logo kopfgrafik links adresse mitte kopfgrafik rechts
   

FÖRDERGEBER

   Bundeskanzleramt

   Wien Kultur

PARTNER/INNEN

   Netzwerk Literaturhaeuser

   mitSprache

   arte Kulturpartner
   Incentives

   Bindewerk

kopfgrafik mitte

Veza Canetti: Die Schildkröten.

Roman.
München: Hanser, 1999.
296 S., geb.; DM 39,80.
ISBN 3-446-19478-9.

Link zur Leseprobe

Im Nachlaß der Autorin (geb. 1897 in Wien, gest. 1963 in London) fand sich das Typoskript zum Roman "Die Schildkröten". Veza Canetti verfaßte ihn 1939 in den ersten Monaten ihres Londoner Exils, wohin sie im November 1938 gemeinsam mit Elias Canetti fliehen konnte. Sie hatte in England bereits einen Verleger gefunden - der Beginn des 2. Weltkriegs verhinderte jedoch die Veröffentlichung. Und damit auch eine Publikation noch zu Lebzeiten der Autorin, der es nicht gelang, eine ähnliche schriftstellerische Karriere aufzubauen wie ihr Mann. Sie schrieb seit 1932 unter verschiedenen Pseudonymen und konnte Erzählungen in der Wiener "Arbeiter-Zeitung" unterbringen und nahm rege Anteil am literarischen Leben. Die politische Situation trieb sie ins Exil und in die Sprachlosigkeit. Anerkennung wurde ihr erst posthum zuteil.

Der Roman "Die Schildkröten" ist eine direkte Verarbeitung ihrer persönlichen Erfahrungen im Wien der 30er Jahre unter dem aufkommenden Nationalsozialismus und der antisemitisch geprägten Vorkriegsstimmung. Autobiographische und historische Bezüge fließen darin ein: Wohnungsrequirierungen, Novemberprogrom 1938, Deportationen. Die Jüdin Eva, die im Mittelpunkt des Romans steht, wird es schaffen, vor den Nazis zu fliehen. Der Verlust nahestehender Menschen und der vertrauten Umgebung überschatten aber das Glück der Flucht. Die lebhafte, junge, kluge Frau verwandelt sich in den Monaten und Jahren der immer stärker werdenden Bedrohung in eine unglückliche, gebrochene Frau.

Werner, Evas Schwager und Geologe von Beruf, wird als unerschütterlicher Charakter geschildert. Wie ein Stein so klar und fest ist sein Charakter, den er sich inmitten der Grausamkeit des nationalsozialistischen Alltags bewahren kann. Er entkommt aber nicht dem Untergang. Er wird das Opfer einer Verwechslung: Statt seines Bruders Andreas Kain (der Name ist ein fast zu offensichtliches Symbol) wird er deportiert. Andreas überlebt.

Veza Canetti erzählt in einer klaren, präzisen Sprache und aus verschiedenen Erzählperspektiven, wie die Figuren des Romans unterschiedliche Umgangsstrategien mit der Gefahr entwickeln. Die junge Jüdin Hilde versteigt sich in die wahnwitzige Idee, von einem Nazi (der ständig stolz seine "kleine" Nummer präsentiert) einen "Aeroplan" zu kaufen und ohne Visum ins Ausland zu gelangen. Der traumwandlerische Dichter Andreas Kain wartet in seiner Vorstadtvilla auf das erlösende Visum. Eva geht an den Erniedrigungen langsam kaputt. Werner will die Lebensgefahr durch die Nazis "in ihren Harlekinkostümen" nicht wahrhaben. Wie die Schildkröten - Andreas bewahrt mehrere dieser Tiere davor, ein Hakenkreuz eingebrannt zu bekommen - verlieren die Menschen ihren schützenden Panzer und stehen in ihrer verletzlichen Nacktheit da.

Wenn Eva und Andreas am Ende die Brücke von Kehl nach Frankreich überqueren, sind sie gerettet, aber die Schuldgefühle und die seelischen Beschädigungen können sie nicht zurücklassen.

Ivette Löcker
11. März 1999

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Suche in den Webseiten  
Link zur Druckansicht
Veranstaltungen
Die Calamari warten

Fr, 22.06.2018, 19.00 Uhr Lesungen | Studierende des Jahrgangs 2015/2016 des Instituts für...

Junge LiteraturhausWerkstatt on stage

Do, 28.06.2018, 19.00 Uhr Lesungen Vor der Sommerpause geben die Autor/inn/en der Jungen...

Ausstellung
Jung-Wien: Positionen der Rezeption nach 1945

08.05. bis 29.08.2018 Ausstellung | Foyer Jung-Wien war ein Literaturkreis im frühen 20....

ZETTEL, ZITAT, DING: GESELLSCHAFT IM KASTEN Ein Projekt von Margret Kreidl

ab 11.06.2018 bis Juni 2019 Ausstellung | Bibliothek Der Zettelkatalog in der...

Tipp
OUT NOW – flugschrift Nr. 23 von Kinga Tóth

Kinga Tóths flugschrift, die den Titel SPRACHBAU trägt, ist vorübergehende Begrenzung einer...

Literaturfestivals in Österreich

Während die Literaturszene noch auf der Leipziger Buchmesse weilt, ist Wien schon startklar für die...