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Manfred Rumpl: Jäger auf Hasenjagd.

Kriminalroman.
Wien: Echomedia, 2009.
Wien live edition.
248 S.; brosch.; Euro 9,90.
ISBN 978-3-902672-09-4.

Link zur Leseprobe

Der Kriminalroman lebt nicht in erster Linie vom Verbrechen, sondern vom Verdacht. Besonders dann, wenn fraglich ist, ob es überhaupt ein Verbrechen gegeben hat. Sehr verdächtig ist zum Beispiel Museumsdirektor Doktor Nemec. Aus seiner Albertina ist bei einer Führung angeblich Dürers Küchen-und-Stuben-Klassiker, der berühmte "Feldhase", abhanden gekommen. Deshalb beauftragt er den Privatdetektiv Jakob Jäger, das Bild zu suchen. Schnüffelnase Jäger macht sich auf die Hasenjagd, obwohl er dem Doktor nicht über den Weg traut. Warum hat Nemec vor der verhängnisvollen Privatführung für ein paar Kollegen und Kunsthändler den echten Hasen aufgehängt statt der üblichen Kopie? Warum hat der Mann eine Kunstsammlung zu Hause, die für einen Staatsdiener viel zu wertvoll scheint? Und warum hat er die unhaltbaren Zustände in der Albertina so lange geduldet? Intern war doch längst bekannt, dass das Wachpersonal nicht nur zu wenige Kontrollgänge absolviert, sondern im Mannschaftsraum gekartelt und sogar Orgien gefeiert hat.

Trotz dieser Zweifel setzt sich Jäger auf die Spur der vier Personen, die bei der Privatführung dabei waren. Verdächtig ist die amerikanische Sammlerin Vandenheim, die einen esoterischen Privatkult um Dürers Langohr betreibt und gar meint, dass der alte Meister "unseren Glauben neu beleben kann". Suspekt ist auch die Kunsthändlerin Duskova, die Jakob in Prag aufsucht, und die einige österreichisch-tschechische Empfindlichkeiten ins Spiel bringt. Ihrer Ansicht nach hätte der Hase nach dem Untergang der Donaumonarchie rechtmäßig in Tschechien bleiben müssen. Doch bevor sie Jäger bei einem konspirativen Treffen etwas flüstern kann, wird sie vor seinen Augen erschossen. In Triest observiert Jäger den Kunsthändler Capabelli. Dieser ist Mitglied eines Geheimbunds, der den Ehrenkodex der Freimaurer pervertiert hat und an die Stelle von Informationen "synthetische Bilder" setzen will. Leider überlagert die durch Hollywood-Spektakel wie "Illuminati" populär gewordene Geheimbündelei sogleich alle anderen Motivstränge, bevor am Ende die Verbrecher zur Strecke gebracht sind.

Mit seinem Jakob Jäger hat Manfred Rumpl einen Detektiv von prekärem Zuschnitt geschaffen. Der Philosophie-Student Jäger lässt in seinem Stamm-Pub schon so lange anschreiben, dass er den Auftrag von Direktor Nemec dringend braucht. Immerhin hat er es geschafft, von den Drogen loszukommen – auch wenn er noch an den Zigaretten hängt. Zum Ausgleich hält er sich in einem billigen Boxclub voller Underdogs fit und kann das dort erworbene Können bei seinem aktuellen Fall auch gleich vorteilhaft einsetzen. Wirklich zu schaffen macht Jäger nur die Entwicklung seines Liebeslebens. Als klassischer Beziehungsflüchtling hält er es mit keiner Frau lange aus. Offen bleibt auch in "Jäger auf Hasenjagd", wie sich seine heiße Affäre mit der Museumsverkäuferin Lisa entwickeln wird. Die Studentin entpuppt sich nämlich als Nichte von Direktor Nemec und wird dadurch gleichfalls verdächtig. Der heiße Sex, den der Detektiv mit Lisa im Fahrstuhl und am öffentlichen Lokus hat, passt übrigens so wenig zu Jägers eher bedächtig-bürgerlichem Bewusststein wie die ihm angedichtete Drogenkarriere.

Interessanter als die Kiezgeschichten sind an diesem Krimi die kleinen Beobachtungen – "es ist ja fast einfacher, jemanden mit einem Geschenk zu beleidigen als zu erfreuen" – und die Philosophiererei, der Jäger mitunter nachhängt. Über die Standbildhaftigkeit von Größen wie George Bernhard Shaw und Oscar Wilde denkt er: "Das waren die Männer, die ihm in jeder Lebenslage beistanden. Die nicht einfach abhauten. Deren Worte wie in Stein gemeißelt dastanden. Wuchtige, wahrhaftige und wilde Worte, die man der feigen, dummen, opportunistischen Welt entgegenschleudern konnte." Hier ist Rumpl, ein studierter Philosoph, offensichtlich in seinem Element.
Wenig plastisch und plausibel ist dagegen die umständlich wirkende Verschwörung der "feinen Gesellschaft" in Norditalien.

Ach, übrigens ist auch am Schluss dieses gediegenen Krimis noch immer jeder verdächtig – eben auf seine Weise. Obwohl der "Feldhase" wieder da ist.

 

Judith Leister
15. Juni 2009

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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