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Amaryllis Sommerer: Keine Wunde, Nichts.

Psychothriller.
Wien: Milena Verlag, 21010.
192 Seiten, brosch.; Euro 14,90.
ISBN: 978-3-85286-195-1.

Link zur Leseprobe

Was tun, wenn aus Theorie Praxis wird? Diese Frage stellt sich eines Morgens der übermüdeten Mara, die von einer langen Schicht nach Hause kommt.
Beim Fernsehsender arbeitet sie als Redakteurin, die die brutalsten Bilder aus den Filmen herausschneidet. Aber ein totes junges Mädchen neben den Mitskübeln im Hausdurchgang überfordert sie total. So lässt die 38 jährige Mara das tote Kind erst mal liegen, kehrt kurz darauf aber, von Gewissenbissen geplagt, zurück und ruft die Polizei.
Doch anstelle einer spannenden Ermittlung, in der man dem Mörder auf die Schliche kommt, stellt die Autorin die Gedankenwelt ihrer Hauptperson in den Mittelpunkt der Erzählung. Vieles davon hat nichts mit dem Tod des Mädchens zu tun.

Mara steckt gerade in einer Lebenskrise. Sie hat das Gefühl, im Leben nichts erreicht zu haben. Ihr Freund hat sie vor einem Jahr wegen ihres egoistischen Verhaltens verlassen. Für eine Familiengründung scheint es zu spät zu sein. Die Wohnsituation ist alles andere als ideal und der Job entspricht bei weitem nicht ihrer Qualifikation oder ihren Bedürfnissen. So träumt sie von einer Reise nach Island, ihrem persönlichem Utopia. Aber selbst dazu kann sie sich nicht aufraffen. So ist auch ihr problematisches Verhalten zu erklären, dass sich mehr um sie selbst dreht als um die Bedürfnisse der Opfer oder Nachbarn. Sie beginnt Menschen aus dem Bauch heraus zu verdächtigen, aber um das Schicksal der Hinterbliebenen oder um eine konkrete Aufklärung des Todes des drogensüchtigen Mädchens kümmert sie sich nicht. Im Gegenteil, der müde Polizist wird als Feindbild aufgebaut, dem dicken Nachbar, der keinen Sex hat, unterstellt sie mögliche Tatmotive. Selbst den Mann, für den sie schwärmt, verdächtigt sie.

Dabei ist nicht ganz ausgeschlossen, dass sie selbst durch den unsachgemässen Umgang mit dem Mädchen deren Tod herbeigeführt hat. Aber statt nachzufragen, quält sie sich lieber mit ihrem schlechten Gewissen und hört die Stimme des toten Mädchens, das zu ihr redet und von ihrem Schicksal auf dem Drogenstrich berichtet.
Aber Mara ist nicht völlig gefühlskalt gegenüber anderen Menschen. Sie entdeckt ihre Hilfsbereitschaft ausgerechnet für Resi, eine junge Alkoholikerin, die erst vor kurzen in ihr Haus gezogen ist. Als diese ihren Vater ersticht, der sie seit ihrer Kindheit missbraucht, verhilft Mara ihr zur Flucht. Resi dient ihr dabei mehr als Objekt um ihre eigenen psychischen Probleme durch eine vermeintlich gute Tat zu lösen denn als Partnerin.

Amaryllis Sommerers Buch hat wenige Momente eines klassischen Psychothrillers. Es gibt keine aussergewöhnliche Bedrohung. Die Aufklärung der Taten wird nebenbei erledigt und hat kaum einen Überraschungsmoment. So ist das Buch, anders als der Untertitel 'Psychothriller' verspricht, nicht spannend. Fast jeder Ansatz zur Spannung, jeder Dialog wird von selbstreflektiven Überlegungen der Protagonistin unterbrochen.
Aber der Autorin gelingt die Selbstbespiegelung einer Frau, die vor allem sich selbst am nächsten ist und sich dabei doch als Opfer fühlt. Es ist eine Frau, die zuviele 'Wenn' und 'Aber' kennt und so immer passiver wird.
Mara sieht zwar zum Beispiel, wie der Tod des jungen Mädchens politisch missbraucht wird, aber sie setzt sich nicht zur Wehr, sondern lässt es, wie so vieles in ihrem Leben, einfach geschehen. Wunderbar ist, wie Amaryllis Sommerer für diese Selbstbeschau der Hauptfigur einen lokal eng begrenzten Rahmen als Spiegelbild gefunden hat. Fast das ganze Buch spielt in den engen Hinterhöfen eines Wiener Mietshauses. Von Außen kommt fast nur das Böse, oder es wird als kitschige, aber unerreichbare Idylle erträumt.

Das Buch lässt einen nachdenklich zurück. Auch wenn eine Ausnahmesituation geschildert wird, fragt man sich, wie oft man selbst im Alltag wegsieht. Wie oft entscheidet man sich gegen das Mitgefühl und zugunsten eigener Bedürfnisse? Die Autorin schneidet brutale Themen wie Missbrauch und Vernachlässigung von Kindern an und beschönigt dabei nicht das Verhalten derer, die aus Bequemlichkeit wegschauen. Das Buch, die Theorie, ist also gar nicht so weit entfernt von der alltäglichen Realität, der wir alle begegnen.

Spunk Seipel
7. Oktober 2010

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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