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Anna Elisabeth Mayer: Fliegengewicht.

Roman.
Frankfurt / M.: Schöffling, 2010.
216 S.; geb.; Euro 19.50.
ISBN 978-3-89561-135-3.

Autorin

Leseprobe

Anna-Elisabeth Mayer hat einen Arzt- besser einen Patientinnenroman verfasst, ein wunderbares Debüt, das sowohl als literarisches Kunststück wie auch als Unterhaltung durchgeht. Alles spielt auf engstem Raum, im Damenzimmer Nr. 5 der Herzabteilung einer Klinik, womit der Roman seine Bezeichnung Kammerstück wohlverdient hat – Liebe, Eifersucht, Intrigen, Dramatik, aber auch Alter, Tod, Langeweile, Einsamkeit sind die Themen. Da gibt es einen älteren, einfühlsamen Arzt, eine junge Patientin, die's am Herzen hat und drei alte Damen, deren Herzen ebenfalls, neben Medikamenten und Operationen, etwas anderes brauchen: gute Unterhaltung, um sich nicht bei einem der vielen Standardaufenthalte in der Klinik zu Tode zu langweilen. Da wird, um dem unausweichlich am Ende stehenden Herzstillstand zu entgehen, gesprochen, gewettert und gewettet: um die Liebe natürlich. Denn ihre Unterhaltung schaffen sich die Damen selbst: gutwillig, aber über den Kopf und das Herz der jüngsten Patientin, des Kükens, der Ich-Erzählerin hinweg wetten sie rund um deren Liebesleben, das somit in den Mittelpunkt des Romans rückt.

Es geht aber auch ums Herz Anderer – um den lebensnotwendigen Muskel selbst und um sogenannte Herzensdinge: Leidenschaft, Mutterliebe, Zuneigung oder Hass, Wut, Eifersucht, Angst. Denn die regelmäßigen Besuche im Damenzimmer führen ganz im Sinne einer Seifenoper die sich entspinnenden Geschichten rund um die Nebenrollen des Kammerstücks (Söhne, Tanten, Onkel) fort, ebenso wird die Haupthandlung nur in Miniportionen verabreicht (Wenn Sie sich jetzt bitte freimachen), in seltenen, jeweils nur kurz geöffneten Zeitfenstern, vielleicht auch um schwache Herzen zu schonen? Vorabend-Ärzteserien könnten sich an Witz, Tragik und Figurenpsychologie hier einiges abschauen.

Der Ludwig, der hatte außerdem das gewisse Etwas. Das gewisse Etwas?, fragte Frau Blaser. Ja wie unser Dr. Winter. Der Bruno hatte das auch, sagte Frau Blaser darauf. Das glaube ich kaum, Frau Ferdinand murmelnd. Ich hab jetzt ein Hörgerät, mit dem ich hören kann, rief Blaser beleidigt.

Der Plot ist zu vernachlässigen, denn der Rhythmus des Romans ist, ganz einem realen Krankenhausaufenthalt entsprechend, sehr regelmäßig: zwischen Visite, Schlaf, Quizshows im Fernsehen und den Besuchen von Verwandten spielt sich – neben kammerflimmernartigen Kurzepisoden zwischen Arzt und Patientin – das eigentliche Geschehen im Gespräch der vier kranken Frauen ab: deren Erinnerungen, ihre Sicht auf die Gegenwart und die gemeinsame Wette sind der Motor des Romans. Nur ein paar Herzrhythmusstörungen können diesen geregelten Ablauf unterbrechen.

Die Damen benutzen in ihren Erzählungen den für Österreich typischen Artikel vor Personennamen – Der Reini ist auf seine Weise gescheit, betonte Frau Blaser eifersüchtig. Der Dr. Winter scheint abwesend, urteilte Frau Ott. Der war schwer zu knacken, der Alois. Der Bruno, der war auch manchmal ein Genie, also nur selten, aber das ist dann richtig aufgefallen. Oder: Verloren hab ich den Hans und den Georg nie gehabt. –, was wohl einen großen Teil der Heimeligkeit ausmacht, die der Roman Seite um Seite versprüht: als läge man mittendrin im Krankenzimmer Nr. 5 und könnte sich jederzeit in die dahingemurmelten, -gerufenen, -geschrillten Dialoge einschalten, die da ohne Anführungszeichen und ohne Zeilenumbruch serviert werden.

Handlungsort ist Wien, dem Otto-Wagner-Pavillon und der Untergrundbahn nach zu schließen, die – seltsam konkret und fast wie Fremdkörper im sonstigen Geschehen – im ersten und letzen Kapitel Erwähnung finden und damit eine Klammer rund um den Klinikaufenthalt schließen bzw. ein Portal zu einer Welt außerhalb des Damenzimmers darstellen, wo die Ich-Erzählerin nach der Entlassung feststellen muss: Ich dachte: ich bin aus dieser Welt gefallen, und ich sehnte mich in meine zurück. Anna-Elisabeth Mayer hat mit ihrem Debut auch die Leserin herausfallen und mit dem Wunsch nach Fortsetzung zurückgelassen.

Elena Messner
8. September 2010

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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