Leseprobe: Andreas Renoldner - "Renato."

Renato deutet an den rechten Fahrbahnrand. Als der Wagen im Halteverbot zum Stehen gekommen ist, springt er hinaus und eilt die wenigen Schritte an die Ecke des Häuserblockes zurück. Der Gemüseladen hat offen, sehe ich im Rückspiegel. Wie Renato ein paar von den riesigen, roten Fleischtomaten nimmt und weißen Zwiebel. "Fertig!", sagt er, als er zu mir ins Auto steigt. "Jetzt ist Urlaub."

Vor dem Setzen hebt er drei Plastiksäcke über die Lehne und legt sie auf die Ladefläche, ich will ihn fragen, was im dritten Sack steckt, da beugt er sich überraschend vor und ich spüre einen Kuss auf den Lippen. Schon sitzt er neben mir. Schlägt die Türe zu. Ich starte den Motor, drehe den Kopf und sehe, wie Renato grinst. Wie ein frecher Junge, scheint mir. Welchen Spaß es ihm bereitet, mich zu überraschen und zu erschrecken. Obwohl ich gar nicht erschrocken bin, stelle ich fest und lasse den Wagen anrollen. Und dass das ein schlechtes Zeichen ist. Oder ein gutes?

Ein schlechtes Zeichen, beschließe ich und blicke sehr ernst.

"Nimm das mal nicht so tierisch ernst, Mann", sagt Renato und grinst mich noch stärker an.

"Willst du, dass ich dich hier rausschmeiße?", frage ich.

Jetzt lacht Renato hell und laut. "Ja!", sagt er. "Schmeiß mich einfach raus, wenn ich dir zu nahe komme! Am besten sofort. Jetzt!"

In diesem Moment ist mir klar: Ich muss ihn jetzt rausschmeißen. Hier mitten in Nafpaktos muss ich ihn mit seinem Rucksack auf die Straße stellen. Wenn ich das nicht tue, habe ich verloren. Grundsätzlich und alles. Vor allem meine Ehre. Wenn er neben mir sitzen bleibt, hat er Macht über uns beide und ich bin ihm ausgeliefert, fällt mir ein.