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Andreas Renoldner: Renato.

Roman.
Klagenfurt, Wien: Kitab 2009.
232 S.; brosch.; Eur 16,-.
ISBN 978-3-902585-37-0.

Link zur Leseprobe

"Opfer befreien sich nicht selbst. Opfer müssen befreit werden." Dieser Satz steht weit vorne in Andreas Renoldners jüngstem Roman Renato. Er gibt das Thema vor und stammt vom Icherzähler. Mit "Opfer" meint dieser sich selbst: Er ist (ähnlich wie der Held im Vorgängerroman Lavendel vom Col de l' Homme Mort) schwer gezeichnet von einer gescheiterten Beziehung. Vor allem ist er auch Opfer der eigenen Erstarrung: Für seine Flucht vor der privaten Misere fällt ihm fatalerweise nichts Besseres ein, als denselben Mittelmeerurlaub wie seit Jahren anzutreten, nach Griechenland, nur diesmal ohne Frau, ohne Kinder. Alleine im ehemaligen Familienwagen, alleine in der betäubenden Hitze des Campingplatzes, alleine im aufblasbaren Paddelboot. An einen Neuanfang, gar einen Ausbruch ist somit von vornherein nicht zu denken, zu fest steht er auf seinen "Lebensschienen" und zu sehr drehen sich die Gedanken zu seinem Lebensunglück im Kreis, unterbrochen nur von schmerzvoller Selbstbetrachtung; paralysierend ist das ständige Kommentieren der eigenen Wahrnehmungen, der Zweifel an den eigenen Urteilen, das Verächtlichmachen der eigenen Assoziationen und Kurzschlüsse.

Doch während er versucht, in seiner persönlichen Vorhölle die Zeit totzuschlagen, drängt sich ihm eine unerwartete Möglichkeit zum Ausbruch auf: Der junge, homosexuelle Renato springt in sein Boot. Der scheint dem Icherzähler zwar allzu sorglos, allzu offen zu sein, sein Lebenswandel nach all dem zu urteilen, was er bald über ihn erfährt bestenfalls zweifelhaft. Aber: Dieser junge Mann ist der schönste Mensch, den er je gesehen hat.

So hat er nichts dagegen, als Renato sich ihm anschließen will; der ist selbst auf der Flucht, er flieht vor den Männern, die ihn stets als Beute, als Trophäe sehen, während er dem Älteren, dem Familienvater, den er im Spiel auf den Namen "Paolo" tauft (ansonsten bleibt der Protagonist namenlos), bald zu vertrauen beginnt.

Renato ist impulsiv, hedonistisch, er weiß um seine Schönheit und nutzt sie. Er geht mit unverschämter Natürlichkeit auf die Menschen zu, ist optimistisch bis zur Gedankenlosigkeit. Und er lügt: Die Wahrheit ist in seinem Leben nur eine von vielen Geschichten, und nicht selten die, vor der man sich schützen muss: Droht er etwas von sich preiszugeben, schweift er ab. Mit dieser genießerischen Sorglosigkeit, auch der Wahrheit gegenüber, steht er in krassem Gegensatz zum Icherzähler. Ganz bewusst setzt Renoldner die Verhandlung dieser beiden grundgegensätzlichen Weltsichten in ein griechisches Setting, liegen in Griechenland doch sowohl die Wurzeln all dessen, was westliche Philosophie und Erkenntnistheorie ausmacht – wie an einer zentralen Stelle herausgestrichen wird – als auch die Quellen des Mythos und der Ästhetik, des Sinnlichen, des dionysischen Prinzips.

Immer mehr verfällt der Icherzähler den Reizen des jungen Mannes, trotz aller Gegenwehr, der ständigen Selbstversicherung, dass all das "nichts mit schwul zu tun" habe. Als er schlussendlich Nähe zu- und sich von Renato verführen lässt, besteht Hoffnung, dass sie sich gegenseitig heilen könnten: Der Icherzähler wird aus seinen zermürbenden Bahnen geworfen, für ihn öffnen sich neue Horizonte, ein Ausweg. Renato auf der anderen Seite hat die Möglichkeit, hier in befreiender Selbstermächtigung einmal nicht Beute, sondern Verführer zu sein, die andere Rolle zu spielen. Gleichzeitig beginnt er, von frühen Traumata zu erzählen, die Wahrheit über sich preiszugeben, während die selbstzerstörerische Wahrheits- und Analysesucht des Icherzählers kurz zur Ruhe kommt.

Doch schnell zerschlagen sich diese Hoffnungen; schon bald ist nicht mehr klar, wer von beiden dem anderen Fallen gestellt, wer zuerst den Köder ausgelegt hat. Das Verhältnis Opfer-Täter, Verführer-Verführter wird immer wieder neu verhandelt; wessen Motive rein sind, wer gerade sich oder das Gegenüber belügt, ist stets in der Schwebe. Keiner der beiden kann tatsächlich aus seiner Haut, jeder muss am Ende auf seine eigene Weise Kontrolle zurückerlangen: Renato durch die Lüge, der Icherzähler durch deren Aufdeckung – und die Wiederherstellung seiner Normalität.

Renoldners Erzählweise ist dem Wesen des zentralen Konflikts angemessen: Elliptische Konstruktionen markieren die Unvermitteltheit, mit der die Empfindungen auf den Protagonisten hereinbrechen. Der Erzählstrom wird strukturiert von gewichtigen, durch Absätze hervorgehobenen Halbsätzen, die die Schwere mancher Erkenntnis vermitteln und nur sehr selten etwas dick aufgetragen wirken – hier hätte das auch sonst manchmal nachlässige Lektorat eingreifen können.

Erst am Ende wird deutlich, wie gewinnbringend Renoldner die konsequente Ichperspektive einhält, wie radikal er ein äußeres Korrektiv vorenthält – und wie bitter nötig der Leser ein solches Korrektiv gehabt hätte: Was von den nervösen, hysterischen Wahrnehmungen des Icherzählers der Realität entsprochen hat, ist am Ende auf beklemmende Weise unklar. Ebenso, ob an diesem Ende bloß Bitternis und Ernüchterung, oder aber eine Katastrophe und deren Verdrängung stehen.

 

Bernhard Oberreither
20. Oktober 2009

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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