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Kathrin Röggla, Oliver Grajewski: tokio, rückwärtstagebuch.

Verlag für moderne Kunst Nürnberg,
Edition starfruit, 2009.
152 S., Flexcover, Euro 18,-.
ISBN 978-3-922895-20.

Projektpartner: readme.cc - Neue Literatur aus Österreich

Link zur Leseprobe

Sieben Wochen lang, von Anfang November bis Mitte Dezember 2005, hat sich Kathrin Röggla in Tokio aufgehalten und darüber Buch geführt. Auch der Comiczeichner Oliver Grajewski hat die Stadt mehrere Male besucht. "tokio. rückwärtstagebuch", erschienen in der neu gegründeten Nürnberger Reihe starfruit publications, ist nun eine Koproduktion der beiden Künstler. Die Rückwärtsbewegung ist Gestaltungsprinzip des Buchs: Oliver Grajewskis Bildgeschichte ist, wie in japanischen Comics üblich, von hinten nach vorne zu lesen und auch Kathrin Rögglas Tagebuch beginnt mit dem Rückflug nach Europa und endet mit der Ankunft in Tokio: Ein Tagebuch in "permanentem rückwärtsschritt". Ihm ging die "Konstruktion der Bildwelt des Buches relativ Karl-May-artig von der Hand", Röggla plagen Zweifel über Sinn und Form einer Reiseerzählung:

"an der bewertungsfront befinden sich die zahlreichen japanerklärungsbücher, in die man sich unweigerlich einreiht mit einem text über japan. all die projektionsliteratur, die nichts tut als die sozialen zusammenhänge, bräuche, riten, einfach alles beispielsweise aus der zen-tradition oder aus dem nō herzuleiten. immer wird zusammengefasst zu einem klebrigen ganzen, das man als japan zu erkennen glaubt, doch ich muss mir nur meine eigenen schreibanfänge ansehen und mir wird klar, dass ich auch nichts großartig anderes mache. das ist die ohnmacht der japan-touristen, im grunde nichts anfangen zu können mit dem detail, bzw. es nicht für sich stehen lassen zu können, ohne gleich einen masterkontext zu konstruieren, weil man keinen alltagskontext hat."

Die "übliche indirektheit" der japanischen Gesellschaft wird Röggla zum Gestaltungsprinzip. Sie verweigert sich einer kontinuierlichen und traditionellen Erzählung, verweigert sich der Wiedergabe des Atmosphärischen. Gerade aber in der Verneinung des Erzählens und der Darstellung und Thematisierung des Erzählrahmens – und das sind Erzählprinzipien Rögglas, die in all ihren Texten zu finden sind – erzählt sie doch. So schreibt sie etwa: "diesbezüglich nicht vergessen, die erdbebenstandards zu erwähnen" Röggla lässt Gesprächspartner erzählen: "edwina erzählt mir, wie man das so macht, wie man sich hier fortbewegt" Oft verwendet sie Konjunktiv II-Konstruktionen: "ich würde notieren die ganze öffentliche müdigkeit, die ich tagtäglich erlebe" oder: "vermeiden würde ich in jedem fall das geräusch des mori towers, von dem aus man an klaren tagen den mount fuji sehen kann."

Man darf sich von Röggla nicht täuschen lassen: Was dekomponiert wirkt, ist komponiert, ist Literatur, der das bloße Festhalten und Nacherzählen in einer unreflektierten und distanzlosen Ich-Perspektive zu mager ist.
"erschöpfte straßen in erschöpften städten": Die Megastadt Tokio als ausdifferenziertes und ausgereiztes System. Röggla und Grajewski sind gleichermaßen fasziniert von den aus europäischer Perspektive schwer wahrnehmbaren Ordnungen, nach denen die wuchernde und ausufernde Großstadt Tokio funktioniert. Grajewski erinnert die Struktur der Stadt an einen "ausgekippten Legokarton." In einer Mischung aus japanischer und europäischer Bildsprache gelingt es ihm, die "gewürfelte Architektur im Kleinen" mithilfe von einfachen Schraffuren, Rastern, Parallelen wiederzugeben und auch die ständige massenhafte Bewegung, die Metapher Tokios, eindrücklich darzustellen. "Gelassen verschwinde ich im Untergrund, denn es ist die Bewegung des Individuums, die die Veränderung der Welt in sich trägt." Comic-Kunst, in den französischsprachigen Ländern längst eine anerkannte Erzählform, wird im deutschsprachigen Raum oft unterschätzt. Grajewski zeigt, was sie zu leisten im Stande ist.

Rögglas Text und Grajewskis Bildgeschichte schmiegen sich zu einer mehrschichtigen, ästhetisch anspruchsvollen und anziehenden Bildtexterzählung, mit der ein Maßstab gesetzt ist. Ein Gemeinschaftsprojekt, das nach Fortsetzung ruft.

 

Peter Landerl
19. August 2009

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

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