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Elisabeth Markstein: Moskau ist viel schöner als Paris.

Leben zwischen zwei Welten.
Wien: Milena Verlag, 2010.
179 Seiten; zahlr. Abb.; Euro 17,90.
ISBN 978-3-85286-191-3.

Link zur Leseprobe

Moskau – Paris – Wien.
Topographie eines Lebens, erzählt von Elisabeth Markstein

"Das Lisalein tut Nägelbeißen." (S. 9)

Mit so privaten Zitaten und Beschreibungen stolpert man in die Lektüre von Elisabeth Marksteins Moskau ist viel schöner als Paris und vermutet schlichte Erinnerungen, vielleicht noch leicht abenteuerliche Verwicklungen und Irrungen, schließlich wird vor der Folie des Nationalsozialismus erzählt. Eine bewegte Zeit eben. – Man täuscht sich gründlich!

Natürlich ist es eine bewegte Zeit, aber diese Biografie ist anders. Elisabeth Markstein, Jahrgang 1929, wird in eine politische Familie geboren und wächst in direkter Nachbarschaft zur Weltpolitik auf. Ihre Eltern sind Kommunisten, Vater Johann Koplenig ein führender Kopf der österreichischen kommunistischen Partei, später als Vizekanzler für die KPÖ in der ersten Übergangsregierung nach dem Krieg 1945. Elisabeth Markstein selbst verlebt Kindheit und Jugend überwiegend in Moskau, wohnhaft im berühmten Hotel Lux, dem Quartier der politischen Exilanten. Sie wohnt Tür an Tür mit Titos Sohn Mirko, dem Ehepaar Ulbricht oder Ruth Fischer, die noch in den 20er-Jahren die KPD führte.

Aber das alles erzählt Elisabeth Markstein wie nebenher und das macht ihre Erinnerungen so persönlich und charmant. Es geht in den Geschichten, den Stationen eines Lebens, nie um Effekt, nicht um die Aufzählung von Bekanntschaften mit berühmten Persönlichkeiten. Es bleibt immer ein privater Blick aufs eigene Leben, das eben per Zufall durch die Wogen der Geschichte geschaukelt wurde. An einer späteren Stelle wird gerade betont, dass die Autorin nicht mit wörtlichen Zitaten bedeutender Zeitgenossen, die sie getroffen hat, dienen kann, denn sie hat schlicht nicht auf verkäufliche Erinnerungen geschielt und deshalb nicht protokolliert. Warum auch?

Gerade dieser private Blick ist es auch, der die beschriebene Zeit so authentisch erfahrbar macht, das Moskau, das Paris der 30er-Jahre, Österreich, Reisen in andere Länder.
Und dann schleicht sich doch noch einmal die Weltgeschichte in den Text, das soll nicht verschwiegen werden, schließlich ist Elisabeth Markstein auch die Übersetzerin von Alexander Solschenizyns Archipel Gulag, wohl einem der wichtigsten Werke des 20. Jahrhunderts. Genau und kenntnisreich zeigt die Autorin die Wirkung, die dieses Buch auf die Intellektuellen in Westeuropa und den USA ausübte, sie beschreibt die langsamen Veränderungen in den kommunistischen Parteien Europas, die enttäuschten Hoffnungen auf einen humanen Sozialismus, Hoffnungen, die spätestens mit dem Prager Frühling aufgegeben werden mussten. Sie schreibt detailreich von den sogenannten Revisionisten in Österreich, vom Eurokommunismus, von Begegnungen mit Dichtern wie Jossif Brodksi oder Wystan H. Auden und Freundschaften mit Lew Kopelew oder Heinrich Böll. Und immer wieder Solschenizyn, für den sie Texte aus der UdSSR schmuggelte und sich auf viele andere Arten einsetzte.

Und die Politik? Das Buch lebt natürlich von der besonders linken Sicht der Dinge, wodurch zeitgeschichtliche Abläufe zeitzeugenhaft anschaulich und nah dargestellt werden. Für die Erzählung aus dieser Perspektive ist Moskau ist viel schöner als Paris ein Glücksfall im Genre der Erinnerungsliteratur, da nicht bloße Reminiszenzen wiedergegeben werden, sondern eine hochintelligente Frau ihre eigene Biografie literarisch verdichtet. Allein die innere Entwicklung von der quasi geborenen Kommunistin hin zur Antistalinistin, die nach wie vor sozialistisch leben kann, ist überaus lesenswert.

Moskau ist viel schöner als Paris ist ein beeindruckendes Zeugnis, vor allem aber ein berührendes Buch, das nicht beschönigt und nichts verschweigt.
Vor solchen Biografien möchte man sich verbeugen, bis zum Boden.

 

Bernd Schuchter
18. März 2010

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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