logo kopfgrafik links adresse mitte kopfgrafik rechts
   

Mai
Mo Di Mi Do Fr Sa So
18 29 30 01 02 03 04 05
19 06 07 08 09 10 11 12
20 13 14 15 16 17 18 19
21 20 21 22 23 24 25 26
22 27 28 29 30 31 01 02

FÖRDERGEBER

  BMUKK

  Wien Kultur

JAHRESSPONSOR

  paperblanks
kopfgrafik mitte

Walter Müller: Kleine Schritte.

Roman.
Salzburg-Wien, Otto Müller 2010.
198 S.; geb.; Eur[A] 20,-.
ISBN 978-3-7013-1180-4.

Link zur Leseprobe

Salzburg im Spätherbst 1940. Der Krieg ist eine ernste Sache, der Grete Schöner nicht daran hindert, vor dem Juxstandesamt am Kapitelplatz drei Ehen zu schließen. Ferner hat sie auf dem Liebespostamt am Alten Markt gar elf Briefe bekommen und ebenso viele aufgegeben. Doch es gibt auch schlechte Nachrichten. Onkel Ludwig, ein entfernter Verwandter, ist als Erster der Familie "irgendwo in England" gefallen. Den Krieg gibt es also wirklich, selbst wenn er irreal fern erscheint.

Gretes Bruder Werner übt derweil in der Waschküche des Zinshauses seine Hochseilnummer. Er balanciert auf einem Strick, den er ans Fensterkreuz geknüpft hat, und tastet sich ahnungslos vorwärts: "Schritt für Schritt, kleine Schritte." Auf den Schlachtfeldern Europas bluten die Soldaten. Bald wird er einer von ihnen sein.

Die Schwester zieht es vor, mit ihrer Freundin Anni ins Kino zu gehen, wo sie sich "Jud Süß" ansehen, bei dessen Exekution Grete peinlicherweise Tränen vergießt: Wer wird schon einem Juden nachtrauern! Manchmal gehen sie auch ins "Sternbräu", lassen sich von Männern einladen und geizen nicht mit Küssen. Junge Mädchen eben.

Werner ist in seine Arbeitskollegin Hella verliebt, die er heimlich in die elterliche Wohnung einlädt. Als die Mutter und der 2. Franz, so nennen sie den Stiefvater, nach Hause kommen, verschwindet das Mädchen unbemerkt. Glück gehabt, denken sich wohl die beiden, denn der Stiefvater ist ein richtiger Kerl und versteht keinen Spaß. Auf Werner ist er nicht gut zu sprechen, weil er ihn für verweichlicht hält, womit er nicht dem deutschen Ideal entspricht. Sein leiblicher Vater, der 1. Franz, der Drückeberger und spätere Überlebende, glaubt jedoch an seinen Sohn.

Vielleicht will Werner seinen Mut unter Beweis stellen, als er sich sechzehnjährig freiwillig zu den Gebirgsjägern meldet. Auch der 2. Franz muss einrücken. "Wenn es einer schafft, dann der Franz, sagt die Mutter [...]." Doch weder der Ältere noch der Jüngere schafft es, und die Frau, die zu Hause bleibt, wird bis zu ihrem Tod, 35 Jahre nach Kriegsende, auf ihre Heimkehr warten.

Walter Müllers Roman ist tief in der Geschichte des 20. Jahrhunderts verwurzelt und erzählt die Wechselfälle einer österreichischen Dutzendfamilie vom November 1940 bis zum Jänner 1941. Dicht gedrängt reihen sich die Ereignisse aneinander, ernst, dann wieder heiter, wie Umspringbilder, die nie ihre endgültige Gestalt annehmen wollen.

Fotos, das Tagebuch der Grete Schöner und wenige Schriftstücke bilden das Material, aus dem der Erzähler seinen autobiografisch gefärbten Text webt, ohne auf der Authentizität des Berichteten zu beharren. So könnte es gewesen sein, lässt der Roman erahnen, und wer Lust hat, kann sich zwischen den Zeilen der kursiv gedruckten auktorialen Kommentare auf Spurensuche begeben. Doch was wäre damit gewonnen?
Kleine Schritte legitimiert sich dank seines beschwingten Duktus, der dialogische Passagen in den Vordergrund rückt, um auf diese Weise die Figuren präsenter und glaubhafter zu machen. Hier führen lebenslustige junge Menschen das Wort und entlasten geradezu spielerisch den schweren historischen Stoff.
Durch diesen Kunstgriff gelingt es Walter Müller, sich dem Genre der Betroffenheitsprosa zu entziehen und aus der Jahrhundertkatastrophe, zu der sich eine persönliche gesellt, sein durchaus heiteres Kapital zu schlagen. Die Realität von Gestapo, Endlösung und Front gewissermaßen relativiert, wird in diesem Buch ein Plädoyer für Lebenslust und -freude gehalten, wo Verzweiflung und Misanthropie nur allzu verständlich erschienen.
Sich vom Schrecklichen nicht in die Knie zwingen zu lassen, darin besteht die große Qualität von Walter Müllers Kleinen Schritten.

Walter Wagner
10. September 2010

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

Suche in den Webseiten  
Link zur Druckansicht
Veranstaltungen
Österreichischer Schriftsteller/innenverband - "Tore statt Grenzen"

Mi, 22.05.2013, 19.00 Uhr Lesungen Reet Kudu, geb. in Tartu/Estland, lebt in Tallin; studierte...


Ausstellung
Hanno Millesi Neo-Geo

04.04.2013–27.06.2013 Bildnerische Arbeiten gehören seit Beginn seiner künstlerischen Tätigkeit...


Tipps
flugschrift

flugschrift Nr.4 - gestaltet von der Autorin und Fotografin Petra Coronato - ist ab sofort im...


BÜCHERFLOHMARKT

Noch bis 29. Mai 2013 findet im Foyer des Literaturhauses, Seidengasse 13, 1070 Wien,  ein...