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Zitate

[…] Jene wandernden Deutschen, die nach Afrika und Amerika, in die Steppen an der Wolga und die grünen Ebenen Ungarns, in die steinigen Bergdörfer des Kaukasus und die wehmütigen Felder der Slawen gegangen sind, scheinen mir die anmutigen, friedlichen und tapferen Träger einer deutschen Sendung zu sein, die es sicherlich gibt und die nicht eine Eroberung, sondern eine Befruchtung der Welt bedeutet. Und selbst in den gewaltsam vom Reich abgetrennten Deutschen, die lieber beim deutschen Staat geblieben wären,  sehe ich nicht nur die Opfer eines nationalen Missgeschicks, sondern auch – und vielleicht noch mehr – die Missionäre einer nationalen Idee und die Werkzeuge eines nationalen Schicksals. Die Selbstverständlichkeit, mit der Deutsche einem fremden Staat dienen und dem eigenen Volk treu bleiben können, scheint mir eher eine natürliche Friedfertigkeit, einen nüchternen Tatsachensinn und ein kosmopolitisches Verständnis zu beweisen als etwa einen offensiven nationalen Eifer. […]

aus: Joseph Roth. Werke 2. Das journalistische Werk. 1924-1928: Briefe aus Polen. Die deutsche Minderheit, S. 962 (zuerst in: Frankfurter Zeitung, 9. September 1928).
Ausgewählt von Daniel Reuter


Joseph Roth an Benno Reifenberg, Brief 22. IV. 1926.
[…] Man kann Feuilletons nicht mit der linken Hand schreiben. Man darf nicht nebenbei Feuilletons schreiben. Es ist eine arge Unterschätzung des ganzen Fachs. Das Feuilleton ist für die Zeitung ebenso wichtig, wie die Politik und für den Leser noch wichtiger. Die moderne Zeitung wird gerade von allem andern, nur nicht von der Politik, geformt werden. Die moderne Zeitung braucht den Reporter nötiger, als den Leitartikler. Ich bin nicht eine Zugabe, nicht eine Mehlspeise, sondern eine Hauptmahlzeit. Man möge doch endlich aufhören, zu glauben, daß ein noch so kluger Aufsatz über die Lage in Locarno den Leser fesselt und den Abonnenten gewinnt. […]
Mich liest man mit Interesse. Nicht die Berichte über das Parlament. Nicht die Leitartikel, nicht die Telegramme. Aber der Verlag glaubt, der Roth ist ein nebensächlicher Plauderer, den sich eine große Zeitung gerade noch leisten kann. Es ist sachlich falsch. Ich mache keine „witzigen Glossen“. Ich zeichne das Gesicht der Zeit. Das ist die Aufgabe einer großen Zeitung. Ich bin ein Journalist, kein Berichterstatter, ich bin ein Schriftsteller, kein Leitartikelschreiber.
[…]

aus: Joseph Roth. Briefe 1911-1939. Hrsg. Hermann Kesten. Köln: Kiepenheuer, 1970, S. 87f, überprüft anhand des Originals im Deutschen Literaturarchiv in Marbach / Neckar, Sammlung Benno Reifenberg, I.N. 96.17.1/5.
Ausgewählt von Heinz Lunzer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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