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Leseprobe: Bernhard Kathan - "Hungerkünstler."

Simone Weil, der das Essen kein Vergnügen bereitete, war in ihren Erfahrungen geradezu unersättlich. Nicht ihr Magen, ihr Gehirn war ihr Verdauungsorgan. Ihre zahllosen Texte sind als ihre Ausscheidungen zu betrachten. Denkt sie an das Schreiben, so fallen ihr oft genug Bilder zu Schwangerschaft und Geburt ein. "Ich bin in diesem Augenblick gleichsam eine Gebärende, deren Kind mit dem Kopf schon ausgetreten ist und dann aus einer Laune heraus stecken bleibt ... Es ist schmerzhaft, mit einem Ruck alles, was man im Leibe hat, aus sich herauszupressen. Und das läßt sich unglücklicherweise nicht in kleine Stücke aufteilen. Aber trotzdem ist man froh, zu spüren, daß man etwas im Leibe hat." (S.64)

Ob Gogol, Simone Weil oder andere, sie haben eine Metamorphose erfahren, eine Verwandlung, ohne sich den Zorn eines Gottes oder einer Göttin zugezogen zu haben, eine Verwandlung, die sich tausenderlei Einzelschritten und Einprägungen verdankte. Die Nymphe Io, von Jupiter in eine Kuh verwandelt, die es unstet und flüchtig durch die ganze Welt treibt, erlangt schließlich Gestalt und Stimme wieder. Und dennoch scheut sie sich zu sprechen, da sie fürchtet, würde sie dies tun, wie eine Kuh zu brüllen: "Nur zaghaft bedient sie sich wieder der Worte, deren Gebrauch ihr so lange versagt war." Erführe ein Mensch Ios Schicksal, zweifellos zerbräche er daran. Jede Verständigung setzt geteilte Erfahrungen voraus. Über Erfahrungen, die man mit niemandem teilt, kann man nicht sprechen. Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite ist Gesellschaft stets über ihre Ränder zu denken, lässt sich doch das Konventionelle nicht in der Sprache des Konventionellen beschreiben. Nahezu immer haben wir es bei all den hier Genannten mit einem Aufbegehren gegen Mittelmäßigkeit, mit Zweifeln am gesunden Menschenverstand, am Mehrheitsfähigen, am Boulevardesken und an allem Häuslichen zu tun.
(S.182f.)

© 2010 Limbus Verlag, Hohenems

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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