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Carl Djerassi: Aufgedeckte Geheimnisse.

Menachems Same. NO. Zwei Romane aus der Welt der Wissenschaft.
Übers. a. d. Amerikan.: Ursula-Maria Mössner.
Innsbruck, Wien: Haymon Verlag, 2005.
443 S.; brosch.; Eur(A) 20,50.
ISBN 3-85218-471-1.

Link zur Leseprobe

"Menachems Same", der erste der beiden neu aufgelegten Romane von Carl Djerassi, beginnt im steirischen Kirchberg am Wechsel mit der Konferenz eines Gesprächskreises, welcher der von Joseph Rotblat initiierten Pugwash-Bewegung nachempfunden ist. Hier begegnen einander in den Siebzigerjahren Menachem Dvir, Verwaltungsdirektor der Ben-Gurion-Universität, der für die Anerkennung Israels als integraler Staat im Nahen Osten eintritt und daneben in verdeckter politischer Vermittlungsmission aktiv ist, und Melanie Laidlaw, Direktorin der REPCON-Stiftung, die Forschungsprojekte zum Thema menschliche Reproduktion fördert. Zwischen der verwitweten und kinderlos gebliebenen Melanie und dem gebundenen und dank seiner früheren Beschäftigung im israelischen Nuklearzentrum in Dimona unfruchtbaren Menachem entspinnt sich eine mit feiner Ironie erzählte Liebesbeziehung. Melanie nutzt diese, um sich ihren Kinderwunsch zu erfüllen, wobei ihr zugute kommt, dass eines der von der REPCON-Stiftung geförderten Projekte sich mit dem ICSI-Verfahren, der "Intrazytoplasmischen Spermieninjektion", befasst, mit der Menachems Unfruchtbarkeit - auch ohne dessen Wissen - behoben werden kann.

Carl Djerassi, vielfach ausgezeichneter Biochemiker und treibende Kraft bei der Entwicklung der "Pille", schreibt seit Ende der Achtzigerjahre Romane und Theaterstücke und entwickelte dabei das Konzept der "Science in Fiction". Anhand der literarischen Darstellung des Berufs- und Alltagslebens von NaturwissenschaftlerInnen soll der Entwicklungsprozess wissenschaftlicher Errungenschaften einer breiteren Öffentlichkeit verständlich gemacht werden, wie er in seinem Vorwort erklärt. Aber es wäre weit verfehlt, Djerassis Schreibkunst allein auf den wissenschaftlichen Gehalt seiner Werke zu reduzieren. Denn Melanies Entscheidung für die Anwendung von ICSI, einer tatsächlich praktizierten Methode der künstlichen Befruchtung, die Djerassi um mehr als ein Jahrzehnt früher einführt, wird mit der Mutterschaft der Königin von Saba und der Verbindung der Amazonenkönigin Thalestris mit Alexander dem Großen assoziiert und das biblisch-patriarchale Motiv von Lots gestohlenem Samen zu einer Erzählung mit feministischen Elementen transformiert. Carl Djerassis Gespür für die gesellschaftlichen Zwänge von Frauen im Lebensalltag wie auf symbolisch-repräsentativer Ebene ist durchgehend und konsequent und Melanies Verhalten, das die Selbstverwirklichung einer finanziell unabhängigen, zum Reformjudentum konvertierten Frau über die Erfüllung traditioneller Werte triumphieren lässt, gesellschaftlich immer noch innovativ.

Angesichts der überzeugenden Parteinahme nimmt die Leserin gern in Kauf, wenn der Handlungsverlauf sich durch wissenschaftliche Erklärungen, längere Dialoge und subjektive Reflexion etwas hinauszögert. Oder wenn das Prinzip der poetischen Gerechtigkeit mitunter auf beinah vorhersehbare Weise bemüht wird und Djerassi sein Publikum "intriganter" an der Nase herumführen könnte, ist man doch seiner gründlichen Fachkenntnis ausgeliefert wie nur selten einem Autor.

Unterhaltsam schildert Djerassi sinnliche Eindrücke wie Melanies sexuellen Höhepunkt im Jugendstiltheater von Steinhof und raffiniert führt er die Beziehung zwischen Menachem und Melanie und andere Ereignisse aus "Menachems Same" im Roman "NO" peripher weiter. "NO" weist vom Bereich der Wissenschaft in jenen der Industrie und handelt von der Entdeckung und Vermarktung von Stickstoff-Releasern, die, mithilfe eines MUSA-Gerätes verabreicht, erektile Störungen beim Mann verhindern, wobei das Akronym nicht für "Made in USA" steht, sondern für "Medizinisches Utensil zur sexuellen Aktivierung". Auch hier steht eine Frau im Mittelpunkt des Geschehens, die indische Biochemikerin Renu Krishnan, die es glänzend versteht, wissenschaftlichen und finanziellen Erfolg mit Mutterschaft und einem intakten Familienleben zu verbinden, und die übrigens, wird an einer Stelle selbstironisch bemerkt, an der Stanford University einmal eine Vorlesung von Carl Djerassi über die Zukunft der Geburtenkontrolle gehört hat, was Renu so kommentiert: "Ein guter Redner, aber ganz schön eingebildet, würde ich sagen." (S. 200)

Ein guter Autor mit einem feinen Sinn für Ironie ist Carl Djerassi allemal. Bleibt zu loben, dass seine im deutschen Sprachraum vergriffene "Science-in-Fiction"-Tetralogie, bestehend aus den Romanen "Cantors Dilemma", "Das Bourbaki Gambit", "Menachems Same" und "NO", nun wieder erhältlich ist.

 

Sabine Mayr
6. August 2005

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

 

 

 

 

 

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