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Christiane Hoffrath: Bücherspuren.

Das Schicksal von Elise und Helene Richter und ihrer Bibliothek im "Dritten Reich".
Köln, Weimar, Wien: Böhlau, 2009.
(Schriften der Universitäts- und Stadtbibliothek Köln. 19).
225 S.; geb.; OU; EUR 34.90.
ISBN 978-3-412-20284-2.

Entstanden ist das vorliegende Buch über das Leben und die Bibliothek der Schwestern Helene und Elise Richter im Zusammenhang mit der Provenienzforschung an der Universitäts- und Stadtbibliothek Köln, wo bislang etwa 500 der an die 3.000 gelieferten Bücher der Schwestern identifiziert werden konnten. Insgesamt sind von den ca 8.000 Bänden der Bibliothek – mit einer Fülle von Rara vor allem aus den Bereichen englische Literatur und Sprachwissenschaft – nur ein Bruchteil erhalten.

Christiane Hoffrath rekonstruiert im Abschnitt B mit dem Abdruck des erhaltenen Briefwechsels zwischen Direktor Hermann Corsten von der Universitätsbibliothek Köln, der Nationalbibliothek in Wien und Elise Richter die lange und missverständisreiche Geschichte des gescheiterten Notverkaufs ihrer sprachwissenschaftlichen Spezialsammlung – die 80-jährige Helene wehrte sich dagegen, ihren Teil der Büchersammlung abzuverkaufen. Bis zum letzten Brief vom 20. Februar 1942 unmittelbar vor der Deportation der beiden Frauen kämpft Elise Richter einen aussichtslosen Kampf. Direktor Corsten war sichtlich willig zu kaufen, den entwürdigenden Umständen entsprechend sogar vergleichsweise großmütig, was den Preis (1,30 Reichsmark pro Buch) und die Usancen betrifft. Er verstand prinzipiell das Faktum, dass Elise Richter nur zweimal 500 RM erhalten durfte und musste, um die Judensteuer für sich und ihre Schwester zu zahlen, die vor einer Deportation schützen sollte. Aber Corsten verstand die Dramatik der Situation nicht, wusste nichts von Elise Richters Angst, unter das "Vermögensverschleppungsgesetz" zu fallen, wusste oft nichts von den vielen neuen gesetzlichen Schikanen gegen Juden, bis hin zur letzten kurz vor Vertragsabschluss, die Juden jeglichen Verkauf verbot. Die "Enteignung" der Bibliothek der Schwestern ist eine erschütternde und selten detailgenau rekonsturierbare Fallgeschichte über das Schicksal jüdischer Menschen und ihrer Bibliotheken im Nationalsozialismus.

Im Abschnitt A ihres Buches zeichnet Christiane Hoffrath sehr sorgfältiges und leise die Lebensgeschichte von Helene und Elise Richter nach, und diese Rekonstruktion zweier schwer erkämpfter Intellektuellenleben kommt just im rechten Moment. Denn kaum dass sich erste Initiativen geregt haben, Helene Richter als erste Professorin Österreichs in universitären Zusammenhängen mit Umbenennungen zu würdigen, finden es Herren der Schöpfung an der Zeit, auf die problematischen, antimodernen und widersprüchlichen Seiten in ihrem Leben und Werk zu verweisen (Der Standard, Beilage, 29.11.2008). So wie generell Stimmen laut zu werden beginnen, Opfer rassistischer Verfolgung oder auch frauenfeindlicher Ausgrenzungspolitik nur dann als wirkliche "Opfer" zu akzeptieren, wenn sie in allen Punkten moralische Integrität und unserem heutigen Verständnis entsprechende Modernität nachweisen können. Als ginge es beim Andenken an Opfer zum Beispiel des Nationalsozialismus um eine Art Heiligsprechung.

Dass die Schwestern Richter vielfältig gebrochene und eben auch widersprüchliche Charaktere entwickelt haben, liegt schon in ihren vorbogenen Lebenswegen begründet. Geschickt und unaufdringlich stellt Christiane Hoffrath den Werdegang der Schwestern jenem Stefan Zweigs gegenüber. Was diesem eine sorglose Kindheit in einer sicheren Welt bereitet und was ihn in der Schule allenfalls grenzenlos langweilt, ist den beiden jungen Frauen damals gar nicht zugänglich. Als Töchter eines autoritären Unternehmer-Patriarchen und einer kränkelnden Mutter verbringen sie ihre Jugend in der Enge eines freudlosen Elternhauses, erhalten Privatunterricht von einer despotischen Hauslehrerin, deren Fixierungsmethoden in den Unterrichtsstunden für lebenslange körperliche Beschwerden sorgen. Letztlich ein Glück für die beiden Frauen ist der vergleichsweise frühe Tod der beiden Eltern innerhalb eines Jahres. Elise ist 26, Helene 29. Nun kann die jüngere und etwas gesündere Elise sich vorbereiten, als erste private externe Schülerin an einem österreichischen Gymnasium die Matura abzulegen – 1896, es ist jenes Jahr, wo ein ministerieller Erlass Frauen erstmals eine staatsgültige Matura zubilligt. Elise ist 31 Jahre. Vorlesungen an der Universität kann sie vorläufig nur bei ausgewählten Professoren hören, nicht von ihr ausgewählt, sondern es sind jene, die bereit sind, Frauen zuzulassen. Gegen all diese Widerstände habilitiert sie sich 1905, muss allerdings noch zwei bange Jahre warten, bis ihr 1907 das Ministerium die venia legendi erteilt.

Die gesundheitlich stärker beeinträchtigte Helene arbeitet als Privatgelehrte und macht sich als Anglistin einen Namen, und auch als Theaterkritikerin. Denn nach dem Tod der Eltern, die nur einen jährlichen Theaterbesuch erlaubten, sind die beiden Schwestern leidenschaftliche Theatergeherinnen geworden.
Und nun kommt im Jahr 2008 ein Sprachwissenschaftler aus Graz, um Elise Richter vorzurechnen, dass sie im Ersten Weltkrieg Karten mit "bellzistischen Motiven" verschickt habe. Wenn die Kriegsbegeisterung von 1914 ein Kriterium wäre, müssten sehr viele nach österreichischen Schriftstellern benannte Straßen und Plätze umbenannt werden, und auch das von der Gemeinde Wien vergebene Musil-Stipendium – denn Musil hat 1914 einen patriotischen Kniefall-Essay veröffentlicht, der schon mehr ist als eine bellizistische Karte. Außerdem sei Elise Richter mit ihrem 1907 in Auftrag gegebenen historisierenden Exlibris keineswegs auf der Höhe des Kunstgeschmacks der Zeit; das teilt sie etwa mit Arthur Schnitzler, was gegen diesen allerdings noch nie ins Treffen geführt worden ist. Außerdem war sie keine bekennende Jüdin, da sie religionslos aufwuchs, und "ihr Frausein war ebenfalls nicht ungebrochen"; das meint die Tatsache, dass sie sich von der bürgerlichen Frauenbewegung fern hielt. Hätte sie das nicht getan, hätte sie wohl mehr als zwei Jahre auf die Lehrbefugnis gewartet.

Dass Elise und Helene Richter wie viele um 1860 Geborenen den Anschluss an die radikalen gesellschaftlichen Veränderungen rund um das Ende der Monarchie nicht mehr finden konnten, ist das Schicksal jeder Generation, die Epochenumbrüche in fortgeschrittenen Jahren ereilen.
Es ist tatsächlich der richtige Zeitpunkt, mit der informativen Arbeit von Christiane Hoffrath die Biografie der Schwestern Richter und die Geschichte ihrer Bibliothek einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

 

Evelyne Polt-Heinzl
18. August 2009

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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