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Erich Wolfgang Skwara: Im freien Fall.

Hamburg: Hoffmann und Campe, 2010.
272 Seiten; geb.; Euro 20,-.
ISBN 978-3-455-40261-2.

Heimkehr zur bedrohten Schönheit

Die Neue Welt im Rücken, den Stillen Ozean vor Augen, wandern seine Gedanken zurück: zurück in die Alte Heimat Europa, zurück zu den Ursprüngen europäischer Kultur, zurück zum klassischen Ideal von Schönheit, Wahrheit und Güte. Dabei ist es doch gerade Spielmanns Beruf, in die Zukunft zu träumen. Als Dreamer entwickelt er die Bedürfnisse von morgen, von denen die Kunden heute noch nichts wissen. Aber der erfolgreiche Senior Dreamer hat schon lange ausgeträumt – beruflich und privat. Für seine Ehe mit Linda sieht er keine Zukunft mehr, und die neuen Ideen der Junior Dreamer werden ihm zunehmend fremd.

Seine Sehnsucht richtet der nach Grillparzers "armem Spielmann" benannte desillusionierte Träumer auf die Vergangenheit – und auf das bleiche Mädchen, das er bei einem Vortrag vor jungen Kollegen im Publikum entdeckt. In ihrer makellosen Blässe, mit ihren blaugrünweichen Augen und dem rötlich schimmernden blonden Haar ähnelt sie einer Madonna. Ein Leuchten geht von ihr aus, das Spielmann sofort in Bann zieht. Trotz ihrer skulpturenhaften Schönheit und Unantastbarkeit begehrt er das namenlose Mädchen vom ersten Moment an. Um sie ganz für sich zu haben, erfindet Spielmann eine Geschäftsreise nach Paris. In der Stadt der Liebe verlassen sie kaum das Bett und nur selten die Wohnung. Eine Pilgerfahrt zur Basilika der heiligen Magdalena in Vézelay wird für beide zu einer Art Hochzeitsreise. Als Höhepunkt will Spielmann seinem bleichen Mädchen Italien zeigen. Das Land der klassischen Antike und Zentrum der Renaissance-Kunst ist für ihn die Heimat der Schönheit und das Ziel seiner Sehnsüchte. Spielmann ist sich sicher: Die Gesichter der Boticelli-Gemälde müssen für sein bleiches Mädchen Pate gestanden haben. Doch von der Absolutheit seiner Liebe überfordert, verlässt sie ihn von einem Tag auf den anderen. Ihr Abschied ist so unwiderruflich, dass der nach Hause zurückgekehrte Spielmann sie täglich auf den Nachrufseiten zu finden sucht. Ist es Traum oder Realität, als sie schließlich doch noch gemeinsam nach Florenz reisen? Eins ist unzweifelhaft: Im Augenschein der Gemälde Domenico Ghirlandaios verliert das bleiche Mädchen für Spielmann sofort jeglichen Reiz. Grund genug für seinen Entschluss, nun für immer "bei den Menschen Ghirlandaois zu bleiben." So weit die Rahmenhandlung von Skwaras Roman "Im freien Fall", an dessen Anfang die Begegnung von Spielmann und dem bleichen Mädchen bereits Vergangenheit ist – eine ästhetisch höchst stilisierte Geschichte, die auch trotz des starken erotischen Moments nur bedingt an sinnlicher Präsenz gewinnt.

Eigentlicher Kern der Erzählung sind ihre Episoden. Zentrale Nebenerzählungen wie die von der Säule des Trajan in Rom. Vor der Figur aus weißem Marmor erfasst Spielmann ein existenzieller Schwindel. Dem Freund des antiken Ebenmaßes ist es, als geräte nicht nur das Momument ins Schwanken, sondern mit ihm auch sein Glaube an ihre "nach Menschenmaßstab Ewigkeit."
In einer anderen Binnenerzählung dringt Spielmann auf der Suche nach dem Geheimnis der Schönheit bis in den Bauch des bildschönen, blendend weißen Kreuzfahrtschiffes Costa Victoria vor. Doch die Besichtigung des Maschinenraums wird für ihn zur Höllenfahrt in eine Art Dantesches Inferno: In der riesigen menschenleeren Halle sind die Antriebsmotoren nicht zu sehen; aber es hat erschreckenderweise den Anschein, sie würden ganz ohne menschliches Zutun funktionieren.
Ein andermal erinnert sich Spielmann an drei Autounfälle, die bis auf Blechschäden ohne schwere Verletzungen, aber immer mit der gleichen Nahtod-Erfahrung einhergehen. Im Moment höchster Lebensgefahr scheint es, als könne Spielmann einen Lidschlag lang einen unfreiwilligen Blick aus dem Jenseits werfen. Zu seinem eigenen Erstaunen erlebt er die Todesnähe ohne Schrecken. "Schade" ist sein einziger wiederkehrender Gedanke. Der Tod ist friedlich, erkennt Spielmann auch bei einem anderen Erlebnis. Eine ganze Nacht verbrachte er damals neben dem verstorbenen Mr. Brumsey in einem Pariser Hotelzimmer. Aber seltsamerweise war ihm der Verstorbene nicht unheimlich; statt dessen war der Raum mit dem Toten von einer milden, guten Stille erfüllt gewesen. Erst jetzt begreift Spielmann: Mit dem Sterben fangen die Verwandlungen erst an.

Diese zentralen Episoden an der Peripherie der Erzählung sind die eigentlichen Herzstücke des Romans. Die Geschichte vom bleichen Mädchen mit ihrer oft allzu stilisierten Rede von der bedrohten Schönheit und dem von Walser als "Skwaraismus" bezeichneten Topos der "Endstation Sehnsucht" mutet dagegen oft wie eine museale Sprachlandschaft mit menschlichen Skulpturen à la Chirico oder Magritte an. In den weniger idealistisch belasteteten Nebenschauplätzen jedoch glücken Skwara manchmal wie beiläufig Situations- und Naturbeschreibungen, in denen sich authentische Seelen-Topographien spiegeln. Gerade in diesen Geschichten am Rande gelingt es Skwara oft kostbare Momente lang, die Zeit kunstvoll erzählerisch so zu verzögern, dass sie für Augenblicke beinahe stillzustehen scheint.

 

Michaela Schmitz
18. März 2010

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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