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Margret Westerwinter: Museen erzählen.

Sammeln, Ordnen und Repräsentieren in literarischen Texten des 20. Jahrhunderts.
Bielefeld: Transcript Verlag, 2008.
247 S.; brosch.; Euro (A) 28,60.
ISBN 978-3-8376-1046-8.

Das Museum, zitiert die Autorin Westerwinter in der Einleitung Karl-Josef Pazzini, subsumiere die Summe aller kulturgeschichtlichen Entwicklungsstadien seiner selbst, angefangen mit den antiken Opferstätten über die Reliquiensammlungen bis hin zu den Wunderkammern.

Das Buch reflektiert das Museum und seine literarischen Einschließungen.

Museum bezeichnete im 16. Jahrhundert das Studierzimmer eines Gelehrten, wurde hernach der Begriff für die Antiken- und Kunstkammer. Gerade deshalb wurden sie oft als antike Tempel erbaut. Museen waren und sind "gesellschaftlich, wissenschaftlich, sozialpolitisch und geschichtlich geforderte Orte, die sich als feste Bestandteile der modernen Kultur etabliert haben". Die Autorin fasst die Aspekte des Museums und des Sammelns, die Gründe für den Besuch, die Räume des Denkens und Reflektierens, die sich in Museen ergeben, die Konstruktionen des Erinnerns zusammen, sie gibt einen profunden Überblick über die Fachliteratur zum Thema.

Von den Dingen im Museum, die auf das Abwesende verweisen, die einen Wandel erfahren, die in Dialog mit den Betrachtenden treten, von den Erzählungen der Dinge, von der Gesprächigkeit der Dinge kommt die Autorin zu den literarischen Texten von Siegfried Lenz bis Lorraine Daston, von Lawrence Weschler bis Italo Calvino und Jorge Luis Borges.

Im Rahmen eines Forschungsprojekts wurden die Texte, alle nach 1945 entstanden, zur Untersuchung ausgewählt. "Herausgearbeitet werden einerseits vielfältige Bezüge und Affinitäten zu zeitgenössischen Theorien über das Museum, andererseits aber auch zu historisch relevanten, philosophischen, phänomenologischen und psychoanalytischen Diskursen über die Bedeutung von Museen. Paradigmatisch wird die literarische Reflexion des Museums als gesellschaftlich wichtiger Institution, deren 'Lesbarkeit' durch Ideologien verstellt oder durch politische Systeme benutzt wird, in den einzelnen Kapiteln genauso behandelt wie die Entfaltung von Topoi, die mit dem Kernthema Museum zusammenhängen: das Sammeln, der Sammler, die Dinge, die Ordnung einer Sammlung und ihre (Re)Präsentation."

Vom Museum im Kopf erzählt Siegfried Lenz' "Heimatmuseum", vom Museum als Ort medial inszenierter Erinnerungen Marie Luise Kaschnitz' "Das Haus der Kindheit", vom Museum als abgelehntem Ort erzählt Bruce Chatwins Roman "Utz", vom Museum zwischen Fake und Realität handeln Lawrence Weschlers "Mr. Wilsons Cabinet of Wonder" und Brian Moores "The Great Victoriana Collectin".

In Kaschnitz' "Das Haus der Kindheit" ist die Welt der in einer Kerze Stehenden verkehrt: "daß in den erleuchteten Kammern alle Dinge auf dem Kopf standen machte sie zugleich merkwürdig und ohnmächtig, und die Tatsache, daß es an mir lag, sie auf solche Weise zu verwandeln, gab mir ein Gefühl von Freiheit und Glück." Siegfried Lenz erschafft sein "Heimatmuseum" beharrend auf die Bewahrung der Heimat so wie er sie 1945 verlassen hat. "Verloren sei die Heimat erst dann, wenn sie verschwiegen werde oder wenn sich niemand mehr ihrer erinnerte. Heimat wollte er als Ort der unausgesprochenen Verbindungen verstanden wissen:" Das Museum verankert das Recht auf Heimat, es stellt auch einen Ort für Berechtigungen dar.

Neue Zusammenhänge analsysiert Brian Moore: Weltausstellungen und Disneylands als Reduzierungen des Weltmarkts, Themenparks als Produktion der Feier. Das Kunstwerk in seiner Originalität wird in Frage gestellt, der Anspruch auf Einmaligkeit entfällt, die Museumslandschaft wird auch ironisiert, wenn Lawrence Weschler schreibt: "The museum presents precisely the sort of anoymous-looking facade one might easily pass right by."

Der Band der literarischen Werke für, über und wider das Museum setzt der Abgekartetheit der Schausammlung, der Vollendetheit und inszenierten Vollständigkeit die poetische Unsicherheit entgegen, den Zweifel an der Fassbarkeit mit Worten. Literatur entdeckt die Fragwürdigkeit und macht sie erträglich.

Das Buch ist viel mehr als die Analyse literarischer Texte, es ist eine Verortung sämtlicher Begriffe und Ereignisse der Museumsgeschichte in ausführlichen Fußnoten. So bietet es eine Kulturgeschichte der Museen ebenso wie eine Textsammlung zum Museum.

 

Irene Suchy
16. Dezember 2009

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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