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Carl Djerassi: Vier Juden auf dem Parnass.

Ein Gespräch.
Benjamin - Adorno - Scholem - Schönberg.
Mit Fotokunst von Gabriele Seethaler.
Aus dem Amerikanischen von Ursula-Maria Mössner.
Innsbruck, Wien: Haymon Verlag, 2008.
212 S.; geb.; EUR 24,90.
ISBN 978-3-85218-555-2.

Link zur Leseprobe

Eine heute literarisch kaum noch angewandte Form, der Dialog, wurde von Platon etabliert: als Modus philosophischer Erörterung, wobei über verschiedene Ansichten im Verlauf der Wechselrede Einsichten zu gewinnen sind. Eher schwer zu vermittelndes Gedankengut ist auf diese Art nachvollziehbar, lebendig und auf unterhaltsame Weise näher zu bringen – nicht von ungefähr vereint der Ausdruck die Bedeutungen "sich unterreden, unterhalten" (dialégesthai) und "Fließen von Sinn" (dia-logos) in sich. Im Humanismus sollte diese Textsorte vor allem für politische und wissenschaftliche Auseinandersetzungen Bedeutung erlangen: Die Reformation zog eine Flut polemischer Streitschriften nach sich; Erasmus von Rotterdam führte mit Ulrich von Hutten derart sein Gefecht, während Galileo Galilei in den Diskussionen seines "Dialogo" Argumente für das kopernikanische Weltbild gegen jene des ptolemäischen antreten ließ – eine Schrift, die viel über die zeitgenössische Wissenschaft aussagt, und die persönliche Meinung des Autors dabei versteckt.

Wenig verwunderlich insofern, dass Carl Djerassi als emeritierter Naturwissenschafter ("Mutter der Pille", nach seiner eigenen Diktion) und nunmehr Verfasser von Theaterstücken und Romanen mit dieser seither raren Form sympathisiert: In seinem "Dokudrama" führt er uns auf den Parnass und in die dort versammelte Gesellschaft vier berühmter Protagonisten, die schon zu Lebzeiten der Überzeugung waren, für diesen Ort bestimmt zu sein – als Metapher höchster Anerkennung für literarisches, musikalisches oder geistiges Schaffen. Erlangten Adorno, Scholem und Schönberg schon zeitlebens dort ihren Platz, durfte Benjamin ihn erst posthum, zwei Jahrzehnte nach seinem Freitod und der eigentlichen Entdeckung seiner Schriften beziehen. Zu seiner Kanonisierung trug sein vormaliger Freundeskreis entscheidend bei. Über eben solche Prozesse unterhalten die Untoten sich – und dabei menschelt es gehörig.

Denn was Djerassi vor allem interessiert, sind die biografischen Lücken, die die Hagiografien der vier Männer geschlagen haben: Obwohl Adorno, Benjamin und Scholem als Briefschreiber so leidenschaftlich wie eifrig waren und wenigstens zeitweise mit intelligenten, gebildeten, tatkräftigen Frauen verlobt bzw. verehelicht, enthalten ihre Korrespondenzen untereinander bestenfalls Marginalien über diese Beziehungen. Dabei sorgte Dora Benjamin nicht nur großteils für den Unterhalt ihres Gatten, sondern auch dafür, dass seine labile Verfassung nicht vollends aus dem Lot geriet. Seitensprünge beider Partner und Geldfragen vor und nach der Scheidung spielten bei Scholems eine ähnlich gravierende, mitunter hässliche Rolle. Die Beziehung von Adorno und Gretel Karplus dagegen glich derjenigen voneinander völlig abhängiger Siamesischer Zwillinge: Auch wenn Adorno ein chronischer Schürzenjäger war und sich nicht scheute, selbst Freunden Hörner aufzusetzen, blieb die promovierte Chemikerin und zwischenzeitliche Leiterin einer Lederwarenfabrik ihm fast ausnahmslos treu – und treu ergeben: so sehr, dass sie in "Teddies" Auftrag sogar die an eine andere adressierten Liebesbriefe tippte. – Derlei zu erwähnen hat mehr als bloß private Dimension: diktierte Adorno doch seiner nachmaligen Frau nicht nur dies und seine Träume (über Bordellbesuche beispielsweise), sondern auch fast alle seiner Buchmanuskripte. Als stille Mitautorin und Faktotum unterstützte und ermöglichte sie seine so außerordentliche Produktion. Auch den meist mittellosen Benjamin versorgte sie mit Büchern, Schreibpapier, Ermutigungen und Geld. Im erst kürzlich edierten klandestinen Briefwechsel (1) mit ihm zumindest erscheint sie als schreibende Frau von eigenem Recht. Im Versteck ihrer Namen "Detlef" und "Felizitas" sind sie einander zugetan; dass sie dabei auffallend rasch vom damals unter Intellektuellen üblichen "Sie" zum "Du" übergehen, lässt auch auf eine intime Begegnung in realiter schließen.

Die chemisch-literarische Metapher der Wahlverwandtschaften böte sich angesichts diverser Liaisons und Bande untereinander an. Indes wählte der Autor das so genannte Bündnisschach als Leitmotiv, das das Buch durchzieht: Arnold Schönberg hatte es erfunden, für vier Spieler, die abwechselnd soziale Koalitionen bilden. Die Herren gestehen sich derart voreinander Schwächen und Treulosigkeiten ein; Ehefrauen und Geliebte treten auf und in den Zeugenstand, um fehlende Fakten zu erhellen – und so wenden die jeweiligen Archive der vier männlichen Genies sich gegen diese selbst, wenn mit Zitaten und bislang nur wenig bekannten exegetischen Details aufgefahren wird. Diese hat Djerassi penibel recherchiert und um sie herum recht vergnügliche Episoden und Schnurren gestrickt, um die Genies zu erden. Woran die eigene Unsterblichkeit abzulesen sei, fragen sich die vier nämlich immer wieder: an Briefmarken, der Benennung von Plätzen, an Gräbern? – "Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten", notierte Benjamin in seinen Thesen "Über den Begriff der Geschichte", wo ein Aquarellbild eine zentrale Rolle spielt: der "Angelus Novus" von Paul Klee, von welchem wiederum Carl Djerassi als Sammler und Kenner eine Menge anderer Arbeiten besitzt. An diesem Bild nun, gleichsam dem Logo Benjamins, exemplifiziert sich abermals der Vorgang einer Kanonisation, denn erst der Essay, dem es als Metapher dient, machte es berühmt.

Aus ihm schließlich entwickelt Djerassi seine Gegenthese zur Geschichte: Hatte Klee nicht mit dem Engel Adolf Hitler im Sinn, als homo novus, als Parvenü, der sich eben 1920, als das Bild entstand, schwadronierend zum professionellen Agitator aufgeschwungen hatte? Als Sprachrohr Carl Djerassis bringt Schönberg damit die anderen drei gegen sich auf, die das Bild pikanterweise hintereinander besessen hatten und es liebten. Womit das Gespräch im eigentlichen Thema gipfelt: der Judenfrage, und zwar jener vor dem Holocaust. Diese nämlich stellte sich in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts für Angehörige der jüdischen Intelligenz im deutschsprachigen Mitteleuropa mit einer zunehmenden Dringlichkeit. "So belanglos uns diese Problematik angesichts dessen, was sich dann wirklich ereignete, anmuten mag, weder Benjamin noch Kafka noch Karl Kraus sind ohne sie verständlich", führt Hannah Ahrendt dazu in ihrem Benjamin-Essay aus. (2) Besonders heftig wurde die Aporie einer assimiliert jüdischen Gesellschaft in einer nicht-jüdischen Umwelt im Gefolge des Aufsatzes "Deutsch-jüdischer Parnass" von Moritz Goldstein, 1912 diskutiert. Die Angehörigen dieser Generation wollten nicht mehr zurück zu ihr fragwürdig gewordenen Traditionen. Den Anbruch einer neuen Zeit, an deren Schwelle sie standen, sahen sie vor allem als Untergang, und die auf ihn zu führende Geschichte als einen Haufen Trümmer. Eben jene Frage um jüdische Identität betrifft auf je unterschiedliche Weise die vier in diesem Gespräch; sie betraf auch den "nichtjüdischen Juden" Paul Klee, der für die Nazis ein "typisch jüdischer Maler" war; und sie betrifft Carl Djerassi selbst, der derselben jüdischen Untergruppe vor dem Zweiten Weltkrieg Geborener angehört, als Jugendlicher aus dem annektierten Österreich geflohen war und in den USA dann auf nichts als Assimilierung bedacht, besessen von seinem Forscherdrang.

Über dieses Schlüsselthema nimmt er eine Selbstbefragung vor, wie schon in seinen früheren Romanen und Stücken. Dass er sich damit ebenfalls auf dem Parnass einschreibt, wird ihm nach zwanzig Ehrendoktoraten niemand abspenstig machen. Die Lust am Detektieren und seine "intellektuelle Promiskuität" jedenfalls verhelfen ihm zu recht unorthodoxen Gedankengängen. "Science-in-Fiction" nennt Djerassi diese Zwitterform aus recherchierten Fakten und Erfundenem, wobei Letzteres stets auf Prämissen und Argumentationen gründet, die plausibel klingen. Das Durchspielen von Hypothesen führt ihn in diesem Buch auch zur so originellen wie einleuchtenden Vermutung darüber, was sich denn wirklich in Benjamins verschollener Aktentasche befand: etwas nämlich, das eben in niemandes Hände fallen sollte: eine kulturgeschichtliche Sammlung von Erotica und Pornografica in allen Diversifizierungen und Härtegraden, die wohl auf Anregung von Georges Bataille angelegt worden war und ihm als Material für einige Kapitel des "Passagen-Werks" gedient haben mochte: als eine der wenigen Stellen, wo er sich zum Thema Sexus äußerte, das ihn durchaus sehr beschäftigt hat, in der Benjaminologie jedoch bislang ausgespart blieb. – Dass kurz nach Erscheinen von Djerassis Buch die Nachricht über die Bergung von Kafkas Pornografiesammlung durch die Medien ging (3), mag indirekt als Bekräftigung der These über den Tascheninhalt gelesen werden.

Die Prosa der Dialoge ist nicht notwendig die geschmeidigste, gewiss. Doch erlaubt die direkte Rede es, die Figuren aus sich heraus zu charakterisieren und tatsächliche (Brief-)zitate einzubinden. Adepten und Adoranten der Handelnden werden solche Lese- und Vorgangsweisen eines Autors womöglich irritieren; weniger Eingeweihten mag das Gespräch zu tiefer gehender Beschäftigung mit dem einen oder der anderen verführen – kundige biografische Hintergrundinformation am Anfang jedes der Kapitel kommentieren den Folgedialog und laden ein, sich mit den jeweiligen Werken und der Sekundärliteratur dazu zu beschäftigen, sie anders zu lesen oder überhaupt erst: Verweise darauf finden sich reichlich im bibliografischen Apparat. Um die Konstellationen und Ableitungen auch optisch nachvollziehbar zu machen, hat Gabriele Seethaler als Fotografin mit naturwissenschaftlichem Hintergrund das Buch mit knapp 120 Bildern ausgestattet, die mehr als bloße Illustrationen sind: Neben Porträtfotos der handelnden Personen und Reproduktionen von Zeichnungen und Gemälden sind es vor allem Bildmontagen und durch morphing entstandene Motive, die zum Einsatz kommen. Den Kunstwert der Bilder zu diskutieren ist hier nicht der Ort; auf alle Fälle jedoch lassen sie sich sinnig mit Benjamins Kunstwerk-Aufsatz gegenlesen und also als Buch-Illuminationen sehen.

(1) Gretel Adorno / Walter Benjamin: Briefwechsel 1930-1940, hrsg. von Christoph Gödde und Henri Lonitz, Suhrkamp, Frankfurt/Main 2005
(2) Hannah Arendt: Walter Benjamin (Essay, 1968/71), in: Arendt und Benjamin. Texte, Briefe, Dokumente, hrsg. von Detlev Schöttker und Erdmut Wizisla, Suhrkamp, Frankfurt/Main 2006, p. 75ff
(3) Andreas Breitenstein: Kafka, überscharf. Die Pornografiesammlung "entdeckt", in: Neue Zürcher Zeitung, 7. August 2008

Ulrike Matzer
14. Oktober 2008

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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