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Dietmar Scharmitzer: So eine Art lyrisches Kaffeehaus.

Briefwechsel Anastasius Grün mit dem Weidmann Verlag 1832-1876.
Wien, Köln, Weimar: Böhlau, 2009.
(Manu Scripta, Bd. 1).
312 Seiten; brosch.; Euro 39,-.
ISBN 978-3-205-78353-4.

Verlag und Autor sind eine Symbiose, keiner kann ohne den anderen existieren - dessen sind sich (zumeist) beide Seiten bewusst. Diese symbiotische Beziehung ist dennoch oft ein Hort von Unzufriedenheiten: Autoren können sich schlecht betreut und honoriert fühlen, dem Verlag können Forderungen oder Einmischungen des Autors lästig sein. Diese Beziehung, in der die beiden Partner völlig aufeinander angewiesen sind, ist nicht erst im so genannten Medienzeitalter problematisch, das zeigt eindrücklich der nun als erster Band der Reihe "Manu Scripta, Editionen aus der Handschriftensammlung der Wienbibliothek" erschienene Briefwechsel Anastasius Grüns mit seinem Verlag. Diese Beziehung hielt lange, das lässt sich auf den ersten Blick feststellen: Gut vier Jahrzehnte war der 1680 gegründete renommierte Verlag die verlegerische Heimat Grüns. Die "Weidmannsche Buchhandlung" zählte im 18. und 19. Jahrhundert zu den führenden Verlagshäusern Deutschlands, das lässt sich an der beeindruckenden Autorenliste ablesen: von Lessing über Gellert, Wieland und Herder bis zu Arndt und Chamisso - und dabei lag der Schwerpunkt, wie Julia Danielcyk im Vorwort schreibt, "schon damals mehr im historischen und philologischen Fach als in der Belletristik". 1832 betraute der Leipziger Verlag Adelbert von Chamisso und Gustav Schwab mit der Redaktion eines "Deutschen Musenalmanachs", die beiden kontaktierten unter anderem Anton Alexander von Auersperg mit der Bitte um Beteiligung. Dieser schickte fünf Gedichte, vier wurden aufgenommen. Der Briefwechsel setzt mit Organisatorischem ein und erreicht bereits in der dritten Epistel des Verlags heikles Terrain. Zum einen hatte die Zustellung der Belegexemplare nicht ausreichend funktioniert, hier konnte rasch Abhilfe geschaffen werden, zum anderen hatte der "Hochgeborne Herr Graf" die Honorarfrage gestellt, und hier kam der Verlag in die Bredouille, denn "für die Beiträge Honorar zu zahlen ist uns im Allgemeinen nicht möglich" - die anschließende Begründung klingt sehr nach ökonomischer Schutzbehauptung, mag aber nicht weit an der Realität vorbeiargumentiert sein: "da leider mehr Dichter als Leser in Deutschland existiren". Wolle "Ew. Hochgeboren" allerdings Gedichte zur Herausgabe einer Sammlung überlassen, könne man dies, "ohne damit ein Opfer bringen zu müssen", honorieren.

Dieses Ansinnen müssen die beiden Verlagsleiter Karl Reimer und Salomon Hirzel mehrmals wiederholen, bis Grün darauf eingeht, dann aber einen thematisch eigenständigen, kurzen Gedichtzyklus anbietet (der 1835 als "Schutt" erschien, die Gedichtsammlung musste bis 1837 warten). Bei seiner Buchpublikation ging Grün mit seiner Honorarforderung leger um ("Die Bestimmung des Honorars überlasse ich Ihrem billigen Ermessen"), er wünschte interessanterweise keine hohe Auflage ("nicht gar zu stark an Exemplaren") und im Innern "so wenig Druckfehler, als möglich" - die Auflagenhöhe betrug dann 750, wie man dem Antwortschreiben entnehmen kann. Die Schreiben des Verlags sind die ersten Jahre übrigens nie mit einem Namen unterzeichnet - eine heute äußerst befremdlich anmutende Gepflogenheit -, stets nur mit "Ew. Hochwohlgeboren ergebenste Weidmannsche Buchhandlung". Erst durch die bevorstehende persönliche Begegnung im Zuge einer Deutschlandreise Grüns fühlt sich Reimer "so frei", sich mit Namen vorzustellen. Die Korrespondenz besteht über die Jahre, wie der Herausgeber Dietmar Scharmitzer in seinem Nachwort schreibt, aus "Courteoisien zwischen den Herren", leider ist der auflockernde Literaturbetriebstratsch etwas spärlich gesät (Hoffmann von Fallersleben "ist ein eitler Herumtreiber geworden"). Die Bücher Grüns sind keine Bestseller, die kleinen Auflagen verkaufen sich aber beständig, also folgen die Neuauflagen aufeinander, der Autor schickt "Corrigenda" und beschwert sich nachträglich über Druckfehler, die Verleger machen Honorarvorschläge und entschuldigen sich für die Fehler ("es ist auch uns eine Angelegenheit Mühen und Kosten nicht zu sparen, um diese Plage zu verbannen"). Es sind aber nicht zuletzt die Hinweise auf die Zensur ("gegen mich eingeleitete Inquisitionen und Vexationen"), die den Briefwechsel als Zeitdokument interessant machen. Verlagspolitisch und -geschichtlich spannend sind die Versuche Grüns, die Abdruckrechte seiner "Spaziergänge eines Wiener Poeten", die 1831 mit großem Erfolg bei Hoffmann & Campe in Hamburg erschienen sind, von dort loszueisen, sowie die Trennung der Verlagsleiter 1853, was zur Gründung des Berliner Hirzel-Verlags führte, der in der Folge für die Betreuung des Grimm'schen Wörterbuchs bekannt wurde.

Nach Karl Reimers Tod 1858 werden die Courteoisien spärlicher, spätestens als sein Sohn 1865 das Ruder im Verlag übernimmt, weht ein kaufmännischer Geist durch die Korrespondenz. Grün gerät zusehends aufs Abstellgleis, über den Absatz seiner Bücher kann Hans Reimer 1866 "nicht sehr erfreuliches melden" – auf Vorhaltungen Grüns, dass sich der Verlag zu wenig einsetze für seine Bücher, schreibt Reimer lapidar, Grüns Baisse liege "mehr an der jetzigen Zeit als am Verleger". 1872 schließlich verkauft der Weidmann-Verlag, weil der Absatz der Bücher "kein sehr günstiger" ist, die Restauflagen an Braumüller in Wien, Salomon Hirzel wollte Grün auch nicht in sein Verlagshaus aufnehmen. Scharnitzers Kommentar ist stellenweise etwas sparsam ausgefallen, so hätte etwa der unbedarfte Leser gerne erfahren, was "Krebsfuhren" sind, "diese unselige Eigentümlichkeit des deutschen Buchhandels", wie Hirzel 1845 schreibt; und ein wenig länger als in einen Absatz im Vorwort wäre man gerne über die Briefpartner Grüns informiert worden. Von solchen Kleinigkeiten abgesehen kann man sich aber nur darauf freuen, dass das Forschungsschiff "Manu Sripta" bald weitere Schätze aus der Handschriftensammlung der Wienbibliothek heben wird.

 

Wolfgang Straub
25. Juni 2009

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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