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Thomas Eder und Juliane Vogel (Hrsg.): verschiedene sätze treten auf. Die Wiener Gruppe in Aktion.

Wien: Zsolnay, 2008.
(= profile. 15.).
263 S.; brosch.; Eur (A) 20,50.
ISBN 3-552-05444-8.

"BUMSTI", wer hätte das gedacht, dass die Lektüre von zwölf literaturwissenschaftlichen Aufsätzen über avantgardistische Kunst nicht nur neue interessante Denkanstöße zu bieten hat, sondern auch Vergnügen bereitet, fast so viel wie die "Wiener Gruppe" selbst mit ihren Texten und Aufführungen. "BUMSTI" – Klaus Kastberger zitiert es in seinem Beitrag aus einem Brief Konrad Bayers an seinen Verleger Fietkau – steht "für das durchschlagen des knotens, das überspringen des funkens, für das kippen des schalters". Auch die im vorliegenden Band versammelten Arbeiten legen einen Schalter um. Das Auftreten der "Wiener Gruppe" löste bekanntlich in der österreichischen Hauptstadt der 1950er Jahre, wiewohl es gewissermaßen im kulturellen Untergrund stattfand, nicht geringe Irritationen aus durch ein antiillusionistisches und antiirrationalistisches Programm, durch das scheinbar nicht Ernsthafte, betont Spielerische ihrer Aktionen. Literatur, Theater und andere herkömmliche Formen kultureller Vermittlung sahen sich in Grundsätzlichem in Frage gestellt. Zweifelsohne galt ein zentrales Interesse der fünf Autoren der Gruppe dem Material der Literatur, der Sprache. Demgemäß hat sich auch die Forschung bislang durchaus nicht zu Unrecht vorrangig mit dieser Problematik befasst. Andere Fragestellungen sind daneben jedoch zu kurz gekommen. In dem vorliegenden Band konzentriert sich das Interesse nun, ohne die Sprachthematisierung aus den Augen zu verlieren, auf Probleme der "Intermedialität" und – der Titel verschiedene sätze treten auf, ein Zitat aus Bayers Text der stein der weisen, signalisiert es schon – der Performanz. Gedacht als "implizite Festschrift" für Wendelin Schmidt-Dengler zu dessen 65. Geburtstag im Oktober 2007 ist diese bemerkenswerte Publikation nun bedauerlicherweise zugleich zu einer Gedenkschrift für den im Erscheinungsjahr 2008 verstorbenen Literaturwissenschaftler geworden, der wie kein anderer seiner Zunft ein Botschafter der zeitgenössischen österreichischen Literatur für ein die Fachgrenzen sprengendes Lesepublikum war. Und er war auch ein großer Anreger für seine Schüler. Dass die meisten der Beiträger und Beiträgerinnen des Bandes durch seine Schule gegangen sind, unterstreicht die nachhaltige Wirkung Schmidt-Denglers ebenso wie es die relative Geschlossenheit der vorliegenden Publikation garantiert. Der hier veröffentlichte Essay Wie quadratisch kann ein Roman sein? ist ein Beispiel dafür, wie anschaulich er literaturgeschichtliche Erkenntnisse zu vermitteln verstand, im konkreten Fall das genresprengende Agieren der Autoren der "Wiener Gruppe" durch "karnevalistische, nicht parodistische Auflösung". Neben vielen Detaileinsichten (Interesse der "Wiener" für Elemente des alten Volkstheaters, offene Finali) sticht besonders der Hinweis auf ein Mark Twain-Zitat in einem Text von Konrad Bayer hervor. Schmidt-Dengler erkennt in Huckleberry Finn "schon gute avantgardistische Praxis" angewandt und bei Bayer, nicht nur, sondern auch den anderen "Wienern" zwar provokativen Umgang mit Vorgefundenem, das jedoch nicht als Ulk, vielmehr von einer "höchst reflektierten Professionalität". Diese erweist sich auch in den weiteren Aufsätzen des Bandes.

Eine wichtige erste Akzentsetzung ist in den Beiträgen von Daniela Strigl, Juliane Vogel und Thomas Eder dem Ereignischarakter der an die Aktionen der historischen Avantgarden des frühen 20. Jahrhunderts, speziell des Dadaismus anknüpfenden und so Provokation kalkulierenden Auftritte der "Wiener Gruppe" in den 1950er Jahren gewidmet, provokant schon durch die in der zitierten Formulierung "verschiedene sätze treten auf" manifeste Vorrangigkeit des Körperlichen, eben des Ereignishaften vor dem Sprachlichen - und dies ausgerechnet in dem Jahrzehnt, das in der Literatur und im Theater das Wort, die Sprache, die Überhöhung der Wirklichkeit in der Kunst feierte. Demgegenüber streben die Avantgardebewegungen nach Überführung der Kunst in Lebenspraxis. Strigl beobachtet diesbezüglich Uneinheitlichkeit bei den "Wienern": H.C. Artmann propagiert den "poetischen Act", der nicht an Sprache gebunden und nicht zielgerichtet ist, vielmehr die "Forderung nach zweck- und bedeutungsloser Schönheit" erhebt. Dieses romantisch anmutende Postulat zielt eher auf Sublimation der Wirklichkeit, wohingegen die vier anderen Autoren der "Wiener Gruppe" auf Entsublimierung und auf Effektivität, auf spontane öffentliche Resonanz ausgerichtet sind. Vogel sieht in der aggressiven "körperlichen Konfrontation" der Akteure mit den Zuschauern ein Anknüpfen an das den Fronterfahrungen des Ersten Weltkriegs geschuldete "militärisch" aggressive Auftreten der Dadaisten, mit der Differenz allerdings, dass die "Wiener" auf "Erkundung von Regeln", auf Systematik vor Aktionismus aus sind. Ihre Auftritte sind analytisch, teilweise parodistisch angelegte "metatheatralische und metadramatische Experimente". Eder veranschaulicht das von Vogel angesprochene systematisch ausgerichtete Schaffen der "Wiener Gruppe", überzeugend theoretisch (linguistisch, sprachphilosophisch, angelehnt an die Theory of Mind) fundiert, u. a. an Bayers fragmentarisch gebliebenem dramatischen Text die boxer, der "Sprecher-Boxer" in "einem fiktiven Box-Sprecher-Ring" aufeinander treffen lässt, "nicht um einem mitzuteilenden Sachverhalt sprachlich zu entsprechen", sondern um Kommunikationsabläufe zu reflektieren. Es können hier nicht alle Erkenntnisse Eders (wie etwa die Differenz zwischen Konrad Bayer und Oswald Wiener einerseits sowie Gerhard Rühm andererseits im Hinblick auf die Aussagekraft sprachlicher Zeichen, die Diskrepanz zwischen Gesagtem und Handlung) referiert werden, sein Beitrag drängt über den Rahmen eines Aufsatzes hinaus, lässt wünschenswert erscheinen, dass der Verfasser sich in einer umfangreicheren Studie mit der "Wiener Gruppe" befasst.

Die zweite Schwerpunktsetzung des Bandes spürt "Politischen Konstellationen" nach. Mit der Politik scheint die österreichische Avantgarde nach 1945 nichts am Hut, ja den Bezug der Sprache auf Außersprachliches suspendiert zu haben. Und doch: Michael Rohrwasser beobachtet, wie in den Zeiten des Kalten Kriegs in Autorendisputen Politisches und Literaturpolitisches durcheinander geraten. So etwa in der Fehde zwischen Franz Schuh und Reinhard Federmann (mit gegenseitigem Faschismusvorwurf) oder in der Auseinandersetzung der avantgardistischen Alleinvertretungsanspruch erhebenden "Wiener" mit Arno Schmidt, dem "sprachgläubigkeit" und Einmischung in konkrete Politik vorgeworfen wird. Johann Sonnleitner eruiert aber sehr wohl auch in Texten von Bayer und Rühm Auswirkungen des "Zivilisationsbruchs" (Dan Diner), die vom "ästhetischen Innovationsbedürfnis" durchaus nicht verdrängt sind. Bayers Gedicht wir kennen den stein der weisen oder seinem Roman der sechste sinn oder Rühms hanswurst in lublin sind Bilder der Gewalt, Vernichtung, Zerstörung eingeschrieben – die Gewaltgeschichte lässt sich bei aller Leugnung der Referenz auf Außersprachliches nicht verschweigen.

"Stimme und Musik" gilt ein weiterer Interessensschwerpunkt. Die Beiträge von Roland Innerhofer über "Akustische Inszenierungen" beziehungsweise von Bernhard Fetz "Zur Vielstimmigkeit der Wiener Gruppe" ergänzen nicht nur einander, sondern nicht weniger die angesprochenen Ausführungen über deren "Auftritte". Auch Innerhofer geht vom Interesse der "Wiener" am Materialcharakter der Sprache und der weitgehenden Befreiung von "semantische[r] Referenz", der Vorrangigkeit des Körperlichen und Performativen aus und widmet sich der Bedeutung der Stimme, die in diesen "akustischen Inszenierungen" entsubjektiviert, nicht mehr differenziert wahrnehmbar in Geräusch-'Kompositionen' aufgeht. Bernhard Fetz streicht wiederum den hohen theoretischen Anspruch der Texte der "Wiener Gruppe" heraus und vergleicht, Wittgenstein folgend, das Sprach- mit Musikverstehen, wodurch das (sprachlich) nicht Paraphrasierbare von Stimmgebung ins Blickfeld rückt. Die Stimme wird von den "Wienern" vielfältig als "performatives Phänomen" gesehen, "vom Singen bis zur Ansprache, von der Stille bis zur Erzeugung von Lärm, vom Schweigen bis zum Schrei" etc. Innerhofer verweist darauf, dass der "Schrei", im Expressionismus Ausdruck existentieller Befindlichkeit, schon im zeitgleichen Dadaismus zu einem reinen Lärmphänomen wird und "auf nichts als sich selbst [verweist]". Nicht nur darin knüpfen die "Wiener" an die historischen Avantgarden des frühen 20. Jahrhunderts an, sondern auch in der Wertschätzung für neu entwickelte technische Gestaltungsmittel, die die Erzeugung künstlicher Stimmen, Veränderungen der Stimmqualität etc. bei diversen Performances erlauben.

In den Ausführungen von Fetz erscheint neben anderen Einsichten besonders aufschlussreich die Beobachtung der Verwischung von "Grenzen zwischen den Charakteristika der Rede und denjenigen der Schrift", vor allem auch erkennbar an der Zwischenstellung von Oswald Wieners die verbesserung von mitteleuropa, roman "zwischen dem Körper der Rede und dem Argument der Schrift" oder an der Realisierung unterschiedlicher Stimmen mit unterschiedlichem Charakter bei einsamer Lektüre.

Florian und Stefan Neuner widmen ihr Augenmerk "Gerhard Rühms intermediale[n] Arbeiten im Kontext der internationalen Neoavantgarde" und streichen dessen Sonderstellung heraus, die sich insbesondere seinen virtuosen Verfahren des Medienwechsels verdankt. Die zeitliche Priorität innerhalb der "Neoavantgarde" – dieser Begriff ist, wenngleich praktikabel, so doch problematisch, da in sich widersprüchlich – sehen die beiden Beiträger nicht so eindeutig bei den "Wienern" wie vor allem Peter Weibel. Dies speziell auch im Hinblick auf serielle Verfahren, die nicht wenige Zeitgenossen anwenden, wobei allerdings Rühm sich durch die Einführung eines "narrativen" Moments im Gegensatz zu anderen Künstlern der Neoavantgarde auch dem Semantischen öffnet.

Ein letzter Schwerpunkt des Bandes steht unter dem Titel "Repertoire und Inventar". Die Transmedialität und die Sprengung traditioneller Genregrenzen sowie die Betonung des Körperlichen machen die Dokumentation avantgardistischer Kunst in Buchform zum Problem, dem Peter Weibel entgegenzuwirken versuchte in der mit Valie Export gemeinsam veröffentlichten Publikation wien. Bildkompendium wiener aktionismus und film von 1970 sowie in seinem Katalog zur Ausstellung "Wiener Gruppe" bei der Biennale in Venedig 1997. Herkömmliche Buchpublikationen, so Weibel/Export, werden avantgardistischen Ansprüchen nicht gerecht, denn "das minder-dimensionale informations- und kommunikationsmittel buch allein negiert schon einen erheblichen teil des revolutionären potentials der aktionen". Unter den verschiedenen Kompensationsversuchen solchen Dokumentationsdefizits widmet sich Annegret Pelz in ihrem Beitrag "Dispositiven" wie Mappen, Alben u. ä., die keine Ordnung ein für allemal festschreiben, vielmehr jederzeit Veränderung zulassen. Neben allgemeinen Anmerkungen zu diesen Dokumentationsformen bietet sie auch einen kurzen historischen Rückblick auf Stifter und Keller, ohne allerdings zwingend einen Zusammenhang zwischen deren offenen Ordnungen und denen der Avantgarden herzustellen.

Von H.C. Artmanns "als avantgardistischer Gründungstext" gelesener Acht-Punkte-Proklamation des poetischen Actes ausgehend und den Kontext des restaurativen Kulturbetriebs im Österreich der fünfziger Jahre im Auge, widmet sich auch Gisela Steinlechner dem zentralen Aspekt des Performativen. "Schlüsselwörter" wie "act", "pose" und "geste" verweisen schon auf die Bedeutung des Körperlichen und Improvisierten (daher die Affinität der "Wiener" zum Volkstheater). Überraschend mag vielleicht die überzeugende Beobachtung der Autorin sein, dass die "Wiener" eine Vorliebe für das Lehrhafte entwickelt haben, wobei allerdings das von ihnen vorgefundene Material aus Lehrbüchern, Lexika etc. in seiner Systematik durchbrochen und ad absurdum geführt wird.

Kastberger, der unter dem Titel Bumsti! Einige beste Augenblicke der österreichischen Avantgarde aufspürt, hat von seinem Lehrer Schmidt-Dengler anhand von Konrad Bayers Text georg, der läufer, einer "Parabel der österreichischen Avantgarde", gelernt, dass diese wie alle Avantgarden immer schon weg sein muss, wenn man sich ihr wie auch immer (preisend, kritisch etc.) nähert. Von Karl Heinz Bohrers Plötzlichkeits-Studie ausgehend, spürt Kastberger der "Rhetorik des Augenblicks" nicht nur in Texten der "Wiener Gruppe" (besonders aufschlussreich in Oswald Wieners verbesserung), sondern auch in denen erzählender Autoren wie Thomas Bernhard und Peter Handke nach, solcherart das gegenseitige Ausspielen unterlaufend. Gegen übliche Auffassungen sieht er, auch hierin inspiriert von Bohrer, "den Augenblick der Texte nicht auf den ersten Chok ihres Auftretens reduziert", mithin "wiederholbar".

Fazit: die in dem vorliegenden Band gesammelten Beiträge stellen eingefahrene Denkgewohnheiten in Frage, ohne in den Fehler zu verfallen so zu tun, als hätten sie nun die Avantgarde ein für alle Mal eingeholt. Sie fordern vielmehr dazu auf weiterzufragen, und: sie machen Lust dazu. Gelungen abgerundet ist das Buch schließlich durch den Abdruck von zwei Texten aus dem Jahr 1957, den "Montage-Text von Friedrich Achleitner (Zum Geburtstag Adelina Rühms)" einfache rathschläge für eine einfache geburtstagsfeier oder über die kunst es den gästen vergnüglich zu machen, und den "bildertext" der sexte kontinent von Gerhard Rühm.

 

Kurt Bartsch
19. Oktober 2009

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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