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Georg Haderer: Ohnmachtsspiele.

Kriminalroman.
Innsbruck-Wien: Haymon Verlag, 2010.
320 Seiten; geb.; Euro 20,50.
ISBN 978-3-85218-630-6.

Link zur Leseprobe

Eine Behördenreform als literarischer Stoff, für einen Kriminalroman noch dazu? Das klingt reichlich trocken, ist es aber nicht, wenn es den Hintergrund für einen Krimi von Georg Haderer bildet.

Kriminalmajor Schäfer, den der Autor letztes Jahr in seinem Debüt Schäfers Qualen vorgestellt hat, ermittelt nun nicht mehr in Haderers Wahlheimat Kitzbühel, sondern in seiner Wahlheimat Wien.
Schäfer ist wegen Depressionen krank geschrieben, wird aber in den Dienst zurückbeordert, da es einen akuten Personalmangel wegen einer Behördenreform gibt. Die Politik will mit Zahlen glänzen und ist wenig an einer detaillierten Aufarbeitung der Fälle interessiert.
Schäfer, dessen Depression von den Kollegen nicht ganz ernst genommen wird, werden die scheinbar leichten Fälle übertragen, die sich schnell als Unfälle ohne Fremdverschulden zu den Akten legen lassen könnten. Aber dem widersetzt sich der Polizeimajor. Er verbeisst sich in gleich mehrere Fälle und muss nicht nur den oder die Täter finden, sondern sich auch intern bei den Kollegen und Vorgesetzten rechtfertigen. Denn Schäfer entwickelt eine geradezu abstruse Idee eines in Wien wirkenden Serienmörders, der mittels eines simplen Kartenspiels Menschen aus völlig verschiedenen Millieus auswählt und ermordet. So bildet der Autor ganz nebenbei ein soziales Panorama der Millionenstadt. Ein Junkie vom Karlsplatz, eine glücklich verheiratete Lehrerin sowie eine Studentin aus den besten Kreisen der Stadt und ihr unglücklicher Ehemann. Haderer führt den Leser damit zu den unterschiedlichsten (Tat-) Orten in Wien. Wobei es ihm die Randbezirke mehr angetan haben als der Erste. Einen verkappten Reiseführer kann man das Buch wirklich nicht nennen.

Natürlich will in der Polizeibehörde niemand seiner Theorie eines Serienmörders folgen, nicht einmal die Gerichtsmediziner unterstützen ihn dabei. Zudem sind die meisten Polizeibeamten mit der Klärung eines aufsehenerregenden Mordes an zwei Tschetschenen beschäftigt, in den einflussreiche Kreise aus dem Ausland verwickelt sein sollen. So hilft sich Schäfer selbst und schaltet die Presse ein, die daraufhin solch einen Wirbel veranstaltet, dass er die geforderten Einsatzkräfte zu seiner Unterstützung bekommt.
Was folgt ist die Schilderung von Rückschlägen, Zweifeln und der nicht immer aufregenden Ermittlungs- und Recherchearbeit, ohne dass der Roman an Tempo verliert. Das spätherbstliche Wetter bildet den klimatischen Hintergrund für die Stimmung des Helden. Erst als ein längst vergangener Mord in Budapest, der nie aufgeklärt worden ist, ins Spiel gerät, kommt Schäfer den Tätern auf die Spur.

Als es zum grossen Showdown mit Schusswechsel kommt, weilt Schäfer in der tristen Provinz, um den wahren Namen eines Mittäters zu erfahren. So muss er sich alles am Telefon anhören und wird damit quasi in die Lage des Lesers versetzt, der auch nur alles aus zweiter Hand erfährt. Doch damit sind noch längst nicht alle Morde, in denen Schäfer ermittelt, gelöst. Als er einen weiteren Täter kennenlernt, wird es noch einmal richtig spannend. Letztendlich wird Schäfer erfolgreich sein, auch wenn seine Theorien in sich zusammenbrechen.

Der Roman will vieles, und es ist ein Talent von Haderer, unterschiedlichste Themen miteinander zu verbinden, ohne das es konstruiert oder überfrachtet wirkt. In einem Prolog zeichnet er vorab die Psycholgie der Täter und entlastet damit die Handlung von langwierigen Erklärungen.
Aktuelle Anspielungen auf die österreichische Politik gelingen ihm ebenso selbstverständlich wie Verweise auf kriminalistische Theorien, die in anderen Büchern sicher für Langeweile sorgen würden. So ist auch die Behördenreform ein überzeugender Hintergrund, um Handlungen, die nicht immer ganz orthodox sind, zu legitimieren, aber auch die Zweifel des Helden an seinem gewählten Beruf aufzuzeigen.

Das alles ist so spannend und unterhaltsam geschrieben, dass man gleich zum nächsten Buch von Haderer greifen möchte.

Spunk Seipel
9. September 2010

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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