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Dimitré Dinev: Ein Licht über dem Kopf.

Erzählungen.
Wien: Deuticke, 2005.
186 S.; geb.; Eur. 17,90.
ISBN 3-552-06000-6.

Link zur Leseprobe

Ein Licht über dem Kopf kann für die Menschen, von denen Dimitré Dinev in seinen Geschichten erzählt, vieles bedeuten. In der Praxis des Überlebens ist es eine Taxilampe am Autodach. Taxifahren ist ein Job für Zuwanderer, und Arbeit zu haben, ist für viele von ihnen die Bedingung dafür, dass sie offiziell im Land bleiben dürfen und nicht zurück gezwungen werden oder in den Untergrund abtauchen müssen.

Dinev spannt in seinem Erzählband einen kleinen historischen Bogen. Einige der Geschichten sind in der Zeit der kommunistischen Diktatur in Bulgarien angesiedelt und führen dort in eine seltsam anmutende, vormoderne Welt. Das Leben der durchwegs verzweifelten Protagonisten ist von Gewalt, Hoffnungslosigkeit und Armut bis zum Verhungern gezeichnet. Sehr makaber ist das Geschehen zum Teil: Ein Polizei-Inspektor lässt den Liebhaber seiner Geliebten verhaften, töten und aus dessen Haut eine Handtasche nähen. Das weitere Schicksal dieser tödlichen Liebesgabe wird in Verbindung mit dem ihrer nachfolgenden Besitzer als Reigen des Unglücks inszeniert.

Andere Geschichten folgen Flüchtlingen und Einwanderern, die sich nach legaler oder illegaler Einreise in Österreich befinden. Im alten Bulgarien wie im modernen Österreich kann das Leben buchstäblich auf das Überleben (nicht Verhungern oder getötet werden) beschränkt sein. In Containern voll mit Särgen oder Autoreifen werden manche von ihnen eingeschleust, durchschreiten eine Unterwelt, um vielleicht in der nächsten zu landen. Als menschliches Strandgut irren sie am Rand der zivilisierten Gesellschaft umher und sind vom Recht auf Gestaltung ihres eigenen Lebens ausgeschlossen. Es ist vor allem dieser Aspekt des Getriebenwerdens, den Dinev in seinen Geschichten hervorhebt, und in dem die Vorstellung von einem unbeeinflussbaren Schicksal so plausibel - sogar tröstlich - erscheint.

Dinev ist kein trockener Realist und er verlässt sich nicht auf die faktische Darstellung des Geschehens allein. Das Buch ist geprägt durch einen Wechsel von berichtender Verknappung, lakonischem Witz und pathetischen (manchmal leider auch banal-kitschigen) Schlussfolgerungen. Deutlich ertönt in all dem die Stimme eines auktorialen "Erzählers", der mit seinen Einschätzungen und Erklärungen das Lesen dirigiert. Offensichtlich hat der Autor eine Vorliebe für antithetische Sinnfiguren, denn diese rhetorische Form wird ein wenig überstrapaziert.

Verlage sollten mit ihren Klappentexten manchmal vorsichtiger sein und den Autoren die Latte nicht so hoch legen. Was hat denn in der zeitgenössischen Literatur die fragwürdige Kategorie des "Meisterwerks" zu suchen, dieser Endpunkt von Kanonisierung? Wenn nun aber schon die literarische "Größe" herbeizitiert wird, wie es hier der Fall ist, sollte das Buch einer genauen Lektüre standhalten können. Das tut es nicht. Die emphatische Umklammerung des Lesers überdeckt die erzählerische Ungenauigkeit nur an der Oberfläche. Deshalb wirken die "Poesie" und der "Humor", die Dinev im Elend zu erkennen meint, oft so aufgesetzt und so simpel. Was man in dem Buch über das Leben von Asylanten und Flüchtlingen erfährt, ist interessant und erschütternd. Aber sein literarisches Vorhaben, das Schöne und Schreckliche nebeneinander zu stellen, ist Dinev nicht besonders gut gelungen.

Christine Rigler
4. Juli 2005

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

 

 

 

 

 

 

 

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