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Martin Kolozs: Harte Zeiten.

Stories.
Zirl: Edition BAES, 2009.
84 S.; brosch.; Euro 10,-.
ISBN: 978-3-9502705-0-1

Link zur Leseprobe

Stories – also Kurzgeschichten – finden sich in Martin Kolozs' Band Harte Zeiten, und die Kürze ist tatsächlich ein Charakteristikum der zwölf Texte, die so knapp erzählt werden, dass sich mit jeder neuen story das Gefühl der Atemlosigkeit verstärkt.
Die Kürze korreliert auch mit Stil und Inhalt: scheinbar nur die Oberfläche streifend werden hier schlaglichtartig Stunden oder Tage aus dem Leben der Protagonisten eingefangen, in knappen Sätzen und dialogreich erzählt. Der Autor reiht rasche Abfolgen von Szenen aneinander – die sich auf eine Art Höhepunkt hin entwickeln, der dann aber doch nicht so richtig einsetzen will.
Die formlose Sprache dient vordergründig dazu, die Handlung voranzutreiben, spart schlussendlich aber gerade diese großteils wieder aus: Die Psychologisierung und Charakterisierung der ausschließlich männlichen Protagonisten wird durch die Knappheit der Handlungsstränge vermieden. Diese Antihelden mit ihren amerikanische Namen, Rick, Henry, Ted, Joe, Phil etc. erleben "harte Zeiten" in knallharten Geschichten. Gewalt, Sex, Frust und stetige Niederlagen bestimmen ihr Leben, das ganz auf den Augenblick ausgerichtet ist. Dementsprechend erfährt der Leser nichts über ein Davor und Danach, ein Woher und Warum der erzählten Episoden.

Depressionen und Konflikte werden immerzu nur angedeutet und nie restlos geklärt, so etwa in der titelgebenden Geschichte, in der ein unverarbeiteter Konflikt mit den Eltern den Protagonisten Marc zerstört hat. Spürbar bleiben nur Ausweglosigkeit, Frustration und Wut – Stille Wut lautet dann auch der beklemmende Titel einer anderen Geschichte, und Gewaltbereitschaft zieht sich als stetige Komponente durch das ganze Buch, gepaart mit der ausgeprägten Bereitschaft zur Ausübung von Geschlechtsakten. Zentral ist dabei die Verbindung dieser Momente – die Verschränkung von Sex und Gewalt. Die beziehungsunfähigen Protagonisten verstehen es, Frauen zu sexualisieren und ihre Aggression ihnen gegenüber auszuleben: Pete, der untreue Ehemann, der am Ende von seiner Frau verlassen wird; Frank, der betrogene Ehemann, der seine Frau und ihren Liebhaber umbringen will, dann aber 'nur' sich selbst erschießt; oder der Boxer, der seine Freundin verprügelt, weil er im Kampf verloren hat ...

Aber es gibt auch die Gegenseite dieser harten Kerle: kaltblütige und herzlose Frauen – etwa Marguerite, die mit Ted zusammen sein will, doch nur unter der Bedingung, dass es niemand erfährt, vor allem nicht ihre Arbeitskollegen. Und dann und wann blitzt plötzlich Schwäche, Trauer, Emotion in den dargestellten männlichen Gefühlswelten auf, wie in der Geschichte über ein Begräbnis, in der Phil zum Schluss einen Hund überfährt und – es mutet unter dem Einfluss der vorangegangenen Geschichten seltsam inszeniert an – tatsächlich weint. Die letzte story weiß von Norman zu berichten, der nicht in seine Wohnung kann, weil einer seiner Nachbarn droht, sich in die Luft zu sprengen, und der nach einigem Herumirren schließlich im Park landet: in den Schlusszeilen dieser Geschichte und zugleich des Bandes findet sich plötzlich die rare Erzählung eines Glücksmomentes:

Er war zufrieden damit, was er wusste: Nichts!
Nirgends!
Niemand!

Am Himmel zogen die Wolken.
Es flog ein Vogel: Daher, dorthin.
Sein Leben ist überall. Nur die Tauben wohnen in den Parks.

Bis hin zur Aussagelosigkeit sind die stories und deren Helden beliebig und austauschbar, es kennzeichnet sie das abrupte Einsetzen und das schlagartige Ende. Mal beschließt diese ein realer, mal ein metaphorischer Schlag ins Gesicht. Jede Konsequenz des Handelns bleibt dabei ausgespart, eine moralische, psychologische, politische oder feministische Deutung und Wertung der stories wird so erschwert und dankenswerterweise auch vordergründig nicht geboten.

Was nach dem Lesen bleibt ist schlicht ein starkes Gefühl von Fadheit und Frust. Vielleicht ist aber gerade dieses Gefühl ein Indikator für die Qualität der Geschichten: die Szenenfolgen laufen in hoher Geschwindigkeit ab, ohne die Brutalität, Banalität und Traurigkeit der dargestellten Lebenswelten in irgendeiner Weise situieren, analysieren, kontextualisieren zu wollen, und gerade dadurch entfalten sie ihre Wirkung.

 

Elena Messner
20. April 2009

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

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