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Martin Mucha: Papierkrieg.

Kriminalroman.
Gmeiner Verlag: Meßkirch, 2010.
372 S.; brosch.; EUR 11,90.
ISBN 978-3-8392-1054-3.

Link zur Leseprobe

Philologen können mehr als Griechisch

Martin Mucha, geboren 1979, selbst promovierter Geisteswissenschaftler (mit "l" natürlich), wählt für sein Krimidebüt einen ungewöhnlichen Helden: einen Philologen. Dr. Arno Linder – Anfang dreißig, Altphilologe, von der Universität Wien miserabelst bezahlt – ist aber keineswegs der verstaubte Buchstabenfritze, der bebrillte Fachidiot, den seine Leidenschaft für alte Griechen vermuten lassen würde. Im Laufe des Buches wird er übel verdroschen, was er ziemlich locker wegsteckt, er verdrischt selbst einen russischen Schläger (die Rinderhälften!), kombiniert, was das Zeug hält, bewegt sich routiniert in zwielichtigstem Milieu, pflegt Umgang mit der Mafia, einem Zuhälter, Hehlern, Dieben, Spielern, einem Casinobesitzer, Anwälten, Polizisten und anderen Verbrechern, lügt, betrügt, manipuliert – und hat am Ende ein aberwitziges Abenteuer erlebt, aber leider nicht mehr Geld als zuvor.

Worum geht's? Arno Linder fährt ein völlig betrunkenes Mädchen nach Hause, weil er sich eine Belohnung dafür erhofft; er ist moralisch zwar grundsätzlich integer, aber von irgendwas leben muss man ja auch als Sprachwissenschaftler, er ist nämlich nicht einmal krankenversichert. Das Mädchen ist, wie es aussieht, in einen Mordfall verwickelt – und der Herr Doktor flugs auch. Anfangs scheint es um Apple-Computer und iPhones zu gehen, das Objekt der Begierde und die Ursache der sich anhäufenden Toten ist aber ein antiker Papyrus (sieh an: bei Papyrus sind "der" und "das" möglich) von beträchtlichem Wert. Arno Linder hat anscheinend nicht den gesunden Instinkt, der ihm befiehlt, sich herauszuhalten – dann wäre es ja auch ein ziemlich langweiliges Buch geworden –, nein, er stürzt sich in die Sache, nutzt seine Kontakte, knüpft neue, zu denen auch die sagenhaft erotische, aber leider eiskalte Anwältin gehört, und versucht zudem, finanziell gut auszusteigen – und deshalb ist es ein spannendes, sehr unterhaltsames und obendrein witziges Buch geworden.

Martin Mucha kennt das Genre, keine Frage. Das Buch ist voller Klischees und Hardboiled-Gemeinplätze, aber nicht, weil Mucha es nicht besser könnte, nein: er spielt elegant und augenzwinkernd damit – von der besagten Anwältin über diverse Russen-Paten bis zu den ekelhaften und zum Glück dämlichen Polizisten – und es ist wirklich von Mal zu Mal lustiger, wenn Linder von den Polizisten "Katze und Fuchs aus Pinocchio" neben einer frischen Leiche angetroffen wird. Die Ausreden würden in Wirklichkeit zwar bestimmt nicht funktionieren, aber welche Schlagfertigkeit!

Die anzutreffenden Figuren sind durchwegs krimi-authentisch geraten: Der greisenhafte Casinobesitzer hat einen Bodyguard namens Fred, der mit gelungenem Schweizer Akzent spricht und in seinen zweihundert Kilo Muskelmasse ein weiches und loyales Herz hat; der schmierige Elektro-Hehler schlägt seine minderjährige, sagenhaft prollige Freundin, die echtes Unterschicht-Wienerisch spricht und einen Majordomus für etwas Perverses hält; der Zuhälter gibt sich großspurig, behandelt seine Mädchen anständig, obwohl sie natürlich hin und wieder eine harte Hand brauchen, verpfeift aber sofort jeden. Arno Linder selbst ist nicht nur gebildet und hartgesotten, sondern auch Tee- und Musikliebhaber.
Das nun ist das Einzige, was bei dem ganzen perfekt dick Aufgetragenen eine Spur zu viel ist. Tee ginge ja noch – es kann ja nicht jeder dauernd Ottakringer trinken –, aber die Exkurse zu Bachs Brandenburgischen Konzerten, zu diversen Jazz-Platten, Rolling-Stones-Alben, zu The Cure und Charlie Parker liest man nur am Anfang und überblättert sie gegen Ende. Da aber der Herr Doktor der Einzige ist, der bis zum Ende einen kühlen Kopf bewahrt und einigermaßen den Durchblick hat, verzeiht man ihm das Schwadronieren und hofft, dass man am Ende auch versteht, wer wen warum umgebracht hat und um was es jetzt eigentlich geht.
Ironisch, augenzwinkernd, spannend – schlicht empfehlenswert.

 

Bernd Schuchter
25. März 2010

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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