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Leseprobe: Utta Roy-Seifert - "Der Webfehler."

Allmählich wird die Zeit knapp. Damit die Bruchstücke nicht ganz verloren gehen, will ich versuchen, sie lose zusammenzufassen, als Sammlung von Bruchstücken, ein Kaleidoskop oder Puzzle. Erinnerungen kommen uns ja meistens als Fragmente, auf seltsame Weise ineinander verzahnt.
Ich bin jetzt eine alte Frau, da brauche ich mir nichts vorzumachen, obwohl ich mich meistens nicht so alt fühle. Vor einigen Jahren habe ich begonnen, Erinnertes aufzuschreiben. Mit der Sprache gearbeitet habe ich als Übersetzerin seit Jahrzehnten. Ich habe einen zwar schlecht, aber doch bezahlten und einigermaßen anerkannten Beruf ausgeübt, bin einer sinnvollen Beschäftigung nachgegangen, die mich obendrein befriedigt hat. Eigene Texte zu verfassen, dafür fehlte mir die nötige innere Ruhe und die äußere Ungestörtheit. Ich glaube auch erkannt zu haben, wieso nicht nur ich, sondern viele Frauen sich gerade für diesen Schreibberuf des Übersetzens entscheiden: Er erfordert unbedingte Konzentration auf einen Text, der mit dem eigenen Leben wenig oder gar nichts zu tun hat. So brauchen sie sich nicht allzu intensiv mit den eigenen Problemen zu beschäftigen, die dadurch an Gewicht verlieren. Für mich jedenfalls war das so. (S. 7)

In meiner Familie war schon wegen des nicht ganz einwandfreien Stammbaumes eindeutig klar – dem jüdischen Großvater sei Dank –, dass die Sache der Nazis nicht die unsere war, und auch mit Rainer und mir wurde offen darüber gesprochen. Ich war den Eltern stets dankbar dafür. Auch dafür, dass sie mir in allen wesentlichen Einzelheiten erzählten, von wem und wieso ich eines Tages das kleine bunte Deckelkörbchen, das ich noch heute besitze, geschenkt bekam.
Ich hatte weder Geburtstag noch war sonst irgendein Anlass für Geschenke: Maria Leo hatte es mir zugedacht, eine Breslauer Freundin meiner Großmutter, Pianistin wie diese. Man hatte sie aufgefordert, sich kurzfristig für den Abtransport nach Theresienstadt bereitzuhalten. Auch ich wusste, dass Theresienstadt ein Konzentrationslager war, obwohl ich damals noch nicht wusste, mit welch grausig deutscher Gründlichkeit die Vernichtungsmaschinerie arbeitete. Und von Theresienstadt hatte man gehört, dass es "nicht so schlimm" sei. Maria Leo – an ihren Namen erinnere ich mich und daran, dass ich schon als kleines Mädchen diese ruhige, kluge, heitere Frau sehr mochte – wusste wohl, dass es in jedem Fall schlimm sein würde, und zog es vor, sich dem in Würde zu entziehen. Schon längst zuvor hatte sie alles geregelt, über ihren Nachlass verfügt, ehe es die Nazis tun konnten. Sogar an mich, die Enkelin ihrer Freundin, hatte sie dabei gedacht. Am Abend vor dem Abtransport ließ sie sich, nachdem sie eine tödliche Dosis Schlafmittel eingenommen hatte, von ihrem ihr sehr verbundenen Bruder Gottfried Kellers wunderschönes Abschiedsgedicht vorlesen:
Augen, meine lieben Fensterlein,
gebt mir schon so lange holden Schein,
lasset freundlich Bild um Bild herein:
einmal werdet ihr verdunkelt sein ...
... und schlief friedlich ein. Ich habe diese Verse nie wieder vergessen. Damals habe ich wohl aufgehört, Kind zu sein. (S. 45f)

© 2010 Limbus Verlag, Hohenems.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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