Schokobananen" des Habesam'schen Ladens, das Bouquet des Sauvignon Blanc –"Grüne Tomate, Paprika, ein Hauch schwarze Ribisel" – Komarek gestaltet auch in diesem fünften Polt-Krimi ein "dunkles Zauberreich", heiter und melancholisch zugleich.

 

Martina Wunderer
9. September 2009

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

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