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Ronald Pohl: Die Spindelstürmer.

Drei Kurzromane
Graz-Wien: Literaturverlag Droschl, 2010.
136 Seiten; geb.; Euro 18,-.
ISBN 978-3-85420-768-9.

Link zur Leseprobe

Eine phantastische Provokation(?)

Mit diesem lobenden Attribut eröffnete Klaus-Maria Brandauer höchstpersönlich die Präsentation von Ronald Pohls neuestem Prosaband im März dieses Jahres. Im an Kunst und Historie überbordenden, ausgewählten Rahmen des Palais Kinsky in Wien hatte sich ein ebenso zahlreiches wie distinguiertes Publikum eingefunden. Die Spindelstürmer sei "ein Buch zum Lesen, nicht zum Vorlesen", warnte paradoxerweise der wortmächtige Vortragende zu Beginn der Lesung. Womit aber keineswegs dessen Anwesenheit und noch weniger jene des ihn begleitenden Pianisten in Frage gestellt schien, sondern vielmehr ein realistischer Vorgeschmack auf das angekündigte Hörtext-Erlebnis gegeben wurde. Und das war wahrlich kein einfach sich erschließendes. Dabei war Pohls höchst stilisierter und aparter Prosatext bei seinem Vermittler an diesem Abend vorzüglich aufgehoben.

"3 Kurzromane" kündigt die rund 130 Seiten starke Publikation an, der erste und auch umfangreichste, "Die Spindelstürmer", verleiht dem gesamten Band seinen Namen und wird gefolgt von den Kürzest-Prosa-Minaturen "Hugo der Täufer" und "Die schweifenden Gehöfte". Ronald Pohls Schreibverfahren – erprobt in Lyrik, Dramatik und seit Die algerische Verblendung (2007) auch in Prosa – mäandert großzügig und in seiner sprachlichen Vielfalt permanent ausufernd um einige wenige inhaltliche Anhaltspunkte und Schauplätze. Diese aber kreisen dafür mit umso größerer Eindringlichkeit um das Zentrum einer akribisch ausgefeilten Bildbeschreibung.

In der ersten, am meisten Raum und Aufmerksamkeit beanspruchenden Erzählung "Die Spindelstürmer" legt der unsichtbare, auktoriale Erzähler sein Vergrößerungsglas auf ein scheinbar einfaches Ausgangsszenario, von dem ausgehend sich in alle Richtungen und Zeiten Ereignisse, Mutmaßungen, Visionen, Rückblicke und Reflexionen entspinnen: Eine Frau, ein kleiner Junge, ein Hauseingang, ein Briefkasten und unterschiedlichste, aber konsequent in den Konjunktiv gesetzte Handlungsverläufe – so einfach beschreibbar gibt sich eine erste inhaltliche Nahaufnahme in der Perspektive eines close-ups, die so simpel und überschaubar aber nicht bleibt: Denn Schritt für Schritt und mit beharrlich zeitdehnendem Vorgehen schlägt die Geschichte immer weiter ausladende Brücken zu verschiedensten historischen Kontexten, die aber auf einige wenige verlässliche Auskünfte beschränkt bleiben: Das sich im politischen Umbruch befindliche Portugal der Nachkriegszeit samt seines kolonialen Erbes gibt den Rahmen vor, in dem die Protagonisten ihre Existenzen beweisen müssen. Autoritäre Regime zwischen links und rechts, Polen und Österreich bilden auch für die beiden nachfolgenden Beiträge den – stets sehr abstrakt bleibenden – historischen Hintergrund, den die Erzählerstimmen in Versatzstücken, aber explorativ und vor allem unnachgiebig, auszuleuchten und zu benennen versuchen: "Taufen nennt Er das, was Er in unserer schönen Stadt treibt? Hatten wir Ihn etwa geheißen, in unseren Parkanlagen auf allen Vieren herumzukriechen und von den Früchten des Stechapfels zu probieren?" (118)

Zurück aber zur Kernerzählung "Die Spindelstürmer": Nicht nur, dass wir es mit einer von Gewalt geprägten Beziehung zwischen einem in die Jahre gekommen portugiesischen General und einer ihm geschlechtlich wie auch ihrer Herkunft wegen untergebenen Angolanerin zu tun bekommen – die hierarische Opfer-Täter-Emblematik, derer Pohl sich bedient, scheint mitunter durchaus eine voyeuristische Neugier des Erzählers zu unterstützen. Die immer wiederkehrenden Referenzen auf Wollust, gespreizte Schenkel und verknitterte Nylonstrümpfe verschwimmen mit jenen sexueller Unterwerfung und körperlicher Züchtigung. Gemeinsam ist ihnen allen ihre Zeugenschaft gegenüber subtilen Machtbeziehungen auf unterschiedlichsten sozialen Ebenen, womit Pohls jüngstes Werk an politischer Streitbarkeit gewinnt. Gleichzeitig aber erschöpfen sich damit ausführliche Beschreibungen wie die folgende rasch in ihrer Aussagekraft bzw. scheinen als unnötige Beigabe eher die Lust des Beobachters zu bedienen als eine Reflexion ihrer Konditionen zu provozieren: "Oder der Major hätte auf der Innenseite seines Metallspindes Betty Grable vorgefunden: die angehockten Beine spitz aneinander gepresst, das ganze, liebliche Paket seitlich weggebogen, als wäre der eine Schenkel dem anderen nachgebildet oder, bei Gelegenheit seiner ungeschlechtlichen Vermehrung, aus der Larve eines Netzstrumpfes hervorgeschlüpft" (66).

Grundsätzlich haben Die Spindelstürmer wie zuvor auch schon Pohls letzter Prosaband Die algerische Verblendung bei weitem mehr mit profunder Arbeit an dem akribisch gefeilten, sprachlichen Rohmaterial zu tun als mit einem dekonstruktivistischen und damit rasse- oder geschlechtskritischen Verständnis postkolonialer Literatur. Somit bleibt es auch mit Bestimmtheit beim "schokoladenbraunen Knaben" (56), "brachliegender Männlichkeit" (57) und "der kraushaarigen Schönen" (60) aus Angola. Der Nachsatz zum "Neger", nämlich ein provozierendes "oh ja, so nannte man sie" (74) wankt waghalsig zwischen Zynismus, bemühter political correctness und diplomatischer Unbeholfenheit. Insofern bleibt vielleicht nichts anderes übrig, als die beinahe enervierende, weil mittels Wiederholung sich verfestigende Einübung stereotyper Geschlechterverhältnisse an dieser Stelle erst einmal zu vernachlässigen, nicht zuletzt, da in Pohls verschwenderischer Metaphernfülle selbstverständlich auch das Potential der Vieldeutigkeit angelegt ist. Und damit ist die Chance semantischer Beliebigkeit ebenso gegeben wie jene der permanenten Bedeutungsverschiebung und kontroversiellen Aneignung durch den Rezipienten selbst.

Pohls Wort- und Bilderflut provoziert den Eindruck einer Unmittelbarkeit, nur entsteht angesichts dieser Distanzlosigkeit zuweilen auch eine unerträgliche Nähe, die den Inhalt durch ihre manchmal beinahe bedrängende Präsenz und Detaillastigkeit in kursorische Einzelfragmente zerfallen lässt und den sich während der Lektüre nicht selten herbeigesehnten Ausblick auf die Gesamtheit der Rahmenhandlung versperrt. Durch die zu einem unsichtbaren Gebot erhobene Hingabe zu Detailschilderung und Personifizierungen – etwa, wenn "ein nachlässig gespanntes Netz aus Wäscheleinen die Fenster miteinander im Gespräch hält" (40) –, gepaart mit ebenso wenig enden wollenden Nebensatzreihen, beweist dieses Prisma an sprachlicher Opulenz zwar überzeugend lexikalische Tiefenstärke, büßt damit aber auch an inhaltlicher Treffsicherheit ein und zwingt den/die LeserIn zu Geduld und zum beständigen Zurückblättern und Wiederlesen – um kurz darauf abermals aus dem kaum sich einstellenden Lesefluss herausgerissen zu werden.

Abseits synonymer Metaphern und komplexer Satzkonstruktionen bleibt letztendlich ein zweischneidiger Eindruck: Einerseits legt Pohl hier eine mutige Grenzerkundung des literarisch Sagbaren vor, spielt bewusst und souverän mit den äußersten Bezirken sprachlicher Zeichengebung ebenso wie er hochfragile poetische Bilder zeichnet, fordert deren Strahl- und Aussagekraft aber ebenso heraus, wie er sie bisweilen auch in ihrer Funktionstüchtigkeit überfordert. In diesem Moment gesellt sich zum Eindruck "surrealistischer Beleuchtung", wie der Verlag es nennt, auch jener manieristischer Bemühtheit, die (be-)schreibt um des (Be-)schreibens willen. Aus dem Briefkasten muss nicht immer ein "Postmöbel" werden, aus der Zahnregulierung kein "Dentalschmuck". Sich dem Experiment des Auslotens sprachlicher Bedeutung als Selbstzweck hingebend, fast darin schwelgend, vertreibt Pohl sich bei dieser zweifellos anspruchvollen Übung die Zeit, ohne aber an sein lesendes Gegenüber auch nur einen Gedanken zu verschwenden. Demnach dürfte es sich um eine vielleicht poetologische, mit Sicherheit aber bezeichnende Passage handeln, als der Protagonist Hugo der Täufer in der zweiten, gleichnamigen Kurzgeschichte auf die donnernde Frage "Was ist die Hauptsache?" nur zu hören bekommt: "Wissen Sie nicht? Die Hauptsache ist – der Eindruck" (118).

 

Antonia Rahofer
12. Mai 2010

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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