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Nicholas Boyle: Kleine deutsche Literaturgeschichte.

Übers.: Martin Pfeiffer.
München: Beck Verlag 2009.
272 S.; geb.; Euro(A) 18,40.
ISBN 978-3-406-58663-7.

Knapp ein Jahr nach der englischen Originalausgabe präsentiert Nicholas Boyle, Germanistikprofessor in Cambridge, seine "Very Short Introduction" in die deutsche Literatur vom 18. Jahrhundert bis heute in deutscher Übersetzung. Erkundungen über die Beziehungen zwischen den englisch- und deutschsprachigen literarischen Feldern im Lauf der Jahrhunderte sind dabei nicht das Ziel, allenfalls werden manche Petitessen ins Gedächtnis gerufen, etwa dass Walter Scott Goethes "Götz von Berlichingen" übersetzt hat.

Prinzipiell begrüßenswert ist Boyles Ansatz, die materiellen Bedingungen von Literatur und die politische Verfasstheit der Gesellschaft im Auge zu behalten. "Im 18. Jahrhundert war Deutschland eine stagnierende Gesellschaft, in der die wirtschaftliche und politische Macht weitgehend in den Händen des Staates konzentriert war", ist zu Beginn zu lesen. Ach wäre es nur so gewesen, doch es waren eben viele viele kleine Staaten und genau das stand dem Warenverkehr zunehmend entgegen und war der Hauptgrund für die Stagnation. Wohl ausgehend vom Klischee des deutschen Beamtenstaates setzt Boyles Analyse etwas im Unscharfen an mit der zentralen Frontstellung Bürger- (für ihn zuständig für realistische Erzählhaltungen) versus Beamtentum, spezialisiert auf philosophische Innenschau. "Im Zuge ihres Aufstiegs kämpfte die Bourgeoisie mit den seit langem etablierten bürgerlichen Werkzeugen staatlicher Macht, den Beamten, um Selbstachtung und kulturelle Identität", meint Boyle und sieht damit doch recht großzügig über die Konfrontationen zwischen erster und zweiter Gesellschaft hinweg.

Mitunter lassen die flott formulierten Aussagen nicht klar erkennen, ob es sich primär um inhaltliche oder sprachliche Missverständnisse handelt: "In Bismarcks neuem Deutschland bekam das Wirtschaftsbürgertum seinen Platz, aber man hielt es an der kurzen Leine. Es erhielt eine Stimme im Reichstag". Verwunderlich sind mitunter selbst Aussagen zu Boyles eigentlichem Fachgebiet – seine bisher zwei Bände zu Goethe fanden große Beachtung –, etwa die These, Goethes "Wilhelm Meister" nehme "Techniken des 'magischen Realismus' um über hundert Jahre vorweg", ohne die zeitlich und mentalitätshistorisch doch näher liegende Affinität zu Konzepten der Romantik zu erwägen.

Leichte Irritation lösen auch zahlreiche moralisch grundierte Urteile aus. "Die Vision [Georg] Kaisers war düster. Doch nicht alle Expressionisten waren so apolitisch." Auch wenn man den Vorwurf "spätbürgerliche Dekadenz" heraushört, ist dieser Nexus nicht prinzipiell haltbar, die Literatur – auch die englische – kennt zahllose Beispiele hochpolitischer Dystopien. "Ein Gefühl dafür, daß es nicht nur auf die Politik ankommt, sondern daß politische Institutionen ebenfalls von Bedeutung sind, fehlt im ansonsten vielfältigen und oft sehr humanen Werk des Lyrikers und Dramatikers" – den Namen würde man nach dieser Ouvertüre nicht gleich erraten, es ist von Bert Brecht die Rede. Dessen Familie, "Papierfabrikanten in Augsburg, gehörte der verschwindenden Bourgeoisie an" – ein langer Prozess, der nicht einmal mit dem aktuellen Wirtschaftscrash zum Abschluss finden wird. Das Exil "bedeutete" für Brecht dann "Befreiung" – auch das ein Gefühlsurteil, das man so nicht hinnehmen möchte.

Dass Boyle sich an die Namen und Werke des etablierten Kanons hält, in dem Autorinnen kaum vorkommen, und dabei noch Auslassungen in Kauf nehmen muss, ist verständlich, eine Kanonrevision mit dem Blick von außen versucht er jedenfalls nicht. Die einzige radikale Umwertung betrifft W. G. Sebald: Mit dem können es weder Jelinek noch Handke aufnehmen – nicht zu reden von Thomas Bernhard, den Boyle gar nicht schätzt. Aber diese Umwertung kann auch eines der sprachlichen Missverständnisse sein, denn der diesbezügliche Absatz – es ist der letzte des Österreich-Kapitels – gibt doch Interpretationsrätsel auf: "Jelineks erbarmungslose Dekonstruktion der Formeln gewöhnlicher Sprache, besonders im sexuellen Bereich, hat Parallelen im frühen Werk von Peter Handke, dessen 'Publikumsbeschimpfung' in der Bundesrepublik und international beträchtliche Erfolge verzeichnete. Doch wahrscheinlich sind nur die Sympathien der freiwillig ins Exil gegangenen Ingeborg Bachmann so umfassend gewesen, daß ihre Verschmelzung von Vergangenheit und Gegenwart den Vergleich mit dem Werk von W.G. Sebald aushält." Alles klar?

Es liegt nicht nur an der Kürze, dass die beiden angehängten Kapitel über Österreich und die Schweiz eher grotesk wirken, ein kundiges Lektorat hätte vielleicht einiges verhindern können. Sichtlich überhastet für die deutsche Ausgabe geschrieben, fehlen sie in der Originalausgabe, können also zumindest im angloamerikanischen Raum keinen Schaden anrichten. Manche Formulierungen sind zwar nicht richtig, treffen aber irgendwie eine höhere Wahrheit: "Im Jahr 1899 gründete der Satiriker und Kabarettkünstler Karl Kraus seine Zeitschrift". Arthur Schnitzler hingegen ist "ein Dramatiker und Prosaschriftsteller, der schon früh mit Hofmannsthal befreundet war" und die Rollen analysierte, "welche die Sexualität und der Tod bei der Konstruktion der Persönlichkeit und sogar der Gesellschaft spielen, und dafür wurde er von Freud gelobt." Georg Trakl "hatte eine ungefestigte Wesensart und nahm Drogen, aber seine ätherisch-synästhetischen, leicht archaischen Gedichte, die ausgiebige Anleihen bei Hölderlin machten, trugen ihm die Bewunderung von Karl Kraus und finanzielle Unterstützung durch Wittgenstein ein." Und selbst Rilke schaffte es "durch schieren Fleiß", sich bis zu einem Punkt vorzuarbeiten, "an dem er seine persönliche Berufung als ernsthafte Reaktion auf die Herausforderung seiner Zeit formulieren konnte".

Bachmann griff dann "in ihrer Lyrik auf Celan zurück"; sie ist zwar nur sechs Jahre jünger als Paul Celan und es war sie, die dafür gesorgt hat, dass Celan zur Lesung der Gruppe 47 eingeladen wurde. Da Boyle beim Abschnitt zur Gruppe 47 Celan relativ ausführlich behandelt und Bachmann nicht einmal erwähnt, wird dem Nicht-Fachmann diese Schräglage gar nicht auffallen. Im Schweiz-Kapitel, das nur knapp ein Drittel des österreichischen umfasst, ist vielleicht die "originellste" Interpretation jene zu Friedrich Dürrenmatt: mit der Brechtschen "Technik der Distanzierung des Publikums von der Handlung" erzeuge er einen Effekt "der auf seltsame Weise demjenigen der Neutralität der Schweiz" ähnlich sei. "Eine kluge und schlüssige Synthese", urteilte die FAZ, doch die Stolpersteine und Unschärfen sind doch kaum zu übersehen. In einer Besprechung auf literaturkritik.de war jüngst gar zu lesen, man folge gern "dem Cambridge-Professor mit seiner pointierten, stilistisch hervorragenden Sprache durch die Jahrhunderte." Es ist vielleicht die Titulatur, die die zahlreichen Fehler, Halbheiten und sprachlichen Unwägbarkeiten für den Rezensenten umwandelt in "eigenwillige Thesen" und einen "fremden Blick auf das Gewohnte", der "weitaus mehr als Kanonwissen" vermittle.

Evelyne Polt-Heinzl
28. September 2010

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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