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Sigrid Schmid-Bortenschlager: Österreichische Schriftstellerinnen 1800 - 2000.

Eine Literaturgeschichte.
Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2009.
240 S., geb.; Euro 39,90.
ISBN 978-3-534-22727-3.

Einstmals galt die Literaturgeschichtsschreibung als Königsdisziplin der Philologen. Dass dies mittlerweile nicht mehr der Fall ist, ist den theoretisch anspruchsvollen akademischen Methodendiskussionen der letzten vier Jahrzehnte zu verdanken. Denn im Lichte der Ideologiekritik und der erkenntnistheoretischen Dekonstruktion verlor die Vorstellung eines kontinuierlichen, womöglich gar teleologisch sinnvollen Geschichtsverlaufs jegliche Plausibilität. Und im Zuge dieser Neubewertungen wurde auch die bevorzugte Darstellungsform der Literaturgeschichtsschreibung fragwürdig: Die große, epochenübergreifende Monographie wich zusehends der essayistischen Annäherung, die sich für Brüche, Fragwürdigkeiten und Ausschlüsse interessierte und den so genannten "großen Linien" mit Misstrauen begegnete.

Wie es bei einer "Königsdisziplin" kaum anders zu erwarten ist, hatte die Literaturgeschichte alten Stils für Frauenliteratur nur untergeordnete Plätze übrig, wenn nicht überhaupt der wohlbekannte "Mantel des Schweigens" über sie gebreitet wurde. Es ist das Verdienst engagierter Wissenschaftlerinnen, diese Vorherrschaft männlicher Sichtweisen in jahrzehntelanger Forschungs- und Argumentationsarbeit gebrochen zu haben. Die nachhaltigste Infragestellung der Literaturgeschichtsschreibung ging also von der feministischen Wissenschaft aus, die mittlerweile ihren Außenseiterstatus hinter sich gelassen hat und unter dem Markenzeichen "Gender Studies" international etabliert ist.

Zu den Wissenschaftlerinnen, die die Frauenforschung in Österreich durchgesetzt haben, gehört Sigrid Schmid-Bortenschlager, Professorin am Institut für Germanistik der Universität Salzburg. Sie arbeitet seit dreißig Jahren an der Erforschung der Frauenliteratur in historischer Perspektive, und die Ergebnisse ihrer Arbeit liegen in einer Fülle einzelner Studien und Essays vor. Nun hat Schmid-Bortenschlager eine Überblicksdarstellung über das Schaffen österreichischer Schriftstellerinnen der vergangenen 200 Jahre riskiert – und dass es sich bei dieser Unternehmung um ein Wagnis handelt, ist der Autorin selbst durchaus bewusst. In ihrem Vorwort resümiert sie die Bedenken, die gerade aus feministischer Perspektive gegen einordnende Resümees geltend gemacht werden können, aber sie erläutert auch die Motive, die sie dazu bewogen haben, eine weibliche Literaturgeschichte dennoch zu versuchen. Vor allem liegt ihr daran, den schreibenden Frauen von heute bewusst zu machen, dass deren Produktion in einer Tradition steht, die weiter zurückreicht, als die Literaturgeschichten lange glauben machen wollten.

Mit dieser Besinnung auf die eigene Tradition setzt sich Schmid-Bortenschlager in einen bewussten Gegensatz zur poststrukturalistischen Theorie der "Ècriture feminine". Hélène Cixous, Luce Irigaray und Julia Kristeva waren die Meisterdenkerinnen dieser Strömung, die in den siebziger und achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts das weibliche Schreiben vom männlichen kategorial zu unterscheiden versuchte. Schmid-Bortenschlager bestreitet nicht, dass sich die Arbeiten zeitgenössischer Autorinnen – etwa Friederike Mayröcker – mit den analytischen Mitteln der Ècriture feminine adäquat beschreiben lassen. Zugleich aber erklärt sie einleuchtend, dass sich "die Theorie einer anderen, avantgardistischen Schreibweise von Frauen nicht beweisen lässt" (S. 177), sobald es um die Vergangenheit geht. In ihrem Buch zeigt Schmid-Bortenschlager, dass genau das Gegenteil zutrifft: In den künstlerischen Avantgarden der letzten 200 Jahre waren Frauen zwar als Geliebte, Sekretärinnen und Nachlassverwalterinnen immer gern gesehen, als ernsthafte künstlerische Konkurrentinnen wurden sie jedoch bekämpft. Diese Frauenmissachtung unbürgerlicher Avantgardisten erklärt Schmid-Bortenschlager psychoanalytisch als "Gebärneid" (S. 19), also sozusagen als männliche Parallelaktion zum besser bekannten "Penisneid": Bei allen Unterschieden im Detail wollten alle kunstrevolutionären Genies eine Welt erschaffen, in der die Gesetze der Fortpflanzung außer Kraft gesetzt wären. Da ein künstlerischer Supermann nicht imstande war, Kinder zur Welt zu bringen, erschuf er wenigstens unerhörte Kunstwerke, deren Wert sich erst der Nachwelt ganz und gar enthüllen sollte. Damit war das Nachleben auf unbiologischen Wegen gesichert. Doch konnte diese kreative Potenz offenbar nur dadurch aufrechterhalten werden, dass sie den zur Mutterschaft befähigten Frauen abgesprochen wurde.

Die weibliche Kreativität verwirklichte sich also, so Schmid-Bortenschlagers zentrale These, genau nicht im avantgardistischen Rahmen, sondern vor allem in literarischen Formen, die in der alten Literaturgeschichtsschreibung meist als kleine, wenn nicht gar mindere Genres angesehen wurden: Also etwa der Autobiographie, der Reise- und Briefliteratur, der Lyrik, dem historischen Sachbuch und der Kinderliteratur (dass gerade sie seit eh und je eine Domäne der Frauen war, ist unter genderkritischem Geschichtspunkt nicht sehr überraschend). Die überblicksartige Darstellung beginnt mit Caroline Pichler, die noch dem 18. Jahrhundert entstammt, und endet mit Autorinnen, die heute aktiv sind, wobei Kathrin Röggla, geboren 1971, die jüngste ist, die als literaturgeschichtswürdig erachtet wird (auch eine feministische Literaturgeschichte ist kanonbildend, wie Sigrid Schmid-Bortenschlager weiß, und deshalb ist es eine Wertsteigerung, wenn der Name einer Autorin hier genannt wird, während alle Ungenannten ihr Fehlen als kränkende Wertminderung empfinden werden. Auch dies gehört zu den Risiken der Literaturgeschichtsschreibung, sofern sie sich bis in die Gegenwart vorwagt.)

Sigrid Schmid-Bortenschlager zeigt also in einem kurz gefassten Durchgang durch zwei Jahrhunderte, dass die Literatur der österreichischen Schriftellerinnen reichhaltiger ist, als es das geläufige Vorurteil lange wahrhaben wollte. Insbesondere im späten 19. Jahrhundert, also im Umfeld der ersten Frauenbewegung, der es um Wahlrecht, Studienmöglichkeiten und bessere Arbeitsbedingungen für Frauen ging, stellt Schmid-Bortenschlager eine Reihe von Autorinnen vor, deren Namen man in patriarchalischen Literaturgeschichten vergebens suchen wird. Um nur ein Beispiel zu nennen: 1873 schrieb Franziska von Kapff-Essenther eine dreibändigen Roman mit dem Titel "Frauenehre", in dem die Geschichte einer Frau erzählt wird, der es gegen viele Widerstände gelingt, ein Medizinstudium zu absolvieren, die aber dafür auch schwere Identitätskrisen in Kauf nimmt.

Allerdings stellt Schmid-Bortenschlager nicht nur Frauenrechtlerinnen vor. Sie beachtet auch Autorinnen wie Gertrud Fussenegger oder Maria Grengg, deren Romane völkisch-nationalsozialistische Blut-und-Boden-Ideologien verbreitet haben. Auch das ist ein Verdienst ihrer Darstellung. Gewiss werden Leben und Schaffen all dieser Autorinnen nur kursorisch abgehandelt, doch ist das der Verfasserin nicht anzulasten, denn es gehört zum Wesen des "Überblicks". Wer es genauer wissen will, muss die Spezialliteratur zu Rate ziehen, die in der ausführlichen Bibliographie am Ende des Buchs angeführt ist.

Es ist also viel Gutes über dieses Buch zu sagen. Weniger gut ist allerdings die Sprache, in der sich die Autorin artikuliert. Die Theoretikerinnen der Ècriture feminine schrieben immer einen sehr elaborierten Stil, der Außenstehenden meist nur schwer einleuchtete. Im Gegensatz dazu ist Schmid-Bortenschlager um Allgemeinverständlichkeit bemüht, wie es dem Einführungs-Charakter des Buchs entspricht. Ihrem genderkritischen Ansatz entsprechend, führt sie dabei das Femininum immer ausdrücklich an, damit die Frauen niemals nur "mitgemeint" sind. Das führt einerseits zur durchgängigen Verwendung des alten Wortspieles "man /frau", das mittlerweile durch allzu inflationären Gebrauch zum Kalauer heruntergekommen ist. Und Formulierungen wie "(Im)Migrant/inn/en-Literatur" machen einen etwas gequälten Eindruck – gequält wird so nämlich die Alltagssprache, zu deren Möglichkeiten derartig künstliche Wortbildungen nicht gehören.

Nun lassen sich diese Bedenken noch als – überdies männlich geprägtes – Geschmacksurteil relativieren. Andere Einwände sind jedoch gravierender. Vor allem ist zu bemängeln, dass eine sehr unsorgfältige Art der Formulierung an manchen Stellen den Wert des vorgetragenen Arguments beschädigt. Um nur zwei Beispiele unter vielen möglichen anzuführen: Auf S. 53 erklärt Schmid-Bortenschlager, dass manche Autorinnen im 19. Jahrhundert unter männlichem Pseudonym geschrieben haben, weil sie sich dadurch eine günstigere Aufnahme ihrer Texte beim Publikum erhofften. In diesem Zusammenhang heißt es: "Es mangelt ihr [der Schriftstellerin, H.S.] an Autorität, an der Berechtigung zur künstlerischen Tätigkeit, die Kritik bleibt schon am Geschlecht hängen, bevor sie sich mit Inhalt und Qualität des Textes auseinandersetzt – frau hat das Gefühl, fast zu hören, wie die verschiedenen Vorurteile im Hirn einrasten." Und auf S. 181f. steht zu lesen: "So führen die (auto-)biographischen Texte nicht nur zu den wichtigen Büchern über die Mutter-Tochter-Beziehung, sondern sie führen, über die private historische Schiene, und über die Schiene der Suche nach den großen Vorbildern, auch zur Auseinandersetzung mit der österreichischen Involvierung in den Nationalsozialismus, im Sinne der von der Frauenbewegung propagierten engen Verbindung von privat und politisch". Wenn die Kritik "am Geschlecht hängen" bleibt oder die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus gleich zweimal hintereinander auf sehr unschönen "Schienen" daher kommt, dann kann man der Autorin den Vorwurf der stilistischen Nachlässigkeit nicht ersparen – und frau wird wahrscheinlich in diesem Punkt auch nicht zu einer völlig anderen Ansicht kommen.

 

Hermann Schlösser
7. Oktober 2010

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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