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Katharina Riese: Vilma heiratet ihre Enkelin.

Skizzenbuch.
Wien: Sonderzahl Verlag, 2010.
176 Seiten; geb.; Euro 18,-.
ISBN 978 3 85449 329 7.

Link zur Leseprobe

Katharina Riese hat für ihre offenbar autobiographische Erzählung eine besondere Form ersonnen: in einem "Skizzenbuch" entwirft sie auf 99 "Blättern" Bilder ihrer Kindheit. Jedes dieser "Blätter" bietet Einblick in die aus ausschließlich weiblichen Mitgliedern bestehende Familie, die sich um die dominante Großmutter Vilma schart. Zusammen mit Tochter Irma und Enkeltochter Karin bildet sie den Kern der Kleinfamilie, die vom Dienstmädchen Anni und der Urgroßmutter Louise umrahmt wird.

Nachdem das Furchtbare geschehen ist, über das nicht gesprochen werden darf, das aber etwas mit dem Ende des Krieges zu tun haben muss, leben die vier oder fünf Frauen auf engem Raum zusammen in einigen Zimmern einer ehemals herrschaftlichen Wohnung. Die gesellschaftliche Stellung, die Vilma durch ihren verstorbenen Mann innegehabt hatte, wird um keinen Preis aufgegeben und so muss sich Irma, die zwei uneheliche Kinder hat, dem Kommando fügen, wenn sie nicht ganz aus der gesellschaftlichen Nachkriegsordnung verstoßen werden will. Vilma, die eine geheime Leidenschaft für den Führer pflegt, spricht weder über diese noch über andere Peinlichkeiten des Lebens. Für sie gibt es nur ein Ziel: ihrer "gefallenen" Tochter wieder Zutritt zur Gesellschaft zu verschaffen und sie an einen geeigneten Mann zu verheiraten.

Während die kleine Enkeltochter als geringeres Übel in den Frauenhaushalt aufgenommen wird, gibt man den Sohn der Einfachheit halber - und um die Heiratschancen Irmas zu vergrößern - zur Adoption frei. Irmas Aufgabe ist es, das nötige Geld durch ihre Arbeit in der Pharmaindustrie zu beschaffen, wodurch sie der strengen Führung ihrer Mutter entkommt und auch der Verantwortung für das Kind, für dessen Erziehung in der Hauptsache Vilma zuständig ist. Mit eiserner Disziplin führt Vilma den ihr anvertrauten Haushalt, als wäre nichts Furchtbares geschehen. Was diese harsche Frau trotzdem liebenswert erscheinen lässt, ist, dass sie kein Scheinleben führt und auch nichts vorspiegelt, was nicht ist. Man lebt für alle sichtbar auf bescheidenem Niveau und behält doch die Gepflogenheiten einer gut situierten Familie in aller Form bei. Das Kind erfährt eine strenge Erziehung, die auf körperlicher Ertüchtigung und Gehorsam beruht, genießt aber auch den Freiraum einer unkonventionellen Familienkonstellation. Vor allem jedoch hat das Mädchen mehrere Vorbilder weiblichen Selbstbewusstseins: die leicht skurrile aber selbständige Urgroßmutter Louise, die den Witwenschmerz überwindende Großmutter Vilma und die familiär untergeordnete Mutter Irma, die sich trotz allem ihre innere Freiheit nicht nehmen lässt.

In einer unprätentiösen Sprache erzählt die Autorin so gerade heraus, wie sie es in der Kindheit von ihrer Großmutter gelernt hat: immer schön Distanz halten und höflich bleiben (S. 96). Die wenig emotionalen und mehr bildlichen Erinnerungen sind gespickt mit Zitaten Vilmas, die in Kursivschrift herausgehoben werden. Die Aussage der Autorin "Deutlicher jedoch als ich mich an die Menschen erinnere, höre ich noch Vilmas Kommentare." gilt für das gesamte Skizzenbuch. Was hier Großmutter und Enkelin füreinander bedeutet haben, ist nur zwischen den Zeilen zu lesen. Wann der wichtige Abschnitt Kindheit zu Ende war und die Großmutter aus ihrer Aufgabe der Vertrauensgeberin entlassen wurde und ob sie darüber enttäuscht oder glücklich war, erfahren wir nicht mehr. Klar wird nur, dass die Enkelin irgendwann ihr selbstbestimmtes Leben einfordern wird: "... und doch hatte ich das Gefühl, in der kurzen Zeitspanne vom Griff in Vilmas Handtasche, vom Öffnen des Portemonnaies, der Entnahme der Münzen fünf und eins, dem Gang zum Christkindlmarkt, dem Kauf der Fetzenpuppe und der Mitnahme der Beute nach Hause dem richtigen Leben sehr nah gewesen zu sein." (S. 160)

Neben der sehr persönlichen Familiengeschichte, die einen auffordert mit voyeuristischer Neugierde hinter die Kulissen zu schauen und an die eigenen Familienkulissen zu denken, entsteht außerdem ein Bild der Stadt Linz, wo Katharina Riese 1949 geboren wurde und aufgewachsen ist. Abgesehen von städtischen Besonderheiten entspricht das Leben der allgemeinen Nachkriegsstimmung in Österreich. Nur mehr Erinnerung ist die Freiheit der unbewacht spielenden Kinder auf ehemaligem Bombenterrain und die biedere Verkrampftheit von Damenbesuchen, Bridgerunden und Tanzabenden. Die Schilderung der Verhältnisse, wie dass der Eisschrank noch mit echtem Eis gefüllt wurde oder das nach dem Krieg lebendig gebliebene Handwerk von Schneiderinnen, Schustern, Bäckern und Schmieden auf dem Land (wie alle Menschen, die mit "Erbe" ausgestattet sind, verbrachte die Familie die Sommermonate am Attersee), mutet heute "historisch" an.

All das erschließt sich aus den auf jeweils ein Blatt komprimierten Betrachtungen, die Katharina Riese uns vorführt. Es ist, als blättere man in einem Fotoalbum, in dem sich uns die Bilder darbieten, wie sie sich im Kopf der Autorin festgesetzt haben: "Und, möchte ich diese Wohnung und den dazugehörigen Hausrat fragen, wer hat euch hereingebeten in meinen Kopf, mein Gedächtnis, meine Erinnerung?" (S. 7) Im Gegensatz zu vielen anderen traumatisch geprägten Kindheitserzählungen erfahren wir von einer glücklichen Kindheit trotz widriger Umstände und wie es kommt, dass Katharina Riese nicht nur Autorin zahlreicher Bücher, sondern auch eine wichtige Persönlichkeit der Wiener Frauenbewegung wurde.

 

Silvia Sand
10. Mai 2010

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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