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Lissy Pernthaler: Lorbeer und Zitrone.

Prosa.
Innsbruck, Bozen, Wien: Skarabaeus 2009.
153 S.; geb.; Eur 17,90.
ISBN 978-3-7082-3260-7.

Link zur Leseprobe

zuerst lernte ich ben kennen. dann samuel.
Der wesentliche erste Satz bringt in dieser Sammlung von Erzählungen bereits das Thema aufs Tapet: Die weiblichen Ich-Erzählerinnen berichten in 14 Geschichten von ihrem Leben mit (zahlreichen) Männern, immer auf der Suche nach dem nächsten Moment des sich Verliebens. Sehnsucht, Verlangen nach Anerkennung, Liebe, Abhängigkeiten verschiedenster Art und das Verliebtsein ins Verliebtsein sind die Eckpfeiler der kurzen Geschichten.
ich dachte zuerst nicht an ihn. wenn ich ihn nicht sah, kam er mir nicht in den sinn. dann bin ich vielleicht nicht verliebt, dachte ich. doch ich war es. ich kann den genauen zeitpunkt nicht bestimmen, den präzisen moment, in dem es geschah. (140)
Männer füllen die Seiten des Erzählbandes und sie verschwinden so schnell wieder, wie sie auftauchen. Manche sterben einen schnellen Tod, ohne dass die Todesursache erwähnt würde. Ob sie nur in den Augen der Zurückgebliebenen sterben, die sich mit dem Verlassenwerden nicht abfindet und schon auf dem Sprung ist zum nächsten Kuss, muss offen bleiben. Endgültige und schmerzhafte Abschiede sind sie auf jeden Fall.

Die Erzählungen sind nicht voneinander isoliert, zwar weist der Erzählband keine Rahmenhandlung und keine gemeinsame Ich-Erzählerin auf, wohl aber das Rahmenthema der Suche nach Liebe. So ergeben die Geschichten zusammen gelesen verschiedene Facetten möglicher (Liebes-)Leben. Obwohl die Ich-Erzählerinnen mal Studentinnen, mal Krankenschwestern, mal Zugbegleiterinnen sind, scheinen sie wie Abziehbilder einer Person. Zusammengehalten werden die Erzählungen durch die durchgängige Kleinschreibung, stilistische Ähnlichkeit, durch das fragmentarische Erzählen, die erwähnte thematische Rahmung sowie das Prinzip der Autozitation – denn zahlreiche Motive und sogar Sätze findet man in mehreren Geschichten, so dass die Erzählungen in einem geschlossenen Mikrokomos verankert scheinen.

Die Überschriften zu den Geschichten sind oftmals zusätzlich mit bruchstückhaften Untertiteln versehen: meine nächte am meer (a lonely view inside); für alle, die sich auch in einem garten trafen – eine triviale liebesgeschichte; tangere / erna und robert. Pernthaler beschreibt begonnene, abbrechende, wieder aufgenommene Lieben. So spiegeln sich fragmentarischer Inhalt und fragmentarische Erzählform. pina trinkt latte etwa erzählt in vier Abschnitten, die mit den Jahreszeiten überschrieben sind, von vier Stationen einer Liebe. Die Geschichte frachterherz enthält neun kurze Unterkapitel, die jeweils ein klingendes Wort im Titel tragen (z. B. kryosphäre, sargassosee, vortizismus, puranas, katadrome fische).

Wie die Männer wechseln auch die Handlungsorte und scheinen doch immer irgendwie identisch, wiederholt, schablonenhaft. Ob in einer deutschen Großstadt, in Korsika, Südfrankreich, Italien oder in einem Zug unterwegs zwischen den Ländern – die Suche nach der Liebe beherrscht die Erzählungen und deren Erzählerinnen, der Handlungsort bleibt Kulisse. Die Protagonistinnen scheinen zerrissen zwischen Liebesbeziehungen und Wohnorten, nie ist es ihnen möglich sich irgendwo niederzulassen, sich auszuruhen, anzukommen.

Einen besonderen Stellenwert nehmen Farben und Gerüche ein. Fasziniert von der Ferne und dem Fremden verliebt sich die Ich-Erzählerin der Geschichte meine nächte am meer (a lonely view inside) in den indischen Kellner Kalman. Er ist die Verkörperung all ihrer Sehnsüchte, mit seinen kleinen blauen Zetteln, die er unter die Kaffeetassen schiebt, darauf poetische Botschaften über die Ozeane und die Unendlichkeit notiert habend. Für Kalman verlässt die Erzählerin ihren Freund Kevin, wozu es ohnehin Zeit zu sein schien: er strengt sich nicht eine sekunde an, mich zu verstehen. seine derbheit wird mir langsam zu viel. immer anfassen und nie ein moment der ruhe. er fordert immer. kann nie bewusst nehmen. kevin eben.
Die zahlreichen auftretenden Männer tragen wohlklingende Namen wie Samuel, Ariel, Turin, Noel, Luca, Fabrizio, Anton oder Jean-Pierre. Die zwei letztgenannten sind die Protagonisten der titelgebenden Erzählung lorbeer und zitrone. Die Ich-Erzählerin ist mit Jojo zusammen, denkt an den toten Anton und verliebt sich aufs Neue in Jean-Pierre. Schließlich verlässt sie alle drei und stellt die zwei geschenkten Bäumchen Lorbeer (von Anton) und Zitrone (von Jean-Pierre) nebeneinander auf den kleinen Balkon ihrer neuen Wohnung.

Zwar scheinen die Geschichten trotz der Verortungen in einer von Raum und Zeit unabhängigen Blase stattzufinden, Verweise auf die (z. B. die Realität des Kinos betreffende) Außenwelt finden sich trotzdem. Diese reichen vom trivialen Hollywoodfilm (draußen vor dem kino bereue ich, nicht nach seinem namen gefragt zu haben. so kann ich meine seltsame begegnung nicht benennen. ich muss an den film 'seredipity' denken und spüre, dass wir uns noch ein andermal wieder sehen werden. sehen müssen. S. 148) bis hin zu Godards "Le Mépris" (wir umarmten uns, hörten dem peitschenden regen zu und spielten unser liebeskummerspiel. wir hatten das oft gespielt, wenn einer von uns beiden liebeskummer hatte. man deutete dem anderen abwechselnd eine körperstelle und der eine musste sagen, was daran so besonders war. S. 134). Die Geschehnisse veranlassen außerdem stets zu einem außerliterarischen Denken an, so etwa an die Kunst: Denken an Goya in einer verlassenen dunklen Straße (11) oder an Rodin beim Anblick eines in sich verschlungenen Liebespaares (146).

Wohltuend anders entwickelt sich die Erzählung gabbia / 8 tage, in der es trotz der bereits zur Gewohnheit gewordenen Männerbekanntschaften einen überraschenden Schluss gibt, der der Kurzgeschichte im Rückblick eine neue Intensität verleiht – wie, soll hier nicht verraten werden.

Als literarisches Debüt erscheint Lorbeer und Zitrone leider noch allzu versucht in einer metaphorischen und poetischen Sprache, dennoch in den besten Momenten präzise und schlicht, vordergründig naiv. Nur leise taucht der Wunsch auf, ein gründlicheres Lektorat hätte mancherorts die allzu metaphernreichen und syntaktisch mangelhaften Stellen des Prosadebüts korrigiert. Dass nach einiger Zeit aufgrund der allzu stetigen Wiederholungen eine gewisse Monotonie eintritt, kann dem grundsätzlichen Lesegenuss zum Glück nichts anhaben. So kann man dem Verlagstext zustimmen, Pernthaler erzähle "von Momenten, in denen sich Menschen entscheiden zu lieben, Momenten, in denen Zartheit und Brutalität, Hingebung und Zerstörung nur zwei Seiten derselben Medaille sind."

Elena Messner
19. Mai 2009

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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