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Eugenie Kain: Schneckenkönig.

Erzählungen.
Salzburg, Wien: Otto Müller, 2009.
134 S.; geb.; Euro 18,-.
ISBN 978-3-7013-1158-3.

Link zur Leseprobe

Der Mensch reist immer vor sich her...

Unter dem Asphalt fließt der Füchselbach und unter dem Pflaster liegt der Tod. Hinter den Wohnblöcken, den gelben Nebeln des Chemieparks und den weißen Dampfwolken des Stahlwerks schwimmen die Träume von einem besseren Anderswo mit den Donauschiffen bis zum Schwarzen Meer und fliegen mit den Zugvögeln Richtung Süden. Die Wohnungen der Menschen, die im Linzer Hafen, im Schlachthof und in den Kühlhäusern der Stadt arbeiten, liegen zwischen Lärmschutzwänden und Tiefgaragen. Ihnen fühlt Eugenie Kain in ihren neuen Erzählungen den Sehnsuchtspuls. Meist sind es Frauen, krank nach anderen Horizonten, deren Lebensträume zwischen Kinderwagen, Fabrikarbeit, Sockenschublade und Einmachgläsern ersticken.

Ein Kirschbaum ist der Lebensmittelpunkt der Großmutter und die Seelenoase der Familie in der Erzählung "Das Leben ein Fest". Jahrzehntelang trotzt Großmutters Lebensbaum mit seinen prächtigen weißen Blüten und den leuchtend roten süßen Früchten dem um ihn herum wachsenden Beton. Bald sieht sie vom Küchenfenster aus nur noch einige Äste hinter den immer dichter werdenden Mauern. Zweimal blüht der Kirschbaum nicht: als die Großmutter ins Altersheim geht und in dem Jahr, als sie stirbt. Für Obst- und Gemüsegärten mit Kohlrabi und Zwiebeln, Ribisel- und Stachelbeersträuchern ist zwischen Büros und Sonnenstudios kein Platz. Statt selbst eingemachter Bohnen speist man im Haubenlokal gleich neben dem übelriechenden Schlachthof. "C'est la vie" steht über dem Eingang.

Vor dem sich ausbreitenden "Tod in den Städten" flieht Rosa in "Just another city" in das Brachland zwischen Autobahn, Lagerhallen und Hafen. Hier an den Rändern der Stadt folgt sie in Gedanken den Zugvögeln, um der Enge der Häuser und der Angst vor dem nahen Sterben zu entgehen. An Deck eines Donauschiffs erkennt sie Mädi, die Angestellte des Tankschiffs, in den Armen eines rumänischen Matrosen. Von ihr handelt die erste Erzählung des Bandes. Hier in der letzten Geschichte taucht sie als Seelenverwandte Rosas wieder auf. Aber die Zeit läuft vorwärts und rückwärts zugleich. Während sie in der Anfangsgeschichte schon dem an die Donau verlorenen Geliebten den Flusslauf bis nach Tulcea hinterherträumt, ist ihre gestundete Liebe hier noch aktuell. Dieser zeitliche Krebsgang hat in Eugenie Kains "Schneckenkönig"-Erzählungen System. Vergangenes und Zukünftiges, Gegenwärtiges und Erträumtes werden so ineinander verschränkt, dass eine neue poetische Wirklichkeit entsteht. Kain deckt Spuren der Geschichte auf und gibt so der Seele der Stadt und der Menschen das längst verloren geglaubte Gesicht wieder. Denn nichts ist, wie es ist auf den ersten Blick; immer gibt es Spuren, lässt Kain eines der mythischen Tiere in einer ihrer Erzählungen sagen.

Kirschbaum, Zugvögel, Donauschiffe, der Schneckenkönig oder der "rote Klang" der Arbeiterbewegung sind Chiffren für die unstillbare Sehnsucht nach einer anderen, besseren Welt. Für die meisten bleibt es ein Traum. Nur eine Frau erfüllt sich den Wunsch, aus der Rolle der Mutter und Hausfrau zwischen Milchsemmeln und Kindergarten auszubrechen. Sie macht sich auf den Weg nach Tamanrasset, um dort die Lieder und Lyrik der Tuareg-Frauen zu sammeln, ihre Poesie zu dokumentieren, bevor auch die Kultur dieses Volkes für immer erloschen ist. Ihr Kind und ihren Mann lässt sie zurück; genauso wie ihre Bücher über die Sprache der Tuareg mit ihren Gleichnissen und Rätseln. "Der Mensch reist immer vor sich her", heißt es da. Es könnte ein Motto sein für Eugenie Kains Erzählungen. Denn sie alle handeln vom Reisen, all ihre Figuren sind unterwegs; angetrieben vom Unfassbaren trägt jede von ihnen die Sehnsucht im Gepäck.

Eugenie Kains Erzählungen sind nicht erfunden. Wie ihre Figur aus "Unterwegs" sammelt sie Geschichten, bevor sie verblassen, verstummen, sich auflösen im offenen Raum des Vergessens. Kains Schreiben ist Erinnerungsarbeit: Denn die Spuren der Gegenwart, wissen auch ihre mythischen Tiere, führen über die Vergangenheit in die Zukunft und von dort wieder hinein in die Gegenwart. Deshalb geht die Autorin in ihren Erzählungen oft zwei Schritte vor und wieder einen zurück. Im Krebsgang ändert sich die Perspektive. Mit ihr, hofft Kain, verändern wir uns. Für ihre Geschichten ist das manchmal ein wenig zu viel ideologische Last. Auch wenn sie versuchen, möglichst nah an den Menschen und ihren Lebensumständen zu sein. Am stärksten ächzen Erzählungen wie "Im roten Klang" unter dem Ballast der Andeutung des Unfassbaren. Am überzeugendsten vermittelt sich ein Gespür für die Unendlichkeit in unscheinbaren Bildern wie dem Kirschbaum im Betonmeer der Stadt Linz; eben dort, wo die Geschichten authentisch wirken und geerdet sind im selbst Erlebten.

 

Michaela Schmitz
17. April 2009

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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