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Stefan Neuhaus: Literaturvermittlung.

Stuttgart: UTB, 2009.
316 S.; brosch.: Euro 19,90.
ISBN 3-8252-3285-6.

Ich kenne Stefan Neuhaus, weil wir Kollegen an der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Innsbruck sind, was bedeutet, dass mit dieser Buchkritik eine Regel durchbrochen wird: Bücher von KollegInnen zu rezensieren, ist problematisch, weil auch geneigte LeserInnen der Rezension hinter dem Lob noch Schwächen und Fehler des rezensierten Textes vermuten. AutorInnen müssten sich also hüten – wenn sie sich wehren könnten –, ihre Texte von KollegInnen besprechen zu lassen.
Allerdings kann man mit befreundeten KollegInnen härter ins Gericht gehen, denn sie wissen, dass RezensentInnen aus Angst vor dem Ruf des Freundesdienstes mit Lob sparsam und mit Kritik eher verschwenderisch umgehen werden. RezensentInnen werden sich zudem darauf verlassen, dass ihr Urteil, wie auch immer es ausfallen mag, bei den Rezensierten mit freundschaftlicher Wertschätzung aufgenommen wird. Es sprechen also gleich zwei Gründe dafür, die Samthandschuhe in der Schublade zu lassen.
Das Risiko, meinen Ruf oder eine Freundschaft aufs Spiel zu setzen, war allerdings kalkulierbar, denn der hervorragende "Grundriss der Literaturwissenschaft" von Stefan Neuhaus (ebenfalls bei UTB erschienen, inzwischen in der dritten Auflage), der nun wahrlich nicht die einzige Einführung auf diesem Felde ist, befand sich bereits auf der Liste meiner Lektüreempfehlungen für Studierende, bevor ich den Autor kennen lernte. Und warum sollte die Qualität des nun zu besprechenden Buches plötzlich so weit hinter der des anderen zurückstehen? Zum Glück war meine Überlegung richtig, denn nach meiner Lektüre blieb neben dem, was es an dem Buch zu loben gilt, nicht allzu viel übrig, was zu kritisieren wäre.

Das Buch beschäftigt sich mit nahezu allen Feldern, in denen Literatur vermittelt wird, wobei der Unterricht in Schulen und Universitäten zwar erwähnt wird, ansonsten aber ausgeklammert bleibt – ist doch der Band ein einführendes Handbuch, das selbst im Unterricht Verwendung findet. Und zu diesem Zwecke ist er hervorragend geeignet, denn mit großer Detailkenntnis (man merkt, dass das Thema in jahrelanger Praxis in Lehre und Forschung erarbeitet und vertieft wurde) wird in durchwegs verständlicher Sprache ein gut strukturierter und – bis auf das gerade genannte Beispiel – auch vollständiger Überblick über das Feld der Literaturvermittlung gegeben. Da dieses Feld riesig ist, muss das Buch zwangsläufig knapp und ohne Decorum formulieren, damit die notwendige Schilderung der Fülle der Details nicht leidet.

In zehn "Einheiten", die mit präzise zusammenfassenden Einleitungstexten von jeweils einer halben Seite eingeleitet werden, behandelt der Autor das weite Feld der Literaturvermittlung. Das reicht von einer Einführung in "Literaturvermittlung in Theorie und Praxis" über "Literatur und Leser: Grundlagen der Rezeptionsforschung" bis zu Stimmen von Personen aus der Praxis (in der zehnten Einheit). Dabei wird alles berührt und auch bestens und verständlich erklärt, was mit dem Thema zu tun hat: Kanondebatten, Wertungsfragen, Grenzen zwischen Fiktion und Sachbuch, Unterhaltungs- und Trivialliteratur, Probleme professioneller und 'alltäglicher' LeserInnen, das Zustandekommen von Bestsellerlisten, Verlagswesen, Buchhandel, Literaturkritik in Fernsehen und im Feuilleton, Zeitungen und Zeitschriften, Nachrichtenagenturen, Buchhandel, Literaturhäuser, Literaturarchive, Bibliotheken, Rundfunk, Zensur, Massenmedien, Urheberrechtsfragen, Versandbuchhandel, Fragen des Lektorats etc. Die Einheiten werden in erfreulich kurze Unterkapitel eingeteilt, und wichtige Begriffe sind fett gedruckt, damit die Orientierung leicht fällt. Diese Orientierung wird auch nicht durch allerlei (in Lehrbüchern oft zu findende und gut gemeinte, aber leider allzu oft den Zweck konterkarierende) Glossarspalten oder 'didaktische Kästchen' gestört. Positiv hervorzuheben sind auch die beiden Register und das hilfreiche, nach Rubriken geordnete Literaturverzeichnis.

Hoch anzurechnen ist dem Autor, dass er auch die Theorie und die selbstreflexive Ebene ausreichend berücksichtigt (dass er also implizit auch seinen eigenen Text immer wieder kritisch hinterfragt), was angesichts des knappen Raumes keineswegs selbstverständlich ist: Bourdieus Feldtheorie, Foucaults Diskursbegriff und Luhmanns Systemtheorie bilden die theoretische Folie, die es erlaubt, die Felder der Literaturvermittlung nicht nur in einer empirischen Gesamtschau aufzulisten, sondern diese Felder auch wissenschaftlich aufzuarbeiten. Dass durch eine ausführliche Einbettung der Phänomene in die theoretische Diskussion auch gezeigt wird, dass es im Feld der Literaturvermittlung keine einfachen und auch einander widersprechende gültige Antworten auf Fragen gibt, mag Studierende, die sich gerade zu Beginn ihres Studiums manchmal eindeutige Aussagen, Antworten und Urteile erwarten, vielleicht verwirren, entspricht jedoch der (Komplexität der) Sache, ist also notwendig.
Erfreulich ist zudem, dass AlltagsleserInnen ebenso berücksichtigt werden wie Phänomene der Trivialliteratur – wird doch der quantitativ gesehen weitaus überwiegende Teil fiktiver Texte und die eigentlichen Bestseller (etwa die so genannten "Groschenromane") von AutorInnen verfasst, von denen im Normalfall nicht einmal die Namen bekannt sind.

Kritisch anzumerken ist, dass LeserInnen des Buches in der Fülle der Details manchmal beinahe zu ertrinken drohen (wobei die bereits genannten einleitenden Zusammenfassungen diese Gefahr doch bannen). Beim Lesen wirkt manche Beschreibung allzu gerafft, was bei dem riesigen Feld, das vorgestellt werden muss, allerdings auch verständlich ist. Ab und an werden die Details, vor allem Zahlenmaterial, nicht ausreichend kontextualisiert und erläutert: Dass – um ein Beispiel zu nennen – von der Serie "Buffao [sic!] Bill" von 1905 bis 1914 "12.386 Nummern" (S. 158) erschienen sein sollen, verwirrt LeserInnen. Selbst wenn der Autor hier eine Quelle zitiert, fragen sich LeserInnen möglicherweise, wie 3,39 Nummern pro Tag denn möglich sind oder diese Zahl genau zu verstehen ist. Auch an anderen Stellen würde man sich manchmal etwas ausführlichere Erläuterungen von Begriffen, Zahlen und Details wünschen. Ein bisschen Platz für zusätzliche Kontextinformationen hätte man durch die Streichung von Redundanzen einsparen können. Auch wenn es didaktisch Sinn machen mag, irritiert es doch ein bisschen, wenn einige Informationen mehrfach auftauchen: Ein Satz über vier Zeilen (S. 156) wird 45 Seiten später (S. 190) sogar wortgleich wiederholt. Die Inhalte der Einheit 9, in der "Tendenzen der Gegenwartsliteratur und ihrer Vermittlung" vorgestellt werden, fallen mit ihrem Einblick in literarische Werke etwas aus dem Rahmen – wobei positiv anzumerken ist, dass ein Überblick über neueste Tendenzen der Gegenwartsliteratur so leicht nicht zu finden ist. Dass insgesamt nur Werke der deutschsprachigen Literatur erwähnt werden, ist verständlich und nicht weiter problematisch, hätte aber irgendwo (im Titel oder in der Einleitung des Buches) erwähnt werden sollen. Es wird ja auch nicht-deutschsprachige Literatur (und Literatur in anderen Ländern) vermittelt. Das Thema "Übersetzung" wird zwar mehrmals erwähnt, aber darüberhinaus nicht weiter vertieft.

In der Einheit 10 kommen Praktiker in 'Fallschilderungen' zu Wort. Einige dieser Fallschilderungen sind sehr spannend erzählt und geben gute Einblicke in die alltägliche Praxis, andere wiederum wirken etwas steif – und drohen somit das bereits Gesagte der neun vorhergehenden Einheiten zu wiederholen. Sie wirken manchmal wie ein Werbetext für das eigene Unternehmen, wodurch das Exemplarische an den Schilderungen aus der Praxis nicht recht deutlich wird.

Dass der Autor Innsbrucker Einrichtungen (etwa das "Innsbrucker Zeitungsarchiv/IZA") etwas in den Vordergrund rückt, findet durchaus eine Entsprechung in der Qualität derselben, allerdings gerät er dadurch in den Verdacht, pro domo zu sprechen. (Dass man in Innsbruck "Literaturvermittlung studieren" könne, wie es auf Seite 14 heißt, ist nicht falsch – weist doch das Innsbrucker Germanistik-Studium erfreulich hohe Anteile an "Literaturvermittlung" und "Angewandter Literaturwissenschaft" auf –, ist aber doch etwas zu dick aufgetragen, denn es gibt keinen eigenen Studiengang für Literaturvermittlung.)

Noch zwei Details:
1. Dass im Buch "aus Gründen des Leseflusses jeweils die geschlechtsneutrale Bezeichnung gewählt [wird], auch wenn sie durch die sprachliche und gesellschaftliche Entwicklung männlich konnotiert ist" (S. 11), ist eine Entscheidung, die im wissenschaftlichen Schreiben (wieder) üblich geworden ist, was sie aber nicht richtig macht, denn die Bitte an LeserInnen, "die weibliche Form mitzudenken" (S. 11) ist zwar sympathisch, geht aber ins Leere.
2. Dass es ebenso üblich geworden ist, Wikipedia als Quelle in wissenschaftlichen Werken anzuführen, ist auch Faktum, aber ich muss gestehen, dass mir immer noch nicht wohl dabei ist – ich lasse mich aber von einem Fachmann für Literaturvermittlung gerne eines Besseren belehren.

Fazit aber bleibt: Das Buch ist ein ausgezeichnetes Instrument der Information und Orientierung für StudienanfängerInnen, Studierende und auch WissenschaftlerInnen und gehört in jeden einführenden Kurs der literaturwissenschaftlichen Disziplinen!

Martin Sexl
4. November 2009

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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